Polen

Warschaus stinkendes Problem

Vor Wislawa Berketas Haus ist es ruhig geworden. Nur noch vereinzelt rumpeln Laster über die mit Schlaglöchern übersäte Straße. Berketa wohnt an der einzigen Zufahrt zu Polens größter Müllhalde Lubna I, vor den Toren Warschaus. „Wenn man sich die Straße anschaut, kann man sich vorstellen, wie laut es hier war“, erzählt sie. Zu Stoßzeiten fuhren im Minutentakt voll beladene Laster den schmalen Weg zur Halde, denn ein Drittel der 800.000 Tonnen Warschauer Hausmüll landete in Lubna. Der süßliche Gestank dringt bis in die Wohnung vor. „Es ist schrecklich, hier zu wohnen“, klagt Wislawa Berketa und blickt auf den beachtlichen Müllberg, der neben ihrem Haus in den letzten 20 Jahren entstanden ist.

Seit Anfang April ist Lubna I nun endgültig geschlossen worden, weil die veraltete Anlage die EU-Normen nicht erfüllte. An dem Müllproblem in Polen ändert das aber nichts. Müllverbrennungs- oder Sortieranlagen sind Mangelware und Recycling ist in den Köpfen der meisten Polen noch nicht angekommen. Knapp 70 Prozent des Mülls in Warschau landen deshalb noch immer unsortiert auf Halden in der Umgebung. Die sind jedoch voll, erfüllen nicht die europäischen Normen und stellen eine Bedrohung für die Umwelt dar. Die EU verlangt deshalb die Schließung und gibt Polen bis 2015 Zeit, um sein Müllproblem zu lösen.

Einer der Gründe für die gravierende Abfall-Situation in Polen ist die Gesetzeslage. „Polen ist neben Ungarn das einzige Land der EU, in dem der Müll nicht den Kommunen, sondern jedem einzelnen Bürger gehört“, sagt Agnieszka Klab von der Warschauer Stadtverwaltung. Im Moment müsse jeder Einwohner in Warschau selbst eine Müllfirma mit der Entsorgung beauftragen und dafür sorgen, dass die Arbeit auch funktioniert. Das System hat zur Folge, dass die rund 130 in Warschau registrierten Firmen völlig freie Hand haben, wie sie den Müll entsorgen. Das meiste landet aus Kostengründen auf der Halde – sie sind billig, weil sie anders als moderne Entsorgungsanlagen nicht erst gebaut werden müssen.

Diese Praxis will die polnische Regierung nun beenden. Präsident Bronislaw Komorowski hat ein Gesetz unterschrieben, wonach die Kommunen ab 2013 für den Müll zuständig sind. Sie beauftragen dann mit Hilfe öffentlicher Ausschreibungen Firmen mit der Entsorgung.

Nur wohin mit dem Müll? In ganz Polen gibt es eine einzige Verbrennungsanlage, und die steht in Warschau. Neun weitere sind in Planung, doch die Umsetzung gestaltet sich schwierig. Zum einen sind die bürokratischen Hürden hoch. Vielen Gemeinden fehlt schlichtweg das Geld für derartige Großprojekte.

Oft scheitert der Bau aber auch am Widerstand der Anwohner: „Viele verstehen einfach nicht, dass solche Anlagen gebaut werden müssen. Wir werfen den Müll in die Tonne und gehen davon aus, dass die Stadt das für uns erledigt“, erzählt die Journalistin Dominika Olszewska, die sich seit Jahren mit dem Thema Abfall beschäftigt.

Das Müllproblem wurde in Polen viele Jahre ignoriert. Mülltrennung spielt nahezu keine Rolle. Versuche der Warschauer Stadtregierung, Recycling-Container aufzustellen, wirken wie ein Alibi-Projekt. Oft gibt es für ein ganzes Wohnviertel lediglich einen Container – der ist hüfthoch und nicht größer als einmal ein Meter. Doch langsam muss Polen aufwachen, sagt Olszewska: „Wenn nichts geschieht, droht  uns die EU ab 2015 mit Strafzahlungen von umgerechnet bis zu 250.000 Euro pro Tag.“

Für den Bauern Jan Konopka sind es nicht die Strafzahlungen, die ihn zum Handeln bewogen haben. Der Begründer des Protestvereins gegen Lubna I hat Angst vor den umweltschädlichen Folgen der bisherigen Entsorgung. Seine Felder liegen seit Jahren im Schatten der Halde, den süßlichen Fäulnis-Geruch nimmt er kaum noch war. „Wenn das Sickerwasser ins Grundwasser gelangt, bekommen wir massive Probleme“, warnt Konopka, „aber das tritt wahrscheinlich erst in dreißig Jahren ein“.


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