Goldener Bär für besten Kurzfilm
Vor vier Jahren begann mit der Vergabe eines Goldenen Bären bei den Berlinale Shorts die Geschichte des neuen rumänischen Films - seither hat sich vieles verändertWie schon 2004, so geht auch in diesem Jahr der Goldene Bär für den besten Kurzfilm an Rumänien. Prämiert wurde der zehnminütige Film des jungen Regisseurs Bogdan Mustata "O zi buna de plaje" -" Ein schöner Tag zum Schwimmen", nach einem Drehbuch von Catalin Mitulescu, ein rumänischer Filmemacher, der letztes Jahr seinen Debütfilm auf der Berlinale zeigte."O zi buna de plaja" erzählt die Geschichte einer Flucht dreier junger Straftäter. Sie bringen die Prostituierte Liliana und den Fahrer eines Kleinlastwagens in ihre Gewalt und fahren mit ihnen an einen verlassenen Strand. Es kommt zu einem Gewaltausbruch gegenüber den Geiseln, bei dem der Fahrer um ein Haar getötet wird. Ihm gehe es weniger um die Darstellung purer Gewalt, als vielmehr um die Darstellung der Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen, so Regisseur Mustata. Der Film werfe mehr Fragen auf, als Antworten oder Lösungen zu präsentieren, und zwar auf unvorhersehbare Art und Weise, so die Jury, der auch die aus Bukarest stammende Filmproduzentin Ada Solomon angehörte. Mit ihr sprach Brigitta Gabrin über den neuen rumänischen Film. FRAGE: Frau Solomon, die Sektion Berlinale Shorts hat in diesem Jahr 29 Kurzfilme gezeigt. Gab es so etwas wie einen thematischen Trend?SOLOMON: Nein, und das hat mich sehr angenehm überrascht. Es wurden Filme aus der ganzen Welt von Indien über Singapur bis Kanada gezeigt, natürlich auch viele aus Europa. Entsprechend gingen auch die behandelten Themen weit auseinander.FRAGE: Fiel ihnen die Auswahl schwer?SOLOMON: Ja, denn die Filme sind sowohl in ihrer Aussage als auch in ihrer Form sehr unterschiedlich. Ein 20minütiger fiktiver Film ist nur schwer mit einer fünfminütigen Animation, einem experimentellen Film oder einer kurzen Dokumentation zu vergleichen. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns darauf zu konzentrieren, was uns wirklich berührt. So haben wir dann die Auswahl getroffen.FRAGE: Unter den 2000 zur Berlinale eingereichten Kurzfilmen wurden zwei aus Rumänien zugelassen. Einer davon war "O zi buna de plaje" -" Ein schöner Tag zum Schwimmen" von Bogdan Mustata, der das Rennen gewonnen hat. SOLOMON: Ich war sehr froh, dass die beiden Beiträge eingereicht wurden und auch, dass sie so unterschiedlich sind. Der Film von Paul Negoescu "Tarziu" ("Zu spät") zeigt die Oberflächlichkeit und Korruption in der Medienwelt, in der die Beschaffung einer spannenden Nachricht mehr wert ist als eine Freundschaft. Bogdan Mustata hingegen geht es in seinem Film um das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen. Ich habe den Kurzfilm nicht in die nähere Auswahl gebracht - es erschien mir unpassend, einen Wettbewerbsbeitrag aus meinem Land für den Goldenen Bären vorzuschlagen. Aber ich war natürlich sehr froh, als meine beiden Jury-Kollegen das taten. Und wir waren uns alle einig: dieser Film "O zi buna de plaje" hinterlässt einen tiefen Eindruck. Er verfolgt einen viel länger als die zehn Minuten seiner Spielzeit und er war einfach der Beste.
FRAGE: Man spricht nun von einer neuen Welle des rumänischen Kinos. SOLOMON: Ich würde es nicht so nennen, denn es handelt sich um keine einheitliche Bewegung. Es ist nicht ein bestimmter Stil, mit dem die neue Generation der rumänischen Filmemacher arbeitet. Sie transportieren ihre Geschichten, ihre Gefühle, die Dinge, die sie bewegen, auf ganz verschiedene Art und Weise. Es ist nicht eine Stimme, es ist noch nicht einmal ein Chor, es ist ein Ensemble von Tönen und Bildern, die den rumänischen Film von heute ausmachen.FRAGE: Versuchen die jungen Regisseure nicht so ähnliche Filme zu machen wie Christian Mungiu, der die Goldene Palme von Cannes erhalten hat?
SOLOMON: Alle jungen rumänischen Filmemacher würden gerne eine ähnliche Karriere machen wie Mungiu, aber wenn es überhaupt ein Vorbild gibt, dann ist das eher Christi Puiu. Er hat dem rumänischen Film das Tor in die internationale Filmszene geöffnet, indem er 2004 hier auf der Berlinale den Goldenen Bären für seinen Kurzfilm gewann. Das war die Geburtsstunde des neuen rumänischen Filmes.FRAGE: Wenn Berlin und die Berlinale so eine wichtige Rolle spielen, wieso hat dann Christian Mungiu seinen Film in Cannes eingereicht und nicht hier? Gibt es in Rumänien immer noch einen Trend zum frankophonen Raum?SOLOMON: Das lag nur daran, dass er seinen Film nicht bis zur Berlinale im letzten Jahr fertig bekommen hat. Ich glaube, heute ist Deutschland offener für Partnerschaften und Koproduktionen mit Rumänien als Frankreich. Auf der Berlinale treffen sich 20.000 Menschen aus der Filmindustrie, in Cannes sind es auch nicht mehr. Der Unterschied ist meiner Meinung nach, dass in dieser riesigen Metropole Berlin nie so eine Atmosphäre entstehen wird wie in Cannes, wo die ganze Stadt zum Filmfestival wird.FRAGE: Profitiert die rumänische Filmwirtschaft von EU-Geldern?SOLOMON: Ja, das Programm Pre Media hat zum Beispiel jetzt ein Jahr lang Basisarbeit im Film gefördert. Und innerhalb der EU Staaten besteht seit unserem Beitritt ein viel größeres Interesse, Rumänien als Partner für internationale Koproduktionen zu gewinnen. Rumänische Schauspieler sind auch immer gefragter; Luminita Gheorghiu, Maja Morgenstern, Oana Pelea oder Anamaria Marinca, die auch jetzt hier nach Berlin als Shootingstar eingeladen wurde. Sie alle sind einfach gute Schauspieler, die mittlerweile auf internationalem Niveau konkurrieren können. FRAGE: Verliert Rumänien nun langsam seine Rolle als Dienstleister in der Filmbranche?SOLOMON: Ich muss sagen, ich fand diese Rolle gar nicht so schlecht. Der technische Standard unserer Filmindustrie ist dadurch besser geworden. Wir haben zum Beispiel keine Schule für Filmtechniker, diese Menschen haben alle am Set gelernt. Nie hätten sie das gekonnt bei den vier, fünf Produktionen, die in den 90er Jahren pro Jahr gedreht wurden. Klar, sobald es eine Hollywoodproduktion im Land gibt, klaut sie uns die besten Kameramänner. Aber die werden dann ja auch zu unserem Aushängeschild. Und wir dürfen den finanziellen Aspekt nicht vergessen, das bringt sehr viel Geld ins Land. Was unsere Politik leider nicht begriffen hat. Im Gegensatz zu Ungarn, wo ausländische Filmproduzenten eine Menge formale Erleichterungen angeboten werden. Aber noch mal zu Ihrer Frage: Ja, wir wechseln immer mehr vom Dienstleister zum gleichwertigen Partner.
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