Aserbaidschan

Baku - Insel zwischen Orient und Okzident

Geld stinkt nicht, aber in Aserbaidschan riecht der Reichtum - nach Öl, das rund um die Hauptstadt Baku am südwestlichen Ufer des Kaspischen Meeres aus der Erde gepumpt wird. Die Petro-Dollar oder -Manat, wie die Landeswährung heißt, verändern nicht nur das Stadtbild Bakus. Auch die Menschen definieren sich immer mehr über den Besitzstand. Das Haben zählt mehr als das Sein. Das lässt sich Vougar Hajiyev nicht nehmen: Wenn Gäste aus Deutschland kommen, dann holt sie der Empfangschef höchstpersönlich vom Flughafen ab. Im besten Englisch plaudert der 25-jährige Aserbaidschaner über das Leben in seinem Heimatland, über die Probleme der Alten und die Perspektiven der Jungen, während er gleichzeitig seinen gepflegten weißen Lada durch den Feierabendverkehr von Baku manövriert. Gerade in den letzten Jahren seien die Straßen immer voller geworden, sagt er und erzählt, dass auch sein Vater, wie viele andere Aseris, in den 90er Jahren regelmäßig Gebrauchtwagen von Deutschland ans Kaspische Meer gebracht hat: 6000 Kilometer in vier Tagen, jedes Mal ein Höllenritt, doch zweifelsohne ein lohnendes Geschäft. Hajiyev hat "International Business" studiert, für eine amerikanische Anwaltsvereinigung gearbeitet und ist jetzt in die Hotellerie eingestiegen - das sei typisch für die junge Generation: "Die wenigsten arbeiten in dem Beruf, den sie gelernt haben", sagt der Hauptstädter und fügt hinzu, dass er seine Tätigkeit ausgesprochen interessant findet. "Mir wäre es zu langweilig, nur vom Geld meines Vaters zu leben, da arbeite ich lieber selbst", sagt er mit Nachdruck, auch wenn er zugibt, dass sein Vater "keiner von den ganz Reichen" sei.


Sonnenuntergang und Fördertürme in Baku / Nina Körner, n-ost

Wie sich "reich" in  all seinen Schattierungen definiert, bleibt unklar. Für Jeyhun Nuraliyev jedenfalls, Sohn eines erfolgreichen Geschäftsmannes in der Ölbranche, Absolvent der Jurafakultäten in Baku und Moskau und jetzt Marketingmanager in Papas Firma, spielt Geld keine Rolle. Der 29-Jährige fährt im silberfarbenen Mercedes vor, isst in Designerrestaurants zu Mittag und erzählt Anekdoten von seinem Studienjahr in England, wo er mit 17 die Sprache gelernt hat. Stolz zeigt Jeyhun ein Foto seines niedlichen Töchterchens auf dem neusten Businesshandy und erzählt, dass die jungen Leute am Wochenende gerne ausgehen, tanzen und mit Freunden feiern. Das Baby bleibt derweil bei den Schwiegereltern. Obwohl Jeyhun, wie die Mehrzahl der Aseris, Moslem ist, isst er Schweinefleisch und trinkt Alkohol - am liebsten Bier, zum Essen auch mal Wodka. Das schließe sich nicht aus - religiös zu sein, in die Moschee zu gehen und "normal" zu leben, sagt der junge Mann.


Alltag in Baku / Dana Ritzmann, n-ost

Jeyhun Nuraliyev ist ein Kosmopolit: Er spricht drei Sprachen fließend, ist weltgewandt und eloquent, lacht viel und weiß sich im rechten Moment, in Szene zu setzen. Im Büro seines Vaters, Djavanshir Nuraliyev, ist er aber einfach Sohn und Angestellter. Die Entscheidungen in den Erdgeschossräumen, direkt neben dem mächtigen Haidar-Aliyev-Kulturpalast im Zentrum von Baku, trifft der Alte. Über allem, was der Endfünfziger sagt und tut, wacht der vor gut vier Jahren verstorbene Ex-Präsident Aserbaidschans, der als Wandteppich überm Besprechungstisch hängt. Der aktuelle Staatschef, Ilcham Aliyev, der im Herbst 2003 in geradezu monarchistischer Erbfolge von seinem Vater auf den Chefsessel des Landes bestimmt und natürlich vom Volk gewählt wurde, steht im Bilderrahmen neben dem Flachbildschirm im Büro nebenan. "Natürlich liebe ich ihn, weil er unser Präsident ist, aber seinen Vater, den habe ich verehrt - er war ein Genie", sagt Rustam Tosojev, des Bosses rechte Hand. "In Aserbaidschan läuft alles über persönliche Beziehungen - man lernt sich kennen, mag sich und macht gemeinsame Geschäfte", erzählt der schmächtige ältere Herr. "Wenn man jemandem nicht vertrauen kann, dann kann man auch nicht mit ihm zusammen arbeiten", fügt er hinzu.


REISETIPPS BAKU

Anreise: Am besten mit dem Flugzeug. Direktflüge gibt es ab Frankfurt mit United Airlines, ansonsten vielerorts mit Zwischenstopp etwa über Istanbul, Riga oder Moskau nach Baku.Visum ist erforderlich. Es kostet derzeit 60 Euro. Alle Infos zum Visumantrag finden Sie im Internet unter www.botschaft-aserbaidschan.de/konsular/visa.htm. Das Visum kann aber auch direkt am Flughafen gekauft werden.

Unterkunft: Baku:
-Old City Inn (malerisch in der Altstadt gelegen)
www.oldcityinn.com
Zimmer ab 55 Euro-Meredian Hotel Baku (auch Altstadtlage)
www.meridianhotel.az/icheri/
Zimmer ab 120 Euro, dafür aber feinste QualitätSheki:
-Hotel Yukhary Karavansaray (alte Karawanserei)
+994 177 44814
Zimmer ab 15 Euro-The Sheki Saray Hotel (Fünf-Sterne-Neubau)
www.shekisaray.az/eng/html/index.shtml
Preise von 40 Euro (EZ) bis 180 Euro (Präsidensuite)


In der deutschen Botschaft in Baku, die im zehnten Stock eines modernen Bürokomplexes mit Blick über die Stadt und auf die Bucht sitzt, klingt der gleiche Satz ungefähr so: "In Aserbaidschan ist alles völlig korrupt - von der Schulnote bis zum Ministeramt ist alles gekauft", sagt einer der Diplomaten, den seine Tätigkeit in der "windigen Stadt", wie Baku wegen der starken Luftbewegungen auch genannt wird, völlig desillusioniert hat. Kürzlich habe ihm eine Deutschlehrerin erzählt, dass ihr Mann für einen Ingenieursjob mit 300 Dollar Monatsverdienst, erst mal 4000 Dollar auf den Tisch legen musste, um überhaupt eingestellt zu werden.

Wenn es um das Thema Korruption geht, dann scheiden sich offenbar die Geister. Wie in so vielen Staaten des ehemaligen Ostblocks, ist es so sehr im Alltag verankert, dass es die Menschen kaum wahrnehmen. Wenn einen der Verkehrspolizist anhält, dann muss man eben bezahlen, sagt der junge Empfangschef vom "East Legend Hotel". Sein Chef, der Besitzer dieses 18-Betten-Hauses und eines weiteren in dieser Größenordnung, ist da etwas differenzierter. "Wer große Geschäfte machen will, der muss sich mit den Großen gut stellen, aber wer klein bleibt, der schafft das aus eigener Kraft und muss niemanden dafür bezahlen", erklärt Faik Alijev mit einem verschmitzten Lächeln.

Von der Terrasse seines Hotels hat man einen Blick über Stadt und Bucht. Linkerhand liegt der Märtyrerhügel, ein Nationalheiligtum, das mit seinen hunderten von Grabsteinen und dem tempelartigen Denkmal an die blutigen Auseinandersetzungen in Berg-Karabach Anfang der 90er Jahren erinnert und an den "Schwarzen Januar" 1990, als sowjetische Panzer in Baku auffuhren. Die Wunden von damals schwelen noch heute, auch wenn jetzt Jugendliche und verliebte Pärchen durch den schattigen Hain spazieren, Touristen genießen die Aussicht. Den Präsidentenpalast, am Fuße des Berges, dürfe man von hier nicht fotografieren, sonst werde man unten erwartet, sagt Jeyhun in vorauseilendem Gehorsam und auch die Gräber mit ihren schwarz-weiß Porträts und Lebensdaten seien ein Tabu für die Kamera. Ein Erinnerungsfoto mit dem Kaspischen Meer und den Öltürmen am Horizont sei hingegen ein Muss. Noch schöner ist Baku von oben, wenn man den "Maiden Tower", wohl die bekannteste Sehenswürdigkeit der Stadt, hinaufgeklettert ist. Dann schaut man hinunter in die Gassen der Altstadt, auf der die Teppichhändler ihre Ware ausbreiten. "Die lassen alle Autos drüberfahren und Menschen drauf rumlaufen, damit sie die Teppiche dann als antik verkaufen können", sagt Jeyhun abfällig über die Krämer, die wie Dekoration vor ihren Läden sitzen, Tee trinken, Spielsteine schieben und sich offenbar selbst genug sind.

Hier, inmitten der Kopfstein gepflasterten Gassen, ist Baku noch so ursprünglich, wie vor hundert Jahren, als der Ölboom die Stadt schnell wachsen ließ und ihr zu Reichtum verhalf. Von den Zinnen des mächtigen Wehrturmes aus dem Mittelalter, der den Namen einer Jungfrau trägt, die sich einst aus Liebeskummer ins Meer gestürzt haben soll, sieht man, wie sich die Hauptstadt verändert: unten die Altstadt - schicke Dachterrassen und morbider Verfall in harmonischer Eintracht, am Ufer die Promenade mit Dutzenden Cafés und Karussells, der Frachthafen und der Yachthafen, dahinter die gläsernen Bürotürme und elitären Wohnblocks, die überall in den Himmel schießen und die Gründerzeitbauten mit ihren steinernen Ornamenten und verwitterten Balkonen verdrängen, dazwischen klobige Sowjetarchitektur und überall Plakate des ewig lächelnden Ex-Präsidenten. Der hatte das kleine Land sicher durch die Wirren der Unabhängigkeit geführt, die Beziehungen zu Russland sind nach wie vor eng im turksprachigen Aserbaidschan und die Fördertürme im Kaspischen Meer und an den Küsten spülen so viele Dollar in die Staatskasse, dass es sich davon gut leben lässt. "Der Aufschwung ist da, es tut sich etwas", sagt  Hotelbesitzer Faik Aliyev. "Und wenn die da oben ehrlich arbeiten würden, der Präsident und seine Minister, dann könnte es hier noch besser sein", ergänzt der Taxifahrer auf dem Weg zum Heydar-Aliyev-Flughafen. Am Check-in gibt es einen Kuli als Abschiedsgeschenk - damit man beim nächsten Mal das das Visum ersetzende Einreiseformular noch einfacher ausfüllen kann.


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