Polen

Die Kohle, ein nationales Symbol

Andrzej Gula konnte das chronische Husten seiner Kinder nicht mehr ertragen. Er hat in ihrem Zimmer einen Elektrofilter installiert. „Nach ein paar Wochen war der Filter schwarz vor Ruß“, sagt der Familienvater aus Krakau.

Die polnische Königsstadt ist im Sommer ein beliebtes Touristenziel. Im Herbst und Winter aber ist sie die Stadt mit der schlimmsten Luftverschmutzung Europas. Ärzte beklagen seit Jahren, dass es in Krakau mehr Atemwegs- und Kreislauferkrankungen gibt als anderswo in Polen. Sie raten alten Menschen, im Winter in der Wohnung zu bleiben. Krakau hat die höchste Feinstaubbelastung in der ganzen EU.

Dennoch wehrt sich Polen vehement gegen den Ausstieg aus der Kohle. Vor dem Klimagipfel in Paris am kommenden Montag droht die neue nationalkonservative Regierung damit, die Verhandlungen zu blockieren. Denn Kohle ist in Polen nicht nur reichlich vorhanden. Sie ist in Polen zudem ein nationales Symbol, weil sie für Energiesicherheit und Unabhängigkeit steht, vor allem von russischem Gas.


Smogwarnungen sind an der Tagesordnung

Aber der Ärger mit dem „schwarzen Gold“ wächst: Inzwischen regt sich bei den Krakauer Bürgern der Widerstand gegen die schlechte Luft. Seit 2014 ruft die Bürgerinitiative „Krakau Smog Alarm“ zu Demonstrationen auf, wie zuletzt Mitte November unter dem Slogan „SOS“. „Die Luftverschmutzung in Krakau entspricht 2.500 Zigaretten pro Jahr“, sagt Andrzej Gula, der sich der Initiative angeschlossen hat.

Schuld daran sind vor allem die Kohleöfen. Geschätzte 30.000 gibt es davon in der Stadt. Hier wird nicht nur die billigste und schlechteste Kohle verheizt, sondern oft auch Hausmüll. Ein polenweites Problem: Rund 70 Prozent der polnischen Haushalte werden mit Kohle beheizt, meist noch mit klassischen Öfen oder sonst mit Zentralheizungen im Keller. „Schlimm ist, dass immer noch viele einfache Dreckschleudern verkauft werden“, so Gula. Sie stoßen Dioxine und Benzapyrene aus.

Mit Kohle zu heizen ist aber am billigsten. Bei Bruttolöhnen von durchschnittlich umgerechnet 820 Euro im Monat haben die Menschen hier im Süden Polens nicht viel finanziellen Spielraum.

Dennoch zeichnet sich nun ein Wandel ab. Im Oktober hat Staatspräsident Andrzej Duda ein Gesetz unterzeichnet, das den Städten erstmals das Recht zuerkennt, die Verbrennung von Kohle zu verbieten. Prompt kündigte der Bürgermeister von Krakau an, davon Gebrauch zu machen, nachdem ein früherer Versuch vor den Gerichten gescheitert war. Erst Anfang des Monats hat die Stadtregierung wieder eine Smogwarnung herausgegeben, die gefährdete Menschen zwar warnt, das Haus zu verlassen, aber keine Konsequenzen für die Verursacher hat.


Das Herz der polnischen Wirtschaft

Bis 2019 will die Stadt nun die Verbrennung von Kohle verbieten. Die Kosten einer solchen Umstellung in Tausenden Haushalten werden gigantisch sein. Es gibt dafür Pläne zum Ausbau des Fernwärmenetzes. Ein Renovierungsfonds gibt Zuschüsse für den Austausch der Heizung, aber das Programm läuft noch nicht gut: Die Alternative Erdgas ist deutlich teurer als Kohle, und die Häuser sind im Allgemeinen schlecht isoliert.

Dass der Abschied von der Kohle in Polen so schwerfällt, liegt auch daran, dass sie über Jahrzehnte das Herz der polnischen Wirtschaft darstellte. Nach Jahren permanenter Krise arbeiten noch immer rund 100.000 Kumpel im Kohlebergbau, oft tief unter Tage. Die Kleinstadt Zabrze bei Katowice beispielsweise ist ohne Kohle nicht denkbar. Die Zeche „Guido“ wurde von der Adelsfamilie Henckel von Donnersmarck bereits 1855 gegründet.

Lange schon ist sie allerdings erschöpft. Inzwischen ist sie für Besucher geöffnet. Andrzej Mitek, ein früherer Kumpel, bringt die Stimmung der Bevölkerung auf den Punkt: „Kohle ist gutes Business, nur das Management hat versagt.“ Das ist noch optimistisch: Die Stadt leidet wie viele der Kohlestädte in Oberschlesien unter dem Strukturwandel. Zu den verlorenen Jobs kommen Schäden in Landschaft und Gebäuden. Noch akzeptieren die Menschen diese, aber die Uhr für die Kohle tickt.

Seit 2014 machen die großen staatlichen Kohlegesellschaften horrende Verluste, für die der Staat einspringt. Größtes Sorgenkind ist die Kompania Weglowa, die größte Kohlegesellschaft Europas. Die durchschnittlichen polnischen Förderkosten liegen weit über dem aktuellen Weltmarktpreis für Kohle. Zunehmend dringt ausländische Kohle auf den Markt. Je länger dieser Trend dauert, umso schwieriger wird es für die Zechen und ihre Kumpel, die hohen Subventionen zu verteidigen. Ihnen stehen harte Zeiten bevor.

Reportage über illegalen Kohleabbau in Polen

Hinweis: Die Recherche für den Artikel wurde gefördert von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.

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Quellen:

http://www.thenews.pl/1/9/Artykul/227657,Krakau-issues-smog-warning
http://www.eea.europa.eu/media/newsreleases/europes-cities-still-suffering-from


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