Polen

Geschichten arabischer Israelis

„Fangen wir bei einem Foto an, das – denke ich – sinnbildlich für Israel ist. Die steinernen Wohnblocks sind die gleichen wie heute, und sogar die Pflanzen, die einen Platz in den Mauerritzen ergattert haben, sind die gleichen. Nur die Enge verwundert; die Häuser drängen sich geradezu gegen die Mauer, der Gehsteig ist schmal und überfüllt. Und die Mauer: eine Mauer eben, nichts weiter. Dennoch sehen wir ins Gebet versunkene Menschen direkt neben gleichgültigen Fußgängern, mit Waren beladene Esel, einen Händler und ekstatische Gesichter. Das ist die Klagemauer; heute erstreckt sich vor ihr herrschaftlich ein Platz. Der Anfang aller Dinge, für manche jedoch auch – das Ende von allem. Wäre diese uralte Mauer an anderer Stelle erbaut worden, gäbe es die heutigen Streitigkeiten nicht.

Betrachten wir das Bild einiger weiser Männer. Sie sehen wie Wüstenscheiche aus: alt, bärtig und weißhaarig, in langen Gewändern, die auf dem Foto würdevoll wirken, in Wirklichkeit jedoch abgetragene Fetzen sein konnten. Sie beugen sich – so habe ich es in Erinnerung – über ein dickes Buch, fahren mit den Fingern die Zeilen nach, haben die Stirnen in Falten gelegt und tiefe Runzeln auf den Wangen. Es sind allerdings keine Scheiche, sondern sephardische Juden beim Studium der Thora.



Am 6. September um 19 Uhr liest Pawel Smolenski aus seinem Reportageband in der deutsch-polnischen Buchhandlung Buchbund in Berlin.

ostpol ist Medienpartner der Veranstaltungsreihe „Reportagen ohne Grenzen“.


In ihrem Aussehen unterscheiden sie sich nicht voneinander

Nehmen wir nun die Mitleid erregenden Fotografien einiger Blinder; es sind die Jahre, in denen der damals unheilbare Grüne Star einen hohen Tribut forderte. Sitzen sie auf dem weißen Pflaster vor der Klagemauer, wissen wir, dass es Juden sind; sitzen sie auf dem weißen Pflaster des Innenhofes der Al-Aqsa-Moschee, müssen es Araber sein. Sie betasten die Steine, flüstern etwas, heben die vom Grünen Star getrübten Augen zur Sonne, vielleicht beten sie, vielleicht sprechen sie auch Verwünschungen aus. In ihrem Aussehen, und erst recht in ihrer Krankheit, unterscheiden sie sich in nichts voneinander; ihre Brüderschaft ist in ihrem Unglück mit eingeschlossen. Wären die Fotos nicht mit Ort und Datum versehen, könnte man meinen, es wären verschiedene Aufnahmen derselben Szene.

Oder die Segelboote, die auf die Mündung des schmalen und flachen Flusses Yarkon zusteuern, der heute die Innenstadt von den reichen, nördlichen Vierteln Tel Avivs trennt. Rumpfform und Flaggstöcke sind wie bei den Booten, die sich auf den ältesten arabischen Abbildungen den Weg über das Meer bis nach Indien und zu den Molukken bahnen. Schwer zu erraten, was diese Segelboote geladen haben, aber von anderen Fotos wissen wir, dass der heutige Hafen von Jaffa, der vielleicht größte Hafen dieser Erde, die Anlegestelle für ein paar Dutzend Fischerboote war; Ufer und Mole sahen aus wie heute.

Der Hafen von Tel Aviv dagegen muss sich – einem weiteren Bild zufolge – erst in jenen Hafen verwandeln, der den von Jaffa übertrumpfen wird, so wie auch Tel Aviv selbst Jaffa übertrumpfte. Heute kann man sich in dieser Stadt bis zum Morgengrauen in gut besuchten Bars und Clubs amüsieren. Man kann ein Vermögen in eleganten Boutiquen ausgeben. Den Hafen gibt es schon lange nicht mehr, auch wenn es vor nicht allzu langer Zeit ohne ihn Tel Aviv gar nicht gegeben hätte.


Araberinnen oder Jüdinnen?

Einige Bilder haben mich in ihren Bann gezogen: die Schuhputzer beim Jaffator in Jerusalem. Ein arabischer Mann, der Mokkakannen verkauft. Vier Frauen beim Zubereiten von Joghurt; sind es Araberinnen oder Jüdinnen? Tanzende Zigeunerinnen (das weiß ich, weil die Bilder beschriftet sind), die kokett ihre vollen Hüften und erhobenen Arme zur Schau stellen. Beduinenfrauen mit verschleierten Gesichtern; in den sackartigen Gewändern sind nur die Umrisse zu erkennen, schwarze Augen und Kopfschmuck aus alten Münzen anstelle eines dünnen Musselinschleiers.

Aber auch ein Beduinenmädchen hat es mir angetan. Auf dem Kopf trägt es einen Korb voller Kräuter, oder vielleicht auch frisch gewaschener Wäsche. Es ist sehr jung, hübsch und offensichtlich ohne Schamgefühl; das aufgeknöpfte Kleid gibt den Blick auf die nackten, kleinen Brüste frei. Wie kam es, dass Elia Kahvedijan in dieser Zeit und an diesem Ort ein solches Modell fand? Hat er den richtigen Moment abgepasst? Hat er sie überredet, für ihn zu posieren? Keine Ahnung.

***

Unter diesen Bildern ist plötzlich eines, das wohl den Ausgangspunkt aller dieser Geschichten darstellt. Ein so trauriges Bild, dass es schmerzt. Es zeigt zwei alte Menschen, sicherlich Mann und Frau, oder auch ein Geschwisterpaar; sie müssen sich lieben, da sie sich so fest aufeinanderstützen. Sie haben runzlige Gesichter und tragen weiße Kopftücher. Ihre Kleider sind zerlumpt und schmutzig. Sie sind barfuß, was allerdings kaum verwundert, und – ob ihr es glaubt oder nicht – bis zu den Knien mit schwerem, lehmigem Schlamm beschmiert; zu all dem Unglück mussten sich auch noch ein Regenguss und (wir sehen es, spüren es fast körperlich) eine schneidende Kälte gesellen. Die Frau hält einen dicken Ast in der Hand. Der Mann stützt sich auf einen Stock. Sie blicken auf die Erde. Vor ihnen ist nur die vom Regen aufgeweichte, öde und traurige Landschaft.

Wer ist dieses Paar? Der armenische Fotograf hat vergessen, zu fragen. Wohin gehen sie? Wir wissen es nicht. Das Foto ist wirkungsvoll genug, um uns die Antwort einzugeben: Sie gehen ins Ungewisse, einem schlimmen Schicksal, dem Verderben entgegen. Sie gehen dorthin, wo sie nicht hingehen wollen und sollten. Doch sie gehen, weil sie müssen. Unter dem Bild die Beschriftung: „An Nakba“, und das Datum: 1948. Soll es für die ganze Geschichte gelten.


Jeder Krieg hat seine Symbole

Für die Juden ist 1948 das Jahr des Unabhängigkeitskrieges: Einige verbündete arabische Länder überfielen damals das Land Israel, um das zu zunichte zu machen, was erst im Entstehen war, und die Juden im Mittelmeer zu ertränken. Für die in Palästina lebenden Araber (damals sagte noch niemand „Palästinenser“; dieses Volk, und nicht nur dieses, erschien erst später, und ich habe das Gefühl, dass an so etwas zu der Zeit noch niemand gedacht hätte) ist es „An-Nakba“ – die Katastrophe. Das Ende war eingetreten, die Endzeit erreicht. Ohne An-Nakba sähe alles anders aus.

Jeder Krieg hat seine Symbole – und sicher hat jede der kämpfenden Seiten ihre eigenen. Sie erklären, warum das geschah, was geschah. Für die palästinensischen Araber ist das Dorf Deir Yasin zweifellos so ein Symbol. Frühmorgens im April 1948 wurde die Siedlung von der Irgun, einer rechtsextremen, paramilitärischen jüdischen Organisation, umstellt. Hundert Untergrundkämpfer (man sagt auch, nicht völlig zu Unrecht, Terroristen) töteten über hundert Araber, ohne Rücksicht auf Frauen, Säuglinge, alte Menschen; auf einen jüdischen Kämpfer kamen Eins-Komma-irgendwas arabische Tote. Alles zusammen dauerte nur wenige Stunden und hatte, scheints, militärisch keine besondere Bedeutung. Es gab in diesem Krieg Ereignisse von größerem Gewicht, und auch dramatischere. Doch nach Deir Yasin ging ein Aufschrei durch Palästina: Flieht, Araber, sonst ergeht es euch ähnlich.

So schrien manche Juden, aber auch die Politiker aus Amman, Damaskus, Kairo, Bagdad, Beirut, Riad. Wäre da nicht die Angst vor den Juden gewesen, aber auch das Zureden von arabischer Seite, hätten die 700.000 arabischen Bewohner Palästinas ihre Häuser nie verlassen. Was nicht heißt, dass das Morden in Deir Yasin irgendeine Rechtfertigung erfahren soll. In den israelischen Geschichtsbüchern wird es, wohlgemerkt, als ein Massaker beschrieben, das den Geburtstag Israels befleckt hat. Die arabischen Schulen in Israel begehen den Tag der Nakba. Das heißt – manchmal gibt es Politiker (in letzter Zeit leider immer öfter), die fordern, das zu verbieten, da es ihrer Meinung nach nicht sein dürfe, dass irgendein israelischer Bürger den Unabhängigkeitstag als den Tag einer Katastrophe in Erinnerung habe. Allerdings, und das wissen wir mit Sicherheit, kümmert sich das menschliche Gedächtnis nicht um Gebote und Verbote.

Nach dem Blutbad in Deir Yasin nannte David Ben-Gurion, der erste Premierminister des jüdischen Staates, den damaligen Leiter der Irgun und späteren Premierminister und Friedensnobelpreisträger Menachem Begin „Menachem Hitler“. Es hätte kaum stärkere Worte geben können; die Öfen der Krematorien waren noch warm. Die Araber griffen einen Sanitätskonvoi auf dem Weg nach Jerusalem an und ermordeten alle Verwundeten. In Kairo, Rabat und Tunis gab es antijüdische Pogrome. In der Jerusalemer Altstadt blieb nicht ein einziger Jude. Alle Synagogen der Altstadt wurden zerstört.


Sieger richtet man nicht

Doch es sind die Juden, die letzten Endes diesen Krieg gewannen, auch wenn sie ihn nicht gewinnen sollten. Sieger richtet man nicht, heißt es. Was das betrifft, bin ich mir nicht ganz sicher. Ich kenne viele israelische Bürger – Juden und Araber –, die ähnlich denken. Und selbst Ben-Gurion hat einmal gesagt, dass man sein Glück nicht auf dem Unglück anderer aufbauen könne.

Das alles ist auf den alten Fotografien, die ich mir im christlichen Viertel der Jerusalemer Altstadt ansah: Opfer aus Deir Yasin und zerstörte Synagogen, Leichen aus dem Konvoi nach Jerusalem und der Exodus der Juden aus den Mauern der Altstadt. Ich sah Fotos von Flüchtlingslagern irgendwo in der ägyptischen oder jordanischen Wüste: lange, gerade Reihen von weißen, in der Sonne gleißenden Zelten, auf die sich mit der Zeit der Staub legte, die von Sandstürmen und winterlichen Unwettern gebeutelt wurden. Und Fotos von triumphierenden israelischen Soldaten, wie das von dem leeren Strand im damals noch verschlafenen Eilat: eine in den Sand gerammte Flagge mit dem Davidsstern und gleich dahinter die Wellen des Roten Meeres. Diese Fotos hatte nicht der Armenier Elia geschossen. Er hatte sicher anderes zu tun und konnte schließlich auch nicht überall sein.

Doch keines dieser Bilder beeindruckte mich so tief wie die Fotografie der beiden alten Menschen auf dem Weg durch die Wüste, die eine böswillige Natur in ein Meer von zähem Schlamm verwandelt hatte.


Orthodoxe Juden sitzen zwischen arabischen Soldaten

Bis auf ein Bild vielleicht; ich erinnere mich nicht mehr an den Fotografen, aber es war mit Sicherheit nicht Elia Kahvedijan. Das Foto stammt auch aus der Zeit des Kampfes um Unabhängigkeit – der Nakba, und somit aus der blutigen und hasserfüllten Zeit. Ein paar orthodoxe Juden sitzen, als wäre es das Normalste der Welt, zwischen arabischen Soldaten. Sie scheinen sich nicht zu unterhalten, aber es ist nicht auszuschließen, dass sie nach einer Unterhaltung in Gedanken versunken sind oder vielleicht nach einem Streit, vielleicht, nachdem einer einem anderen etwas Beleidigendes gesagt oder ihm gedroht hat. Aber sie haben ihr Brot miteinander geteilt – das wiederum ist genau zu sehen! – sie kauen und denken nach, und in ihren Gesichtern ist keine Spur von Feindseligkeit. Es schien mir, als dächten sie: „Himmel, Arsch und Zwirn, was soll das bloß alles, warum musste das ausgerechnet hier passieren?“

Ich kann mir ein ähnliches Bild vorstellen: Soldaten des Zahal, der Israelischen Streitkräfte, und arabische unbewaffnete Männer, die über das nachgrübeln, was unweigerlich, aber völlig sinnloserweise geschehen musste.“

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes.

Pawel Smolenski
Arab strzela, Zyd sie cieszy
Wydawnictwo: Swiat Ksiązki
ISBN: 978-83-7799-006-3


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