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„Man wartet immer bis zur Katastrophe“

von Stefan Günther, Merlin Nadj-Torma, 07.09.2015


Die n-ost-Fotografin Merlin Nadj-Torma spricht im Interview über die aktuelle Lage in einem illegalen serbischen Camp an der Grenze zu Ungarn und die Folgen der Berichterstattung über Flüchtlinge.

Flüchtlinge auf dem Weg Richtung Ungarn in der Nähe von Subotica in Serbien. / Foto: Merlin Nadj Torma, n-ost
Flüchtlinge auf dem Weg Richtung Ungarn in der Nähe von Subotica in Serbien. / Foto: Merlin Nadj Torma, n-ost


n-ost: Sie fotografieren seit Jahren immer wieder in einem illegalen Flüchtlingscamp an der ungarisch-serbischen Grenze. Gerade waren Sie wieder dort. Was hat sich im Vergleich zu 2011 und 2012 verändert?

Merlin Nadj-Torma: Vor drei Jahren habe ich versucht, dort für eine schwangere Frau aus Afghanistan ärztliche Geburtshilfe zu bekommen – niemand fühlte sich zuständig. Die Frau bekam ihr Kind dann auf dem Gelände einer Tankstelle. Das würde heute so nicht mehr passieren. Durch die internationale Berichterstattung sind Hilfsorganisationen aufmerksam geworden. Es gibt Ärzteteams vor Ort, außerdem erhalten die Flüchtlinge ein dreitägiges Aufenthaltsrecht in Serbien. Aber das Lager ist nach wie vor illegal, und die alten Fluchtrouten sind immer noch dieselben.

Woher kommen die Menschen, die heute in dem Camp zusammenleben?

Nadj-Torma: Es gibt zwar jetzt einige Syrer, aber generell halten sich in dem Camp weiterhin hauptsächlich Afghanen, Pakistanis und Kurden auf. Das Camp ist der Knotenpunkt für Menschen, die mit der Hilfe von Schleppern weiterreisen müssen.

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Welche konkreten Vorstellungen und Erwartungen von Europa haben die Flüchtlinge?

Nadj-Torma: Sie erhoffen sich vor allem ein besseres Leben. Was sie überhaupt nicht erwartet haben, sind die harten Bedingungen im Camp, vor allem im Winter. Die entsprechen nicht dem Bild von Europa, das sie aus Erzählungen kannten. Die Jüngeren wollen in Westeuropa studieren oder in ihrem Beruf arbeiten.

Inwiefern erfüllen sich diese Erwartungen?

Nadj-Torma: Ich denke, bei den Wenigsten wird es so funktionieren, wie sie sich das vorgestellt haben. Viele, die ich kennengelernt habe, leben jetzt illegal in verschiedenen europäischen Ländern. Von ihren Träumen ist oft nicht viel übriggeblieben.


01. September 2015: Auf dem Vorplatz des Budapester Bahnhofs / Foto: Merlin Nadj Torma

Wie viel wissen die Asylsuchenden über die Gesetzgebungen und politischen Entscheidungen der einzelnen EU-Länder, die Flüchtlinge betreffen?

Nadj-Torma: Die Flüchtlinge sind sehr gut vernetzt. Sobald es eine Gesetzesänderung gibt, die sie betrifft, spricht sich das schnell herum. Das bewirkt auch eine Änderung in ihrem Verhalten und ihren Routen. Als Deutschland kürzlich entschieden hat, dass syrische Flüchtlinge nicht mehr abgeschoben werden, haben sich diese Menschen sicherer gefühlt. Sie verstehen jedoch nicht, warum sie einerseits in Deutschland Asyl bekommen, es ihnen aber anderseits so schwer gemacht wird, dorthin zu kommen.

Haben die Flüchtlinge auch eine Vorstellung davon, wie kontrovers derzeit über sie berichtet wird?

Nadj-Torma: Was sie zunächst einmal sehr stark wahrnehmen, ist die Medienpräsenz, das Interesse der Medien an der Thematik und die vielen Journalisten vor Ort. Aber ihnen sind die heiklen Debatten über die europäische Flüchtlingspolitik nicht bewusst. Für sie gilt Europa als eine Region, in der die Menschen gut sind und alles funktioniert.

Was halten Sie von der aktuellen Berichterstattung über Flüchtlinge?

Nadj-Torma: Es ist sehr gut, dass mittlerweile verstärkt berichtet wird. Es hat jedoch viel zu lange gedauert, bis die Medien sich dafür interessiert haben. Man wartet immer solange, bis es zu einer Katastrophe kommt. Die verstärkte Berichterstattung hat dann aber letztlich dazu beigetragen, Empathie und Verständnis für die Flüchtlinge zu wecken und ihnen dadurch das Leben zu erleichtern. 


28. August 2015: Flüchtlinge auf dem Weg durch Serbien mit dem Zug. / Foto: Merlin Nadj-Torma

Wie sieht die serbische Berichterstattung zum Thema aus?

Nadj-Torma: In Serbien ist die Berichterstattung genauso wie die Behandlung der Flüchtlinge sehr wohlwollend. Das kommt auch daher, dass die Menschen einst selbst Flucht und Vertreibung erlebt haben. Als der Bürgermeister von Kanijza, einem Ort Nahe der ungarischen Grenze, Flüchtlinge öffentlich beleidigte, ergriffen serbische Medien Partei für die Flüchtlinge. Inzwischen läuft gegen den Bürgermeister aufgrund seiner Äußerungen auch ein Verfahren.

Wie reagieren die Flüchtlinge auf das starke Medieninteresse?

Nadj-Torma: Überall wo sie hinkommen, sind schon Medienteams präsent und begleiten die Menschen, so dass sie sich dem Medieninteresse gar nicht entziehen können. Viele wollen aber nicht fotografiert werden, da sie befürchten, Probleme zu bekommen. Sie haben Angst, dass man sie identifizieren und abschieben könnte. Außerdem haben viele noch Verwandte in der Heimat und wollen nicht, dass diese in Gefahr kommen. Ich habe aber auch Familien oder Gruppen getroffen, die explizit um Begleitung gebeten haben, da sie sich so eine Art Schutz erhofft haben.

Wie gehen Sie persönlich an das Fotografieren von Personen heran, die sich in einer so schwierigen Lage befinden?

Nadj-Torma: Ich versuche immer, möglichst viel Zeit mit den Menschen zu verbringen, bevor ich anfange zu fotografieren. Ich habe mich damals über Monate in dem Camp aufgehalten. Ich kannte dadurch die Menschen und die Situation, in der sie sich befanden. Für mich ist immer eine Vertrauensbasis wichtig.


Merlin Nadj Torma in der Nähe der ungarischen Grenze / Foto: privat

Eine Audioslideshow zu Merlin Nadj-Tormas Arbeit in dem Flüchtlinscamp finden Sie hier: http://ostpol.de/beitrag/4284-fluechtlinge_ueber_den_balkan_in_die_eu

Weitere Arbeiten der Fotografin finden Sie auf ihrer Website: http://throughmyeyes.de/


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