Fußballmythos Todesspiel
Eifrig schießen sich Maxim und Pascha ihren abgewetzten Fußball zu, mit spektakulären Stopps und Jongliereinlagen. Fast jeden Nachmittag verbringen die 14-jährigen hier in dem kleinen Stadion „Start“ in der Kiewer Vorstadt. Sie wohnen in einem der Hochhäuser des Stadtteils „Lukjaniwka“, die hinter der blau-gelb-gestrichenen Tribüne in den Himmel ragen. Pascha weiß, dass er an einem Ort mit Geschichte trainiert: „Das Todesspiel, 1942 glaub ich, das hat hier stattgefunden. Da haben Ukrainer gegen Deutsche gespielt und sind deshalb erschossen worden.“
Die Geschichte, die Pascha von seinem Opa gehört hat, geht ungefähr so: Der Ball wird schnell nach vorn gepasst, der Gegner leichtfüßig umspielt, der Torwart mit passgenauem Schuss ins obere Eck überwunden. Doch der Jubel bei der ukrainischen Mannschaft ist verhalten, die Gesichter verzerren sich zwischen Freude und Schmerz. Es ist ein Spiel auf Leben und Tod. So stellt der sowjetische Film „Die dritte Halbzeit“ eine Szene aus dem wohl berüchtigtsten Spiel der ukrainischen Fußballgeschichte dar − dem so genannten Todesspiel, das am 9. August 1942 in Kiew stattfand. Die Mannschaft „FC Start“ der ukrainischen Brotfabrik besiegte eine deutsche Soldatenauswahl, die „Flakelf“, mit 5:3. Der sowjetischen Version zufolge wurden fast alle Spieler unmittelbar nach Spielende von den Deutschen erschossen – als Rache für die erlittene Demütigung.
Das Stadion in Kiew, in dem 1942 das sogennante "Todesspiel" sattfand /Florian Kellermann, n-ost
Die Wahrheit ist schrecklich genug, sieht jedoch ein wenig anders aus: Tatsächlich wurden vier der Spieler ermordet und dies nicht unmittelbar nach Spielende. Der Fußballer Korotkich, der für den sowjetischen Geheimdienst NKWD arbeitete, wurde ein Woche nach dem Spiel verhaftet und sofort ermordet. Drei andere Spieler wurden erst Wochen später im Arbeitslager Syretz erschossen, bei einer Vergeltungsaktion der deutschen Besatzer. Warum sie verhaftet wurden, ist unklar. Manche Wissenschaftler behaupten, sie gehörten einer Partisanenorganisation an.
Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland ist das „Todesspiel von Kiew“in der Ukraine wieder in aller Munde. Das Goethe-Institut Kiew widmet dem Thema eine Podiumsdiskussion. Auch das ukrainische Fernsehen greift das Thema mit einer Diskussionsrunde auf, an der sich unter anderem der deutsche Regisseur Claus Bredenbrock beteiligt. Bredenbrock hatte 2005 einen Dokumentarfilm über die Ereignisse des Jahres 1942 gedreht. Darin entwickelt er eine andere Theorie: Verhaftet wurden demnach nur diejenigen Start-Spieler, die früher bei Dynamo Kiew gespielt hatten. „Dynamo Kiew war wie alle Dynamo-Vereine im gesamten Ostblock ein Verein des Innenministeriums“, erklärt Claus Bredenbrock. Für die Deutschen sei dies möglicherweise ein Verhaftungsgrund gewesen. „Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Sieg am 9. August 1942 und ihrer Verhaftung ist erst einmal nicht zu erkennen“, meint Bredenbrock. Diese Theorie stützt auch der Ukrainer Wolodymyr Prystajko in seinem unlängst erschienenen Buch „Gab es ein Todesspiel? – Dokumente zeugen“.
Spieler, die nicht den staatlich propagierten mythenhaften Heldentod gestorben waren, traf in der Sowjetunion ein schweres Los: Manche von ihnen wurden nach dem Krieg in „Besserungslager“ gebracht. Der Spieler Michail Pustistin etwa wurde nach dem Krieg gar nicht mehr amtlich als Sowjetbürger geführt, erinnert sich sein Sohn Vladlen Putistin. „Als ich den Menschen sagte: ‚Wie? Erschossen? Mein Vater lebt noch!’ hat mir keiner geglaubt. Ich ging damals noch zur Schule und hörte dann irgendwann auf zu widersprechen“.
Anders erging es Makar Hontscharenko. Er hatte sich eine plausible Erklärung für sein Überleben zurechtgelegt – er habe sich am Tag der Erschießung im Lager Syretz zufällig in einer anderen Arbeitsbrigade befunden als gewöhnlich. Bis zum Ende der Sowjetunion trat Hontscharenko in Schulklassen auf und erzählte von dem Todesspiel – natürlich in der offiziellen Version. „Die Deutschen haben uns fürchterlich gefoult, aber der Schiedsrichter pfiff gegen uns“, erzählt Hontscharenko in einem Interview, das er kurz vor seinem Tod gab. Gegen eine aggressive Stimmung auf dem Spielfeld könnte allerdings sprechen, dass die Mannschaften nach dem Schlusspfiff ein gemeinsames Foto schossen. In der Sowjetunion wurde es freilich nie veröffentlicht.
Das so genannte Todesspiel war ein wichtiges Element in der sowjetischen Erziehungspropaganda. „Generationen wurde damit eingebleut, dass wir auch im Sport für die Ehre unserer Heimat kämpften“, erklärt der Kiewer Politologe Wolodymyr Fesenko. Außerdem ließ sich durch die Legende die besondere Grausamkeit der faschistischen Besatzer demonstrieren.
Noch heute machen sich ukrainische Geschichtswissenschaftler, die den Mythos widerlegen, viele Feinde. So Wolodymyr Gynda von der staatlichen Schewtschenko-Universität. 33 weitere Fußballspiele hätten damals zwischen ukrainischen und deutschen Mannschaften stattgefunden, erklärt er. Der Sieg ging meist an die Ukrainer, ohne dass das Folgen gehabt hätte. „Ich verstehe die Weltkriegsveteranen sehr gut, wenn sie mich angreifen“, sagt Gynda, „aber die Jungen müssen doch die Wahrheit erfahren“.