Polen

Ein Land im Bernsteinfieber

In der engen Werkstatt von Jan Materek stehen Metallmaschinen auf allen Tischen im Raum verteilt. Der 55-jährige Künstler sieht mit seiner grauen Hose und dem langen Bart aus wie ein Fischer. In seinem Atelier in Mikoszewo an der Weichselnehrung, etwa 40 Kilometer von Danzig entfernt, organisiert er regelmäßig Bernstein-Workshops.
Der Künstler Jan Materek in seiner Werkstatt Mikoszewo
Katarzyna Tuszynska

Die Schleifmaschinen in seiner Werkstatt sind mit einem dicken, weißen Belag überzogen. Das weiße Pulver vernebelt den Raum, während der Künstler einen Schmuckstein aus dem fossilem Harz durchsägt. Es riecht nach der klebrigen Flüssigkeit. Jan Materek feilt das Bernsteinstück durch und zeigt einer Schülergruppe, wie der Stein tatsächlich aussieht. Im Innern hat das Stück eine zitronengelbe Farbe. Von außen sieht es wie Cognac aus. "Bernstein reagiert auf Sauerstoff. Mit den Jahren wird er immer dunkler, bis er schließlich auseinander bricht", erklärt der Künstler. "Die alten Stücke aus dem 17. und 18. Jahrhundert im Marienburg-Museum sind deshalb ganz zerknickt". Sein praktisches Wissen hat sich Jan Materek in den letzten 20 Jahren selbst angeeignet. Ab und zu verrät er Schülergruppen seine Geheimnisse in kleinen Vorträgen. Die Kinder kommen dafür aus ganz Polen angereist. Bei Materek dürfen sie die Steine anfassen, einzelne Stücke polieren. Immer wieder holt der Künstler neue, eindrucksvolle Bernsteinstücke hervor.  Was Jan Materek als Hobby in Heimarbeit herstellt wird jetzt in Danzig im Rahmen einer großen Bernstein-Ausstellung gezeigt. Die zahlreichen Stände bei der 15. Internationalen Bernsteinmesse Amberif sind ein Beweis dafür, dass sich die Bernsteinbranche im Norden Polens immer dynamischer entwickelt. Zur Eröffnung der Messe zeichneten die Amberif-Aussteller den Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz aus: mit einer Medaille und einer Bernsteinkrone für Bernsteinpromotion in der Wojewodschaft Pommern. "Diese Krone übergebe ich an unser Bernsteinmuseum in Danzig, dort wird sie unsere Kollektion bereichern", sagte Adamowicz in seiner Dankrede.Die größte Attraktion der Messe aber - und ebenfalls ein Geschenk an den Bürgermeister - ist ein Bernsteinmodell des Stadions Baltic Arena, das für die Fußball-Europameisterschaft 2012 in Danzig entworfen wird. "Ich habe das Bernstein-Stadion auf einen Stein montiert, damit es ein festes Fundament hat", erklärt der Künstler Mariusz Drapikowski, der das Werk erschaffen hat. Seine Skulptur wiegt 60 Kilo, acht davon sind reiner Bernstein.
Bernstein-Modell des Baltic Arena Stadions
Wieslaw Czerniawski

Eine Fläche von 5.000 Quadratmetern nimmt die Bernstein-Ausstellung im Danziger Messezentrum ein. Neben Bernsteinstücken und Schmuck werden dort wertvolle Kunststücke und Edelsteine präsentiert. Auch ein Vertrag über eine so genannte Bernsteinstrecke wurde auf der Messe unterzeichnet. "Das soll ein kultureller Weg von der Ostsee bis zu Adria werden", sagt Ewa Rachon, die das Projekt betreut. Außer staatlichen Behörden wollen auch Hochschulvertreter und touristische Organisationen bei der Aktion mitwirken.
 
Dem Danziger Beispiel folgend, wollen sich nun auch andere polnische Regionen engagieren, um Bernstein bekannter und beliebter zu machen. So hätten Gemeindevertreter aus der Region Weichselnehrung Interesse an ähnlichen Aktionen angemeldet, sagt Ewa Rachon. "Vielleicht entsteht in Pommern bald ein Bernsteinbergwerk", verrät sie.Seit Juni 2006 setzt die Stadt Danzig das Projekt "Danzig - Berstein-Welthauptstadt" um. Im vergangenen Sommer wurde an der polnischen Ostsee ein Bernstein-Weltrat gegründet, der die Bedeutung des edlen Gesteins in Polen und der Welt stärken soll. "Die Bersteinbranche soll insbesondere die Danziger Wirtschaft unterstützen", sagt Bürgermeister Adamowicz. In Rahmen dieses Vorhabens startete vor kurzem die Aktion "Bernsteinbotschafter" in Danziger Schulen. Die erste Unterrichtsstunde fand in einem Gymnasium im Danziger Stadtteil Brzezno statt. Nach einem Film konnten die Schüler im voll besetzten Saal einzelne Bernsteinexponate bestaunen. Präsentiert wurden sie von einer Wissenschaftlerin, einer Bernsteinbotschafterin der Stadt Danzig und einem Vertreter des Danziger Magistrats. "Wir müssen den Kindern schon erklären, was Bernstein ist und sie dafür begeistern", erklärt Robert Pytlos vom Büro des  Danziger Bürgermeisters. Zu den nächsten Unterrichtsstunden zieht sein Team weiter durch das ganze Land. Warschau, Wielun und andere Städte stehen in Pytlos' Terminkalender. "Die Polen, vor allem die Danziger, wissen viel zu  wenig über Bernstein", meint der Beamte, der selbst ein großer Bernstein-Fan ist. Er trägt ein gelbes  Stück des Schmucksteins als Klemmer an seiner Krawatte.

Auch Elzbieta Sontag, die Leiterin des Danziger Bernsteinmuseums und Professorin an der Danziger Uni, hat bei zahlreichen Führungen im Museum bemerkt, wie gering das Wissen der Polen über Bernstein ist. "Kaum jemand weiß, dass unser Ostsee-Bernstein 40 Millionen Jahre alt ist", sagt sie. "Fast alle denken, dass er nur gelb sein kann, dabei ist gelber Bernstein sehr selten. Er kann auch blau, grün oder weiß gefärbt sein". Dieses Wissen will sie den jungen polnischen Schülern jetzt weitergeben - auch, damit sie in Zukunft wachsamer sind. "Viele denken, dass sie Bernstein kaufen - und in Wahrheit ist es gar keiner", erklärt Sontag. Sie zeigt den Schülern, wie sie echten Bernstein von Fälschungen unterscheiden können. "Wenn wir Bernstein verbrennen und dabei sagen: 'Schaut mal, der Stein brennt', dann ist das Interesse der Kinder geweckt", sagt Wojciech Kalandyk vom Danziger Bernstein-Verband zündet ein Stückchen an. Er wünscht sich, dass die Schulungen der Bersteinbotschafter im regulären Lehrplan Platz finden.Erste Erfolge haben sie erzielt: Die Schulklingel ist längst ertönt und die ersten Schüler bereits auf dem Weg nach Hause, da stehen andere noch lange mit großen Augen um den Tisch von Wojciech Kalandyk. "Ich habe gehört, dass Tiere in Bernstein eingeschlossen sind, sogar Seetiere", erzählt Erstklässler Kacper Ziemianek hellauf begeistert.


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