Ukraine

„Findet Worte für diese Menschen!“

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Boris Chersonskij

„Eben hat mich eine Jugendfreundin aus den USA angerufen. Sie macht sich große Sorgen um unser Wohlergehen. Vorher hatte sie mit ihrer Freundin aus Odessa gesprochen. Diese war in Panik: „Überall Bandera-Anhänger, ich habe Angst, nach draußen zu gehen.‟ Diese geht nur in Begleitung ihrer ukrainischen Freundin auf die Straße, sie selbst ist Russin.

Ich habe meine Freundin aus den USA beruhigt und sie darum gebeten, ihre ältere, in Panik geratene Freundin zu beruhigen, aber ich glaube nicht sonderlich, dass dieser Versuch Erfolg haben wird.


Der Nationalist Stepan Bandera versuchte vor dem Zweiten Weltkrieg, mit Hilfe der Nazis einen eigenen ukrainischen Staat aufzubauen, wurde jedoch bald von den Deutschen inhaftiert. Auf dem Maidan gilt Bandera als Symbol für den Freiheitskampf der Ukrainer.


Ein bedeutender Teil meiner Bekannten und Freunde schaut mit Angst in die Zukunft. Man kann die Angst jener, für die Stepan Bandera nicht das Symbol von Freiheit und Demokratie ist, verstehen, wenn man sich die Panik um knappe Lebensmittel, die jüngste Entwertung der Währung und die Zusammenstöße mit den „Tituschki‟ (von der Janukowitschseite angeheuerte Schläger, Anm. d. Red.) vor Augen führt.

Ich schreibe das für meine ukrainischen Freunde aus Odessa, denen die Sache des Maidan teuer ist, die unser Land einig und blühend sehen wollen, für die Menschen, die wirklich für europäische Werte einstehen.

Denkt daran: Ihr lebt in einer traditionell russischsprachigen Stadt. Hier existiert eine zu Sowjetzeiten anerzogene Angst vor den „Westlern‟, vor den „Banderowzy‟, den „Banditen‟. Leider hat das Regime, das uns in den letzten Jahren regiert hat, diese feindlichen Einstellungen nur geschürt. In der Ära Juschtschenko hat die Regierung nichts unternommen, um die Ängste der einfachen, wenig gebildeten Menschen, aber – noch wichtiger – der russischsprachigen städtischen Intelligenzia zu verwehen.

Können wir in diesen Tagen, auf den Demonstrationen, die wir veranstalten, etwa nicht zeigen, dass wir die Sorgen und Hoffnungen der russischsprachigen Ukrainer verstehen? Können wir nicht zeigen, dass wir eine gemeinsame Heimat haben (die UdSSR für viele, die Ukraine für die Jüngeren), dass wir eine gemeinsame blutige Geschichte haben, eine Geschichte mit Konflikten und Gewaltakten gegeneinander. Aber diese Geschichte, so hoffe ich, ist mit dem Blut des Maidans beendet.

Findet Worte für diese Menschen – in russischer Sprache. Versucht nicht, sie zu Gleichgesinnten zu machen. Aber bemüht euch, sie nicht zu Feinden zu machen. Tut alles dafür, die Panik zu dämpfen und den Menschen zu helfen, die Vorurteile der Vergangenheit zu überwinden. Soweit das möglich ist.“


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