Slowenien

Christkind gegen Vater Frost

Pavel Skumavc ist ein Star. Zumindest in Mojstrana, einer kleinen Stadt unweit der slowenisch-österreichischen Grenze. Hier, am Fuße der Karawanken, bringt der Hobbykünstler seit nunmehr zehn Jahren jeden Dezember ein Krippenspiel auf die Bühne, in einer eigens von ihm erschaffenen Eislandschaft. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ist das kein einfaches Unterfangen. Während Maria und Josef bei der Kostümprobe schwitzen, schmilzt unter ihren Füßen mal wieder die Kulisse weg. Ja, es seien widrige Umstände dieses Jahr, sagt Skumavc, aber für einen gelungenen Weihnachtsauftritt geben er und seine Laienschauspieler alles. Hinter dem 54-Jährigen machen sich gerade die Hirten bereit für ihren großen Auftritt, dazu klingt Streichermusik aus den Boxen. Der Veranstalter ist zufrieden. „Weihnachten ist die schönste Zeit des Jahres.“

Viele Slowenen würden dem Krippenspieler in diesem Punkt entschieden widersprechen. Kaum irgendwo anders in Europa ist die Gesellschaft, was das Thema Weihnachten betrifft, so geteilt wie in dem gerade einmal zwei Millionen Einwohner zählenden Alpen-Adria-Staat. Natürlich, auch im Rest des Kontinents stehen sich Weihnachtsfans und Weihnachtsmuffel gegenüber, aber in Slowenien sind die Fronten zwischen ihnen besonders verhärtet. Während der eine Teil der Bevölkerung von Besinnlichkeit gar nicht genug bekommen kann, boykottiert der andere Teil das Fest rigoros.

„In meiner Familie ist Weihnachten kein Thema, und das ist gut so“, sagt etwa Klemen, ein 26-jähriger Verkäufer aus Ljubljana. Gefeiert wird bei ihm zuhause trotzdem, jedoch erst am 31. Dezember. Die Geschenke bringt nicht das Christkind, sondern „Dedek Mraz“, Väterchen Frost. Auch in vielen slowenischen Unternehmen sind „Weihnachtsfeiern“ verpönt. Stattdessen treffen sich die Arbeitskollegen zu sogenannten „Neujahrspartys“, im Dezember.

Das gespaltene Verhältnis der Slowenen zu Weihnachten lasse sich leicht erklären, sagt die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Petra Zigon. Einerseits sei Slowenien zwar ein sehr katholisches Land, andererseits aber hätten viele Menschen die sozialistischen Gepflogenheiten der Vergangenheit verinnerlicht. In Titos Jugoslawien war das Fest zwar nicht verboten, aber von den regierenden Eliten nicht gerne gesehen. Wer seinen Tannenbaum schmückte, tat dies in der Regel heimlich. Die Weihnachtstage waren ganz normale Arbeitstage. Mit dem Ende Jugoslawiens hätte sich dann alles schlagartig geändert, sagt Zigon. Viele Christen, die sich jahrelang unterdrückt fühlten, hätten auf einmal das Bedürfnis gehabt, besonders ausgiebig zu feiern.

Auch heute, zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit, hat sich daran eigentlich nichts geändert. Viele nichtgläubige Slowenen fühlen sich jedoch inzwischen von den neuen Platzhirschen an den Rand gedrängt. Die Tatsache, dass sich die katholische Kirche immer wieder auch in die Politik Sloweniens einzumischen versucht, störe viele Menschen zusätzlich, erklärt Zigon. Auch deswegen werde Weihnachten boykottiert.

Jenseits der zwei unversöhnlichen Lager gibt es allerdings auch eine größer werdende dritte Gruppe. Deren Mitglieder haben mit dem Christentum genau so wenig am Hut wie mit Sozialismus, freuen sich aber an Glühwein und Kitsch. In Sachen Weihnachtsbeleuchtung kann es Sloweniens Hauptstadt Ljubljana inzwischen locker mit jeder amerikanischen Vorstadtsiedlung aufnehmen. Traditionen hin oder her, zum Fest der Liebe wollen es viele Slowenen einfach nur ordentlich krachen lassen. Manche schießen daher sogar Feuerwerksraketen in die heilige Nacht. Das wiederum nervt nicht nur die Weihnachtsmuffel, sondern auch die kirchlichen Zeremonienmeister.

Im Freilufttheater von Krippenspieler Pavel Skumavc immerhin sind alle Teile der Bevölkerung willkommen, sofern sie denn die zehn Euro Eintritt zahlen. Weihnachten ist eben auch in Slowenien ein Geschäft.


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