Kosovo

Zwischen den Fronten

Agim Shaqiri schlägt vor, dass wir sein zerstörtes Haus besichtigen. "Am besten ihr lauft 50 Meter hinter mir her", sagt er. Niemand im Viertel soll bemerken, dass er ausländische Journalisten zu Besuch hat. Zwei Straßen weiter, mitten in einem Ruinenfeld, deutet er auf einen Haufen Schutt. Hier hat er gewohnt, bis sich in den 90er Jahren im Kosovo der Konflikt zwischen Serben und Albanern verschärfte und dabei die Roma zwischen die Fronten gerieten. Die Shaqiris flohen nach Deutschland. Drei Kinder kamen zur Welt und gingen in die Schule. Vor einem Jahr dann die Abschiebung. Seitdem lebt die Familie zur Untermiete, ein paar Hundert Meter von ihrem alten Haus entfernt. "Wir haben nichts", klagt der 41-jährige Vater. "Ich finde keine Arbeit und die Kinder gehen aus Angst nicht in die Schule. Meine Frau ist krank." Von 50 Euro im Monat lebt die Familie. Das Geld schicken Verwandte aus Deutschland.

Die Kleinstadt Vushtrii ist für Roma zu einem heißen Pflaster geworden. Gleich zwei Mal waren sie in den vergangenen Jahren das Ziel von Pogromen albanischer Extremisten. Direkt nach dem Einmarsch der NATO-Truppen, im Juni 1999, brannte ihr Viertel zum ersten Mal. Fast alle der insgesamt 4.000 Bewohner mussten fliehen. Im März 2004 wurden die Häuser einiger Familien, die erst kurz zuvor zurückgekehrt waren, erneut von Hunderten Randalierern mit Molotowcocktails angegriffen. Heute leben nur noch wenige Ashkali - albanisch sprechende Roma - in Vushtrii, zurückgezogen in zwei Straßen. Während der UN-Sicherheitsrat in diesen Wochen über den zukünftigen völkerrechtlichen Status der Provinz debattiert, geht bei ihnen erneut die Angst um: Falls es zu neuer Gewalt kommt, sind wir die ersten Opfer", fürchtet Shaqiri.


 

Kinder im Roma-Lager / Dirk Auer, n-ost

Die Situation in Vushtrii ist kein Einzelfall. Das European Roma Rights Center (ERRC) in Budapest schätzt, dass nach dem Ende des Kosovo-Krieges im Sommer und Herbst 1999 über zwei Drittel der etwa 120.000 Roma aus der Provinz vertrieben wurden - oft unter den Augen der bereits stationierten Truppen der NATO. Heute bezeichnen einige frühere UCK-Führer wie der ehemalige Kosovo-Premierminister Bajram Rexhepi die Ausschreitungen als "Schande". Aber trotz aller Bekenntnisse der albanischen Übergangsregierung in Pristina zum Aufbau einer "multikulturellen Gesellschaft" bleibt bei den Roma das Gefühl von Misstrauen und die alltägliche Erfahrung von Ausgrenzung. Die Arbeitslosigkeit, die im Kosovo durchschnittlich bei offiziell 40 Prozent liegt, erreicht bei den Angehörigen der Roma-Gemeinschaften fast 100 Prozent. Und noch immer herrscht Angst, gibt es keine vollständige Bewegungsfreiheit, sind Diskriminierung, Einschüchterungen und gewalttätige Übergriffe an der Tagesordnung. Aus Angst vor Vergeltung werden viele Delikte oft erst gar nicht gemeldet.

Am schlimmsten war die Situation lange Zeit in der ethnisch geteilten Stadt Mitrovica, wo einige hundert Roma-Flüchtlinge jahrelang in heruntergekommenen Bretter- und Wellblechbuden auf stark bleiverseuchtem Boden leben mussten. Bereits im Jahre 2000 hatten Mitarbeiter der Weltgesundheitsbehörde WHO extrem hohe Bleiwerte im Blut der Kinder festgestellt. Trotz einiger Todesfälle, die vermutlich auf die Bleibelastung zurückzuführen sind, und Protesten von zahlreichen Roma-Organisationen vergingen Jahre, bis die UN-Verwaltung überhaupt Handlungsbedarf sah. Ende März sind einige Familien in die ersten neu errichteten Häuser auf das Gelände des alten Roma-Viertels im Süden der Stadt zurückgekehrt. Doch Latif Masurica, einer der Sprecher der Flüchtlinge, bleibt skeptisch: "Wir fürchten um unsere Sicherheit."

Das Misstrauen zwischen den Roma auf der einen Seite und der UN-Verwaltung auf der anderen Seite wird dadurch noch verstärkt, dass die Roma und Ashkali als drittgrößte Bevölkerungsgruppe bei den Verhandlungen um den zukünftigen Status Kosovos vollständig übergangen worden sind. UN-Vermittler Martti Ahtisaari hat sich über die gesamte Verhandlungsdauer - trotz zahlreicher Initiativen von Roma und Ashkali Organisationen - hartnäckig geweigert, auch nur eine Delegation ihrer Vertreter zu empfangen. Und so ist es nur folgerichtig, dass auch in dem so genannten Ahtissari-Plan für eine "überwachte Unabhängigkeit" Kosovos, der zurzeit im UN-Sicherheitsrat diskutiert wird, zwar viel von den Minderheitenrechten der Serben die Rede ist, die Probleme der Roma aber kaum zur Sprache kommen.

"Wir haben alles versucht, damit wir repräsentiert werden", klagt Sebastijan Šerifović  vom Roma und Ashkali Dokumentationszentrum in Pristina. Durch ganz Kosovo sind er und seine Mitarbeiter gefahren, haben Interviews geführt, um die Forderungen der Roma zusammen zu tragen - und sind dabei immer wieder auf die gleichen Probleme gestoßen: Es gibt keine Arbeit. Es fehlt das Geld, um das Dach regenfest zu machen. Die Kinder sind krank und müssten behandelt werden. Und: Es gibt Angst vor Übergriffen.

Durch unzählige solcher Gespräche glaubt Sebastijan, einen besseren Überblick über die Situation zu haben, als es in den offiziellen Berichten der UN-Verwaltung zum Ausdruck kommt. "Viele Berichte beschönigen die Situation der Roma. Tatsache ist: Die Leute fühlen sich einfach nicht sicher. Sie benutzen nicht die öffentlichen Verkehrsmittel und sie haben Angst, ihre Sprache zu sprechen." Trotz der schwierigen Situation fordert der erst 22-jährige Šerifović, der vor Energie und Tatendrang strotzt, die Roma zu mehr Selbstbewusstsein auf. Roma sollten sich nicht verstecken. "Wir sind Roma, unsere Sprache ist Romanes", sagt er stolz.

Von den internationalen Organisationen erwartet er allerdings ein grundsätzliches Umdenken. Sie sollten Roma endlich als Partner ernst nehmen und nicht nur als Empfänger von Almosen betrachten. Das gelte auch und vor allem auf politischer Ebene: "Wir leben in Kosovo seit vielen hundert Jahren! Aber trotzdem wird überall nur von Albanern und Serben gesprochen", entrüstet sich Šerifović. Mit nur einer einzigen Person hätten sie bei den international angeleiteten Verhandlungen um den zukünftigen Status Kosovos teilnehmen wollen. Doch ihre Forderung blieb ohne Gehör. "Für mich war das eine Beleidigung. Ich meine, wie sonst will Kosovo zeigen, dass Roma hier Willkommen sind?"


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