Tschechien

In der Nacht rollen die Panzer

(n-ost) - Die Bremsen kreischen, der Zug hält nachts auf offener Strecke, irgendwo in Ungarn. Stille dringt in die Abteile ein. František Cerný öffnet ein Fenster, um zu rauchen -- und blickt auf grauen Stahl. Eine Armlänge vor ihm stehen Panzer, in einer langen Reihe, die im Dunkeln verschwindet. Es ist ein Militärzug mit schwerem Kriegsgerät und Soldaten. Auch die Soldaten rauchen und Cerný fragt sie durchs Fenster scherzhaft auf Russisch: "Na Pragu?" -- "Da, na Pragu."Es ist die Nacht vom 20. auf den 21. August 1968. Um 23 Uhr stoßen Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei vor. Über 500.000 Soldaten, 7500 Panzer, 2000 schwere Geschütze und 1000 Flugzeuge sollen die Reformbewegung in dem sozialistischen Land beenden und es zurück unter die Knute der Sowjetunion zwingen. Die Streitmacht ist etwa so groß wie die der Roten Armee, die 1945 in die Tschechoslowakei vorgerückt war, um Hitlers Truppen zu vertreiben. Innerhalb von 36 Stunden ist das kleine Land vollständig besetzt. Militärisch ist die Invasion ein Erfolg, politisch ein Fiasko.Frantisek Cerný steht am Zugfenster und denkt nichts Böses. Ein weiteres Manöver, vermutet der Mann aus Prag. Es ist Urlaubszeit, und er fährt mit Familie und Freunden ans Schwarze Meer. Sein Zug setzt sich in Bewegung, die Panzer hinter ihm werden eins mit der schwarzen Nacht.František Cerný, tschechischer Reformer von 1968 und Botschafter in Deutschland. Foto: Thorsten HerdickerhoffDie tschechoslowakische Regierung unter dem Reformkommunisten Alexander Dubcek verurteilte den Einmarsch umgehend und öffentlich. Die moskauhörigen Verschwörer in den eigenen Reihen hatten kaum Anhänger und konnten nicht wie geplant putschen. Die Bevölkerung solidarisierte sich mit ihrer Regierung und leistete vehement Widerstand gegen die Besatzer aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien.Die zwei beteiligten Divisionen der DDR blieben vor der Grenze stehen. Walter Ulbricht war zwar treibendes Mitglied der Fünfer-Allianz gegen die Freiheit, doch es gab Bedenken gegen die ostdeutschen Truppen. Entweder, weil der völkerrechtliche Status der DDR unklar war, oder weil die Verschwörer aus Prag nicht wieder deutsche Besatzungssoldaten im Land haben wollten. Die Einheiten unterstützten logistisch die Invasion, bei der etwa 100 Menschen sterben werden.František Cerný ist mit Frau und Tochter in seinem Urlaubsort angekommen, dem bulgarischen Fischerdorf Nessebar, das auf einer Halbinsel liegt. Um ihn herum glitzert das Schwarze Meer in der Sommersonne. Er schaltet das Radio ein, sucht die Station, für die er selber als Journalist arbeitet und -- ihm versagt die Stimme. Aus dem Radio schallt die Bitte nicht zur Waffe zu greifen, im Hintergrund knattern Maschinengewehre, Granaten explodieren bedrohlich laut, klirren dort zerspringende Fensterscheiben?Am Morgen des 21. August strömen Tausende Menschen zum Rundfunkgebäude in Prag und bauen Barrikaden, stellen Laster und Busse quer, bilden selbst lebende Mauern. Sie versuchen mit Jacken die Sehschlitze der Panzer zu verdecken, werfen Brandsätze. Ein Munitionswagen explodiert vor dem Rundfunkgebäude und dicker Qualm füllt die Straßenschlucht, in der Skelette ausgebrannter Busse liegen, Trümmer, Schutt. Schließlich dringen Soldaten in das Gebäude ein und besetzen es, doch der freie tschechoslowakische Rundfunk sendet weiter. Techniker und Journalisten haben bereits andere Studios eingerichtet, im ganzen Land, und sie senden bis ans Schwarze Meer.Der bulgarische Wirt versucht die Familie Cerný zu beruhigen, doch vergeblich. Die Aufregung ist groß, auch unter den anderen Urlaubern. Sie treffen sich in der nahe gelegenen Stadt auf dem Festland. Mehrere hundert Tschechoslowaken ziehen mit Plakaten durch Sonnenstrand und demonstrieren für ihren Hoffnungsträger, für ihre Rechte, für ihre Freiheit. "Dubcek, Dubcek" schallt es durch den Ferienort. Die beherrschende Frage unter den aufgebrachten Demonstranten lautet: Soll ich ins Exil gehen? Auch František Cerný diskutiert darüber mit seiner Frau und mit seinen Freunden.Dabei hatten sie sich so wohl gefühlt in Prag: Zum ersten Mal hatte sich die Kommunistische Partei offen vom Stalinismus abgewandt. Am 5. Januar 1968 löste Alexander Dubcek seinen erstarrten Vorgänger Antonín Novotný an der Spitze der Partei ab. Im März wurde die Zensur abgeschafft. Die Kommunistische Partei demokratisierte sich und sprach dem Einzelnen das Recht auf freie Entfaltung zu. Die Menschen organisierten sich in Klubs und Vereinen, sie traten öffentlich für ihre Bürgerrechte ein. Bis Mitte April waren die meisten wichtigen Position in Staat und Gesellschaft mit Reformern besetzt. Der Sozialismus bekam ein menschliches Gesicht.Die neuen Freiheiten genoss auch František Cerný, privat und vor allem beruflich. Er arbeitete beim Auslandssender des Tschechoslowakischen Rundfunks in der deutschen Redaktion und hatte viele Kontakte nach Deutschland. Kurz vor dem 21. August sprach er noch am Telefon mit Axel Buchholz in dessen Sendung beim Saarländischen Rundfunk. Der Westen fürchtete eine Invasion der Sowjets, doch Cerný konnte sich das nicht vorstellen."Die Sowjets sind sicher irritiert von dem, was bei uns passiert, aber sie haben jetzt keine Macht mehr", sagte er zuversichtlich. Und einmarschieren, nein, sie könnten nicht vor der ganzen Welt in ein Bruderland einmarschieren, in dem alles funktioniere und das der beste Verbündete der Sowjets sei. Buchholz war skeptischer: "Na ja, hoffentlich haben Sie recht." Cerný glaubte fest daran und fuhr frohen Mutes in den Urlaub.Jetzt will er ihn abbrechen und versucht Rückfahrkarten zu bekommen, was nicht einfach ist. Er will zurück nach Hause, erst mal. Andere sind unsicher. Schließlich ergattert er Karten, die Fahrt geht über Österreich -- ungewöhnlich. Er und seine Frau diskutieren die Chance, reden über ihre Eltern daheim, können die Gefahren in Prag schlecht einschätzen. Schließlich entscheiden sie: Frau und Tochter steigen in Wien aus, er fährt nach Prag.Ihr Freund Borisek will ebenfalls in Wien aussteigen, schweren Herzens. Er hat Angst vor den Besatzern, da seine Vorfahren jüdischen Glaubens waren. Er musste schon einmal ungewollt ins Exil. Seine Familie schickte ihn 1938 als Kind nach Schweden und blieb selbst daheim. Vater und Schwester wurden im Holocaust ermordet.Als der Zug schon durch die Tschechoslowakei gen Prag rattert, steht plötzlich Borisek im Gang, mit verquollenen Augen. "Ich, ich habe verschlafen", stammelt er. František Cerný fragt sich, ob aus Müdigkeit, aus Angst vor der Fremde oder aus Liebe zur Heimat.Zurück in Prag geht Cerný zum Rundfunk, vorbei an schwarzen, ausgebrannten Häusern. Er wird kontrolliert und darf passieren. Oben begrüßen ihn seine Kollegen mit großem Hallo. Sie spielen erst einmal Karten und diskutieren die Lage nach dem Moskauer Diktat: Haben Dubcek und die anderen, in die wir so viel Vertrauen gesetzt haben, korrekt gehandelt in Moskau? -- Was hätten sie schon groß machen können? -- Wir haben es den Sowjets jedenfalls richtig vermasselt!Die Stimmung ist gut, David fühlt sich als moralischer Sieger gegen Goliath. Die Sowjets ließen die meisten Reformkommunisten vorerst im Amt, da die Konservativen keine Unterstützung in der Bevölkerung hatten. Zwei Wochen später schreibt Cerný seiner Frau in Wien von seinem Entschluss, zu bleiben. Er meint, hier immer noch etwas tun zu können. Sie kommt mit der Tochter heim.Aber der Plan der Sowjets ging auf. Die Reformer mussten dem Diktat folgen und erledigten dank ihres hohen Ansehens friedlich, was die Besatzer nur mit Gewalt hätten durchsetzen können. Die Reformen wurden langsam aber stetig zurückgenommen. Anfang September fielen die Pressfreiheit und das Demonstrationsrecht, dann wurden die Reformer zügig ausgebootet. Am 17. April 1969 trat schließlich Alexander Dubcek von seinem Amt als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei zurück. Sein Nachfolger wurde Gustáv Husák. Das Regime Husák war bis 1989 eines der starrsten und dogmatischsten in Osteuropa.Kurz nach dem Rücktritt Dubceks wird František Cerný in die Direktion des Rundfunks zitiert. Der reformfreundliche Journalist kann unterschreiben, einer "allgemeinen Psychose anheim gefallen" zu sein und jetzt "konstruktiv am Aufbau des Sozialismus mitwirken" zu wollen. Er lehnt ab -- und bekommt Berufsverbot.Das Ende des Prager Frühlings -- er spürte es am eigenen Leib. Cerný sollte aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, wie zahlreiche andere Journalisten, Ärzte, Wissenschaftler und Schriftsteller. Doch es gab zu viele Reformfreunde, sie waren die Gesellschaft. Jirí Dienstbier, nach der Wende Außenminister, arbeitete als Heizer. Der Schriftsteller Ivan Klíma kehrte Straßen und František Cerný lehrte Deutsch an einer kleinen Sprachschule. Das war alles schlecht bezahlt, aber sie waren angesehen.Sein Ansehen machte ihn unmittelbar nach der Wende zum Botschafter der demokratischen Tschechoslowakei in Berlin. Cernýs Freunde Václav Havel und Jirí Dienstbier holten ihn in ihr Team. Er arbeitete bis 2001 als Botschafter, trotzdem er das Protokoll nicht mochte. Er hielt sich auch nicht immer dran, vielleicht war er deshalb so beliebt. Zum Ende seiner Amtszeit verlieh ihm Bundespräsident Johannes Rau das große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband.Heute lebt František Cerný wieder in seiner Heimatstadt Prag, direkt an der Moldau. Wenn er auf die bewegten 76 Jahre seines Lebens zurückblickt, sticht 1968 hervor. "Der Prager Frühling spielt die wichtigste Rolle in meinem Leben", sagt František Cerný heute und strahlt. "In der Zeit haben sich ständig neue Horizonte geöffnet." Es war ein Aufbruch, den die Reformer nach 89 zu Ende geführt haben.ENDE Nachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 259 32 83 - 0


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