Bulgarien

Roma als Sündenböcke?

Die friedlichen Revolutionen in Osteuropa werden heute, 20 Jahre später, vor allem als Aufbruch in Freiheit und Selbstbestimmung gefeiert. Der größten Minderheit in Europa, den Roma, bescherten sie hingegen vor allem in Südosteuropa eine Verschlechterung der Lebensbedingungen. Nach der Wende 1989 waren die Roma die ersten, die ihre Jobs verloren. So ist beispielsweise in Ungarn jeder vierte der rund 600.000 Roma mangels Bildung arbeitslos, viele sind auf staatliche Unterstützung angewiesen. Ungarische Rechtsextreme diffamieren sie als Sozialschmarotzer.

„Ich verdiene die Stütze, von der Du lebst“, heißt es in einem Hass-Video einer ungarischen Nazi-Band, frei zugänglich auf dem Internet-Portal „You Tube“. Eine Meinung, die derzeit in Ungarn viele Anhänger findet. „Ungarn ist ein sehr rassistisches Land“, sagt Gina Böni – eine Schweizerin, die in Budapest ein Projekt für Roma gegründet hat. Auch Justizminister Tibor Draskovics gibt unumwunden zu: „Die fehlende gesellschaftliche Integration der Roma ist das größte Debakel der vergangenen 20 Jahre.“ Jede Regierung sei bislang daran gescheitert. Auch die Bürgermeister vor Ort sehen meist hilflos zu, wenn gegen Roma gehetzt wird.

„Was die Regierung macht, ist ein Witz”, sagt der Sozialist Sándor Márki, Bürgermeister des 6000 Einwohner zählenden Puszta-Städtchens Kunmadaras. Das Hauptproblem aus seiner Sicht: Es gibt zu wenig Geld für soziale Programme. Die Arbeitslosenquote in Kunmadaras liegt seit Jahren bei rund 23 Prozent. Und die Leute sind sehr lange arbeitslos. Fast jeder Dritte in Kunmadaras hegt Sympathien für die rechtsextreme Partei Jobbik. Der Bürgermeister macht die allgemeine Unzufriedenheit für den Wahlerfolg der Rechtsextremen verantwortlich. Und: „Ich glaube nicht, dass nur Jobbik ausdrücklich gegen Zigeuner ist. So ein Denken gibt es bei allen Parteien.”

„Hier in Kunmadaras ist nicht das Problem, ob einer Zigeuner ist”, sagt Márki, „sondern ob jemand so viele Straftaten begeht, wie es die Zigeuner nun mal tun.” Ob das so stimmt, dazu will bei der örtlichen Polizei niemand Auskunft geben. Es werde viel geklaut, heißt es lediglich. Seit Jahren. „Alles, was weggetragen werden kann”, sagt ein Polizist, „vom Huhn bis zur Bahnschwelle.“ Das gefällt auch vielen Roma nicht. „Ich finde es blöd, wenn der Omi das letzte Huhn geklaut wird”, empört sich Gyula Sebes, der mit seiner Frau und drei Kindern am Stadtrand von Kunmadaras wohnt. Natürlich sei auch die Armut schuld daran, dass geklaut werde, sagt er.


Der Bürgermeister von Kunmadaras Sándor Márki sagt, dass er zu wenig Geld für soziale Programme habe. / Stephan Ozsváth, n-ost


„Man muss die Leute mal ein bisschen härter anfassen”, fordert eine ältere Ungarin. Sie wünscht sich mehr Ordnung in ihrer Stadt, und dass weniger gestohlen wird. Unumwunden gibt sie zu, bei den Europawahlen für die rechtsextreme Partei Jobbik gestimmt zu haben. „Aber nicht, weil sie gegen Zigeuner sind”, behauptet sie. Es sei tatsächlich weniger der offene Rassismus von Jobbik, der die Wähler anziehe, glaubt der Bauarbeiter István Rabics. Es sei der Frust über die etablierten Parteien: die Sozialisten, die Liberalen und den rechtskonservativen Bürgerbund Fidesz. „Wir brauchen eine neue politische Kraft”, sagt er, „aber nicht so eine.”

Auch die Schweizerin Gina Böni ist überzeugt, dass das Problem bei der politische Elite liegt. Die sage eben nicht: „So nicht!“, wie in anderen Ländern. Deshalb kommt es immer häufiger auch zu Gewalt gegen Roma. Anfang August ist nur 100 Kilometer von Kunmadaras entfernt eine alleinerziehende Roma-Mutter heimtückisch ermordet worden. In Kisléta, im Grenzgebiet zu Rumänien und der Ukraine, drangen Unbekannte in das Haus von Mária Balogh ein und töteten die 43-Jährige offenbar im Schlaf mit mehreren Schüssen. Ihre 13-jährige Tochter überlebte schwer verletzt und wird jetzt im Krankenhaus in Nyiregyháza behandelt – unter Polizeischutz. Die Polizei setzte mittlerweile 100 Millionen Forint Belohnung für Hinweise aus, die zu den Tätern führen.

„Das sind keine spontanen Angriffe, die sind geplant”, glaubt der Bürgermeister von Kunmadaras Márki. Es ist schon der sechste Mord an Roma in anderthalb Jahren, rechnet die Polizei vor. Angesichts dieser Zahlen fühlte sich auch Staatspräsident László Sólyom genötigt, die Angriffe zu verurteilen, nachdem er im vergangenen Jahr die Rechtsextremen noch klein geredet hatte. Die Sicherheit der Roma sei „eine moralische Verpflichtung”, sagte der parteilose Politiker jetzt nach dem jüngsten Anschlag. Zur Beerdigung der ermordeten Mária Balogh aus Kisléta kamen fast nur Angehörige der Minderheit der Roma.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Lom. In der bulgarischen Kleinstadt an der Donau mit 30.000 Einwohnern sitzen Roma in den Cafés neben Bulgaren, arbeiten als Polizisten, in Behörden, im Krankenhaus. Veselka Asenova, eine junge Romni, sagt: „In Lom ist es praktisch egal, ob du Rom bist oder nicht. Ich habe sehr viele Freunde, die keine Roma sind.“ Dabei waren auch in Lom die Roma die ersten, die nach 1989 aus den maroden Staatsbetrieben entlassen und in die Armut gedrängt wurden – in Wohnvierteln ohne Kanalisation und fließendes Wasser, mit fehlender Gesundheitsversorgung, mit Kindern, die in Sonderschulen gehen.

„Es gab eine Roma-Parallelwelt“, blickt Bürgermeisterin Penka Penkova zurück. „Auch heute haben wir immer noch viele Probleme, aber der Unterschied ist vielleicht: Wir fürchten uns nicht, sie zu benennen“, sagt die Bürgemeisterin. Und vor allem: Sie versuchen, sie zu lösen, zusammen mit den örtlichen Roma-Vertretern, mit denen die Stadt seit Jahren an einem gemeinsamen Strang zieht, wie Penkova betont.  Gemeinsam werden Projektgelder bei EU-Fonds oder nationalen Programmen beantragt, mit denen viele Verbesserungen erzielt werden konnten – im sozialen Bereich oder bei den Wohnverhältnissen. Oberste Priorität hatte immer der Bildungsbereich.

Was in Lom bereits geleistet wurde, wird bei einem Besuch der „Hristo-Botev-Schule“ im Roma-Viertel Mladenovo deutlich: Die Klassenzimmer sind bunt angemalt, Zeichnungen hängen an den Wänden, es ist freundlich und sauber. Dabei gehörte die Schule vor einigen Jahren noch zu den schlechtesten der Stadt. Alles wurde anders, als ein EU- Projekt, das die Schule vor fünf Jahren zusammen mit der „Roma Lom Stiftung“ beantragt hatte, bewilligt wurde.

Ein neuer Geist sei damals in die Schule eingezogen, erzählt die ambitionierte Direktorin Dessislava Alexandrova. Heute gehen fast alle Roma-Kinder des Viertels in die Schule und machen ihren Abschluss. Lehrer unterrichten mit interaktiven Methoden, es gibt eine Schulbibliothek, Nachmittagsangebote, einen Elternverein. Das Bildungsniveau hat sich mittlerweile an die üblichen Anforderungen angeglichen. „Unsere Schüler müssen schließlich konkurrenzfähig sein“, sagt Desislava Alexandrova.

Tatsächlich gab es Zeiten, da hatte die Stadt bestimmte Arbeitsplätze für Roma reserviert, um sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. „Aber jetzt ist das schon nicht mehr nötig“, erzählt Bürgermeisterin Penka Penkova stolz. Denn inzwischen gibt es viele gut ausgebildete Roma, die mit den Bulgaren auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren können. So ist der Leiter der Sozialbehörde ein Rom, auch auf anderen wichtigen Positionen in der Gemeinde sitzen Roma. Trotzdem hat die Gemeinde Lom erst kürzlich beschlossen, einen festen Posten von 20.000 Euro in ihrem Haushalt für die Integration der Roma zu verankern. Ein Novum in Bulgarien.

„Es wird immer gesagt, dass die Situation in Lom eine Ausnahme ist“, sagt Nikolay Kirilov, als Chef der der „Roma Lom Stifttung“ vielleicht der wichtigste Partner von Penka Penkova. „Aber das stimmt nicht. Es ist ein Modell, das viele studieren können, um zu sehen, wie wir das machen.“ Kirilov gehört zu einer neuen Roma-Elite: Er hat einen Abschluss an einer Amerikanischen Universität, spricht fließend Englisch, hat lange Auslandsaufenthalte hinter sich. Und er war der erste Rom-Abgeordnete im Gemeinderat. Das Problem, sagt er, seien nicht fehlende Strategien und Programme. Es gibt tatsächlich eine wahre Inflation an Papier. „Aber auf lokaler Ebene setzen das nur sehr wenige Gemeinden um“, kritisiert er. Weil es oft am Willen fehlt und an der nötigen Professionalität, vorhandene Fördermittel auch abzurufen.


Weitere Artikel