Polen

Kaczynskis Mädchen

Beobachter, die Beata Szydlo weniger wohlgesinnt sind, beschreiben die 52-Jährige gern als roboterhaft. Im polnischen Wahlkampf habe die Spitzenkandidatin der nationalkonservativen PiS wie eine Maschine gestanzte Sätze produziert. Andere, die es gut mit Szydlo meinen, beschreiben sie als strategisch denkenden Kopf, als klug und loyal. Was weder Freund noch Feind in den Sinn kommt, sind Begriffe wie „Warmherzigkeit“ oder „menschliche Nähe“.

Tatsächlich wirkt Szydlo, die nach dem Willen von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski Polens neue Regierungschefin werden soll, im Auftreten kalt. Wenn sie lächelt, dann schmallippig oder sogar verkniffen – fast wie Kaczynski selbst. Dabei müsste Szydlo eigentlich wissen, wie sie mit Menschen umgeht. Sieben Jahre lang war die studierte Ethnografin einst Bürgermeisterin der südpolnischen Kleinstadt Brzeszcze, nicht weit von ihrem Geburtsort Auschwitz (Oswiecim) entfernt.


Szydlo gilt als unscheinbar

Dennoch gilt Szydlo, die das braune Haar meist kurz und gescheitelt trägt, vor allem als unnahbar und unscheinbar. Es wäre ihr oder ihren Beratern kaum in den Sinn gekommen, beim TV-Duell der Spitzenkandidaten ein knallrotes Jackett zu tragen, wie ihre schärfste Kontrahentin dies tat, Amtsinhaberin Ewa Kopacz. Es hätte auch nicht zu Szydlo gepasst, dieser Mutter zweier erwachsener Söhne, die seit fast 30 Jahren mit dem bodenständigen Schuldirektor Edward Szydlo verheiratet ist, einem passionierten Jäger und Hobby-Imker.

Beata Szydlos politischer Aufstieg zur designierten Ministerpräsidentin vollzog sich geradlinig und ist eng mit dem Namen Kaczynski verbunden. 2005 trat sie der PiS bei und wurde sofort mit einem Traumergebnis in den Sejm gewählt. Es war jenes Jahr, in dem die Kaczynski-Zwillinge Lech und Jaroslaw bei der Präsidenten- und der Parlamentswahl triumphierten. Szydlo wechselte damals nach Warschau, wurde später Schatzmeisterin und Vize-Chefin der Partei. Im Frühjahr 2015 managte sie den erfolgreichen PiS-Wahlkampf des heutigen Präsidenten Andrzej Duda.

Dieses Meisterstück verhalf Szydlo zur Spitzenkandidatur. Der Übervater der PiS, Jaroslaw Kaczynski, erkannte nach eigener Aussage ihre „Zielstrebigkeit und Kompetenz“. Die größte Rolle dürfte allerdings ihre Loyalität gespielt haben. Davon sind fast alle politischen Beobachter überzeugt, die in Szydlo eine Marionette des PiS-Chefs sehen. Doch das ist, wenn nicht ein reines Vorurteil, so doch ein vorschnelles Urteil. Mag sein, dass sie Kaczynskis „Mädchen“ ist, wie Angela Merkel einst „Kohls Mädchen“ war. Doch Fakt ist auch: Die Zeit der Beata Szydlo beginnt erst.


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