Vitalij Klitschkos schwerster Kampf
Früher stieg Vitalij Klitschko alle drei Wochen für ein Millionenpublikum in den Ring. Heute macht er die Ochsentour durch die Kiewer Stadtteile – drei Auftritte pro Tag vor nie mehr als 200 Zuhörern. Der ältere der beiden Box-Brüder kämpft derzeit den schwersten Kampf seines Lebens: Er will in seinem Heimatland Ukraine Politiker werden. Am 26. März kandidiert er gleichzeitig für den Bürgermeistersessel in Kiew und für das Parlament.
„Ich kämpfe ganz offen, ohne Waffen“, sagt der 34-jährige Ex-Boxweltmeister. Damit will er gegen den Amtsinhaber punkten – einen 67-jährigen Ingenieur, der vom Rathaus aus ein System aus Korruption und Vetternwirtschaft errichtet hat. Tatsächlich scheinen einige in Kiew vor Klitschko zu zittern: Gefälschte Flugblätter mit Rechtschreibfehlern, angeblich von seiner Partei, machen die Runde. Eine denkmalgeschützte Kirche beschmierten Unbekannte von oben bis unten mit der Parole „Wir unterstützen Klitschko“.
Diese Anti-Propaganda zeigt Wirkung: „Auch Klitschko will doch nur Macht haben und noch reicher werden“, sagen manche Kiewer, so der 36-jährige Wasil Jatsenjuk, der in einer U-Bahn-Passage Portraits von Passanten malt. Selbst im Lichtschein einer McDonald’s-Filiale, abends um sieben, versucht Klitschko seine Wähler zu erreichen. „Die Beamten denken nicht an die Zukunft unserer Stadt – sie wollen nur ihre eigenen Taschen füllen“, ruft er den Menschen zu, die aus einem U-Bahn-Aufgang hetzen. Ein bisschen schwerfällig wirkt seine Rede. Klitschko überzeugt eher durch seine Persönlichkeit. „Er hat lange in Westeuropa gelebt und wird auch bei uns Ordnung und Sauberkeit schaffen“, meint die 22-jährige Französisch-Dolmetscherin Viktoria Latjuscha.
Am meisten Sympathien heimst der Ex-Boxer nicht auf der Rednerbühne ein, sondern beim Autogramme-Geben. Anderthalb Stunden braucht der Zwei-Meter-Mann am nächsten Tag, um sich in einem Einkaufszentrum durch die Trauben seiner Fans zu schreiben. Für die Frauen hat er ein besonderes Foto: in schmachtender Pose und mit geöffnetem Kragenknopf. „Die Ukraine ist meine Heimat, und ich möchte etwas tun für dieses Land“, erklärt er und rettet sich schließlich vor den Fans in seinen schwarzen Jeep.
Um Vitalij Klitschko bemühten sich viele Parteien, auch „Nascha Ukraina“ von Präsident Viktor Juschtschenko. Aber er entschied sich für die kleine Partei „Pora“ („Es ist Zeit!“). Bei der orangefarbenen Revolution im Herbst 2004 war „Pora“, noch als Bürgerbewegung, treibende Kraft. Ihre Aktivisten schliefen wochenlang in Zelten und protestierten gegen die Wahlfälschungen. Damals unterstützte Klitschko noch Juschtschenko – heute ist er enttäuscht: „Viele alte Kader haben sich einfach in orange gekleidet und sind so in Amt und Würden geblieben.“
Einmal pro Woche ist Klitschko für seine Partei in der Provinz unterwegs. Er muss ihr über die in der Ukraine geltende Drei-Prozent-Hürde helfen. Aber auch hier ist der Wahlkampf rauh. Im östlichen Dnjepropetrowsk, gerade aus der Chartermaschine gestiegen, wird Klitschko mit „Schande“-Rufen empfangen. „Eine Provokation, diese Demonstranten sind bezahlt“, beruhigt er. Der Auftritt auf dem verregneten Lenin-Platz der Stahlmetropole gerät zum Desaster. Vor der Kulisse der stolzen Stalin-Bauten versammeln sich gut 1000 Menschen mit orangefarbenen Fahnen. Die meisten von ihnen glauben, Klitschko trete für die Partei des Präsidenten an.
Noch weiter im Osten, in Saporosche, muss auch Klitschkos Mannschaft zu einem zweifelhaften Manöver greifen. Der lokale Fernsehkanal verlangt 2700 Euro für das halbstündige Live-Interview. Die Fragen des Moderators erinnern folglich an eine Werbesendung: „Ich habe gehört, dass Sie viele gemeinnützige Projekte unterstützen?“ Vor dem Studio-Gebäude, einer alten Fabrik, muss sich Klitschko im Halbdunkeln mit den Mitgliedern des örtlichen Box-Klubs ablichten. Wieder ein Tag, an dem er seine Frau und seine Kinder nur schlafend gesehen hat.
Die Umfragen in Kiew sehen nicht gut für den Boxhelden aus. 20 Prozent der Wähler wünschen sich ihn als Bürgermeister, der Amtsinhaber kommt derzeit auf deutlich mehr Stimmen. Aber Vitalij Klitschko glaubt an seine Mission: „Ein Boxer, der zweifelt, hat schon verloren“, sagt er.