Marionette, Spalter, Einiger – die erstaunliche Wandlung des Wiktor Janukowitsch
Die Ukraine hat nach viermonatiger vergeblicher Suche wieder einen Ministerpräsidenten – und er heißt zur Verwunderung des Westens Wiktor Janukowitsch. Der Mann also, dessen Griff nach der Macht im Winter 2004 durch Hunderttausende von orangefarbenen Demonstranten unterbunden wurde. Der 56-Jährige Janukowitsch kehrt aller Voraussicht nach auf den Sessel des ukrainischen Ministerpräsidenten zurück, aus dem er im Herbst 2004 noch durch den Druck der Straße gejagt wurde. Nach der Einigung mit seinem einstigen Widersacher, Präsident Wiktor Juschtschenko, ist die Abstimmung im Parlament am (heutigen) Freitag nur noch Formsache.
Kein ukrainischer Politiker hat sich seit der orangefarbenen Revolution so stark verändert wie Janukowitsch. „Den orangefarbenen Dreck“ nannte er damals die Demonstranten, die gegen die Fälschung der Präsidentenwahl wochenlang auf die Straßen von Kiew gingen. Schließlich hätte die Fälschung ihn, Wiktor Janukowitsch, begünstigen soll. Heute nennt er diese Ereignisse mit leiser Selbstkritik „einen Prozess der Reinigung“ und gibt über seine erste Zeit als Regierungschef zu: „Die Ukraine war damals ein autoritärer Staat.“
Vom Wahlfälscher zum Hoffnungsträger - Wiktor Janukowitsch / Tatjana Montik, n-ost
Vor der orangefarbenen Revolution galt er als Marionette. Als Ministerpräsident sollte er die Interessen des Donezker Wirtschaftsklans, insbesondere die des Kohlemagnaten Rinat Achmetow, durchsetzen. Und selbst bei Janukowitschs Kandidatur für das Präsidentenamt im Herbst 2004 gingen Experten davon aus, dass das damalige Staatsoberhaupt Leonid Kutschma ihn nur benutzte. Dieser Version zufolge wollte Kutschma die Wahl fälschen lassen, um sie für ungültig zu erklären und bei einer Neuwahl selbst anzutreten. Alle dachten, mit Janukowitsch leichtes Spiel zu haben: Schließlich war er ungebildet und aus einfachsten Verhältnissen aufgestiegen. Zudem machten ihn zwei Verurteilungen aus der Jugendzeit persönlich angreifbar. Janukowitsch hatte einer kriminellen Jugendbande angehört.
Wer Janukowitsch ein halbes Jahr nach der orangefarbenen Revolution in seinem Büro besuchte, der fand einen gebrochenen Mann vor. Er sei „tief enttäuscht“ von seinen früheren Mitstreitern, sagte Janukowitsch damals. Die Auferstehung aus der Asche hat der 56-Jährige nun seiner beinahe grenzenlosen Unterstützung im Osten des Landes zu verdanken. Im Donezker Kohlebecken, wo er einst Gouverneur war, erreichte seine Partei der Regionen bei der Parlamentswahl im März über 70 Prozent der Stimmen – unter fairen Bedingungen.
Zudem wandelte sich Janukowitsch zu einer staatstragenden Figur. Im Herbst 2004 ließ er auf einem berühmten Kongress von Sewerodonezk noch zur Spaltung der Ukraine in Ost und West aufrufen. Für die gestrige Einigung mit Präsident Wiktor Juschtschenko verzichtete er sogar auf seine Forderung, die Ukraine in einen Föderalstaat umzubauen. Stattdessen sieht der „Nationale Einheitspakt“, den nun Juschtschenkos Block mit Janukowitschs Partei der Regionen und den Sozialisten schloss, eine Annäherung an EU und Nato vor, einen Nato-Beitritt aber erst nach einer Volksabstimmung. Die russische Sprache soll gefördert werden, aber nicht zweite Staatssprache werden.
Früher galt Janukowitsch als Freund des Kreml, heute verliert er kein böses Wort mehr gegen die USA und die EU. Schon im Wahlkampf sprach er sogar von der „euroatlantischen Integration“ der Ukraine. Ein russischer Politologe mokierte sich deshalb bereits, Janukowitsch verrate seine Wähler. Bei der Unterzeichnung des „Nationalen Einheitspaktes“ gestern fasste Janukowitsch sein neues Motto so zusammen: „Lasst uns das suchen, was uns eint, nicht mehr das, was uns trennt.“ Ähnlich formulierte es Präsident Juschtschenko. In einer Fernsehrede begründete er die Ernennung Janukowitschs in Anspielung auf die Spaltung des Landes in einen prorussischen Osten und einen nationalbewussten Westen: „Dies ist eine einzigartige Chance, die beiden Seiten des Dnjepr-Flusses zu vereinen.“ Die Alternative hätte Neuwahlen geheißen, denn kein anderer Kandidat verfügt im Parlament über eine Mehrheit.
Fassungslos reagierte die ausgebootete Revolutions-Ikone Julia Timoschenko auf die Entwicklung: „Der Verrat wird zu einer politischen Krankheit in unserem Land“, griff sie ihren ehemaligen Verbündeten Juschtschenko an. Ihr Block allein vertrete nun die Ideale der orangefarbenen Revolution. Die Jugendorganisation Pora, treibende Kraft der Revolution, kündigte Proteste unter dem Motto „Abschied vom Präsidenten“ an. Vor dem Parlament will Pora wieder ein Protestzeltlager errichten.