Tschechien

Wir geben ihnen den Namen zurück

Deutsche Kriegsopfer werden in Nordböhmen umgebettet
 
Prag (n-ost) - Am 12. Mai 1944 fiel in Nordböhmen kein Regen vom Himmel. Dafür entluden amerikanische Bomber ihre tödliche Fracht über der Kleinstadt Litvinov (Oberleutensdorf). Ziel ihres Angriffs war eine Chemiefabrik in Záluží im ehemals deutsch besiedelten Sudetenland. 130 Menschen kamen ums Leben. Nach über 60 Jahren werden die Toten vom Volksbund Deutsche Kriebsgräberfürsorge exhumiert und umgebettet.Im Gegensatz zu anderen Gräbern, die zum Teil schwer erreichbar in Wäldern liegen, hat das Grabungsteam in Litvinov keine Probleme bei der Anfahrt. Direkt an dem 50 Quadratmeter großen Gelände führt eine Straße vorbei und hinter einem kleinen Baumgürtel schauen schon die Flachdächer einer Plattenbausiedlung hervor. „Nach dem Krieg befand sich hier ein Friedhof“, sagt der Grabungsleiter des Volksbundes Jaroslav Wagner. Erst später sei dieser eingeebnet und die Straße gebaut worden. „In den 70er Jahren sollte hier ein Gedenkstein für die tschechischen Gefallenen des 2.Weltkriegs entstehen. Das haben aber die Alten verhindert, die noch wußten, dass hier deutsche Opfer begraben liegen“, fügt er hinzu. Danach ist die Geschichte des Ortes in Vergessenheit geraten. Das änderte sich erst, als der Lufthistorische Verein Litvinov in einer alten Liste auf den Luftangriff aufmerksam wurde und den Volksbund informierte. 15 Namen unter den 130 Opfern sind nun bekannt. Die Identifizierung bleibt trotzdem schwierig. Nach über 60 Jahren sind nur noch wenige Knochen erhalten. Mit Glück finden die Männer die Erkennungsmarke eines Soldaten - das einfachste Identifizierungsmerkmal. Bevor gegraben wird müssen jedoch die Behörden eingeschaltet werden. „Bei jeder Umbettungsaktion brauchen wir eine Genehmigung der jeweils zuständigen Gemeindestellen, möglicher Eigentümer und auch der zuständigen Ministerien für die Ausgrabung und die Wiedereinbettung auf einem Soldatenfriedhof“, erklärt Jürgen Hipp, Vertreter des Volksbundes in Tschechien. Das kann zu endlosen Diskussionen mit den Behörden führen. Manchmal mit der Begründung, im Sommer sei es zu heiß, um eine Exhumierung 60 Jahre alter Gräber durchzuführen. Unsinn nennt Hipp das. Auf die Genehmigung für Litvinov musste der Volksbund drei Monate warten.Einfacher wäre dies durch ein Kriebsgräberabkommen, wie es bereits zwischen der Bundesrepublik und Polen existiert. „Ein solches Abkommen würde die Arbeit wesentlich erleichtern“, sagt Jürgen Hipp. Entsprechende Verhandlungen laufen zwischen Tschechien und Deutschland seit 2001. Bisher ohne Ergebnis. Die Männer der Grabungsgruppe heben mit einem kleinen Schaufelbagger eine zwei Meter tiefe Erdschicht frei, bevor sie in das Loch steigen und mit Schaufeln vorsichtig die letzte Erde über den Holzsärgen entfernen. Dann beginnt der spannende Teil, den Jaroslav Wagner gern mit der Arbeit eines Archäologen vergleicht. Die Arbeitsschritte seien die gleichen. Zunächst werden die Gebeine gesichert, gesäubert und mit den gefundenen Gegenständen zusammen archiviert. Anschließend werden die Dokumenten über das Grab geprüft, in der Hoffnung, eine Übereinstimmung zu finden, die eine Identifizierung ermöglicht. Zum Abschluss müssen alle Arbeitsschritte dokumentiert und ein exakter Plan der Grabungsstätte mit allen Fundsachen angelegt werden. Ein großer Aufwand, der sich auf jeden Fall lohnt. „Mit unserer Arbeit geben wir den Toten ihre Namen wieder zurück“, sagt Wagner. Auch über 60 Jahre nach Kriegsende ist für den Volksbund das Ende seiner Tätigkeit in Tschechien noch lange nicht anzusehen. Während des Krieges sind in Tschechien 178.000 deutsche Soldaten gefallen. Davon sind den Behörden in Berlin 114.000 Tote namentlich bekannt. „Erst mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes 1989 konnten mit unserer Arbeit beginnen und haben bisher 11.200 Soldaten auf speziellen Soldatenfriedhöfen bestatten“, erklärt Jürgen Hipp. Der größte Friedhof liegt in Marienbad. Dort sollen auch die Gebeine aus Litvinov begraben werden. Dabei verläuft nicht immer alles so ruhig. Erst Anfang des Jahres kam es zu einem Skandal um die Gebeine von 3.800 deutschen Soldaten. Diese waren in einer ehemaligen Farbikhalle in Usti nad Labem (Aussig an der Elbe) vier Jahre aufbewahrt worden, da der für sie bestimmte evangelische Friedhof in Prag Strasnice nicht vom Volksbund übernommen werden konnte. „Die Auflagen des Denkmalschutzen waren zu hoch, weshalb wir aus finanziellen Gründen von dem Projekt Prag Strasnice Abstand nehmen mussten“, sagt Jürgen Hipp. Die Bildzeitung hatte im März mit dem Titel: „4000 deutsche Soldaten in Pappkartons“ für eine Welle der Entrüstung in Deutschland und auch Tschechien gesorgt. Im April wurde zwischen Volksbund und der tschechischen Regierung eine Einigung erzielt und die Gebeine in ein ehemaliges russisches Militärgebiet überführt. „Damit haben wir letztendlich eine würdevolle Ruhestätte gefunden“, sagt Jürgen Hipp. Im Jahr 2008 sollen auch sie in Marienbad bestattet werden. In Litvinov konnten bis zum Ende der Grabungen 15 Personen, deren Namen bekannt waren, gefunden werden. „Wir haben zwei Erkennungsmarken bergen können und anhand der Grablagedokumente auch den restlichen Namen Personen zuordnen können“, sagt Jürgen Hipp, und fügt stolz hinzu: „Das ist extrem erfolgreich“. Jetzt werden alle Dokumente nach Kassel in das Hauptquartier des Volksbundes geschickt. Von dort aus werden die Hinterbliebenen über das Schicksal ihrer Angehörigen informiert. Diese werden erleichtert sein, nach über 60 Jahren endlich zu wissen, wohin das Schicksal ihre Verwandten gebracht hat. Ende --------------------------------------------------------------------------------------------------
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