Ukraine

„Wir werden hier gehalten wie Hunde“

Khurram steht in Pantoffeln und einem Trachten-Sakko auf dem matschigen Hof einer früheren Kaserne im Westen der Ukraine. „Ich bin ein Gefangener“, sagt der 27-jährige Pakistani in gutem Englisch. „Seit drei Monaten werde ich hier festgehalten“. Der Boden ist gefroren, aber andere Schuhe als die Pantoffeln hat Khurram nicht. Und das Trachten-Sakko ist eine Kleiderspende der österreichischen Hilfsorganisation Caritas.

Khurram ist einer von etwa 450 Flüchtlinge im Lager Pawschino, eine Autostunde östlich der Grenze zwischen der Ukraine und der Slowakei. Die Mehrheit der Menschen stammt aus Indien, Afghanistan oder Bangla-Desh, dazu kommen Iraker und eine große Gruppe Afrikaner. Die Männer wurden von der ukrainischen Grenzpolizei dabei erwischt, wie sie illegal über die Grenze in die Slowakei kommen wollten. Seither sitzen sie hier im Lager. Und damit hat die Ukraine ein Problem: Sie hat nicht genug Geld, um die Flüchtlinge und illegalen Migranten ausreichend zu versorgen. Sie hat aber auch nicht genug Geld, um die Männer in ihre Heimat abzuschieben.

Seit eineinhalb Jahren ist die westliche Grenze der Ukraine nicht mehr irgendeine Grenze. Hier verläuft die Trennlinie zwischen dem reichsten Club der Erde und dem armen Rest. Und die Region Transkarpathien mit der Hauptstadt Uschgorod ist bei Schleppern besonders beliebt. Sie grenzt an die Slowakei und Ungarn, und auch die polnische Grenze ist nicht weit. Etwa 2.000 Menschen greift die ukrainische Grenzpolizei hier jedes Jahr auf. Wie viele es über die Grenze und dann weiter in andere EU-Länder schaffen, weiß niemand. Schlepper veröffentlichen keine Statistik.

Neben den Asiaten und Afrikanern werden an der Grenze vor allem Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion aufgegriffen, aus Moldawien, Georgien und Tschetschenien. „Sie verfluchen die Grenzwachen wegen ihrer Verhaftung, weil sie eigentlich weiter nach Deutschland, Österreich oder Italien wollten“, erzählt der junge Jurist Wassilij Homonai, der für die Caritas arbeitet und den Häftlingen rechtliche Beratung anbietet. „Wenn wir ihnen sagen, dass sie hier in der Ukraine Asyl ersuchen können sagen sie, das hätte keinen Sinn. Die Lebensverhältnisse hier seien auch nicht besser, als bei ihnen zuhause.“

Wer nicht um Asyl ersucht wird einige Tage in einem Abschiebegefängnis direkt an der Grenze eingesperrt und nach einigen Tagen ausgewiesen. Per Zug oder Schiff werden die Flüchtlinge dann zurück in ihre Heimat geschickt. Trotzdem würden viele von ihnen wieder kommen. Ein Rechtsberater erzählt, dass einige Männer schon zum zweiten und dritten Mal beim illegalen Grenzübertritt erwischt worden seien.

Die Zustände im Abschiebegefängnis an der Grenzstation Chop sind erbärmlich. „Wir werden hier gehalten wie die Hunde“, brüllt ein Moldawier. Bis zu 100 Menschen werden in drei Zimmer gepfercht, wenn an der Grenze gerade besonders viele Menschen aufgegriffen werden. „Wir bekommen nichts zu essen, es ist so wenig Platz dass die Frauen ohnmächtig werden und umfallen,“ schreit ein Mann durch die Klappe der Zellentür. Das Licht im Gefängnis ist ausgefallen, die Toilette verdient diesen Namen nicht, Waschgelegenheit gibt es keine.

In der Grenzstation bleiben die aufgegriffenen Flüchtlinge maximal zehn Tage. Wer innerhalb dieser Frist nicht abgeschoben wird, kommt in das Sammellager in Pawschino, in dem die Verhältnisse auch nicht besser sind. Pawschino war früher eine Abschussstation für Atomraketen. Als die Zahl der Flüchtlinge in der zweiten Hälfte der 1990 immer weiter anstieg, wurde das frühere Kommandogebäude zum Lager erklärt, erklärt Wolfgang Müller, der Projektleiter der Caritas: „Für die 450 Häftlinge gibt es nur fünf Duschen und zwölf Toiletten. Die elektrischen Leitungen gehen ständig kaputt, deshalb fällt dauernd der Strom aus. Und gekocht wird in einer Feldküche am Hof.“

Zusammen mit der Europäischen Union hat die Caritas ein Projekt gestartet, um wenigstens die Grundversorgung der Flüchtlinge zu gewährleisten: Mehrmals in der Woche werden Lebensmittepakete gebracht, die Caritas zahlt Strom und Heizung des Lagers, außerdem bietet sie Rechtsberatung an. Viele Häftlinge im Lager Pawschino suchen um Asyl an. Sobald der Antrag genehmigt ist, werden sie entlassen und können sich frei in der Ukraine bewegen. Als Integrationshilfe zahlt der ukrainische Staat eine Starthilfe von drei Euro. Auch wer nicht um Asyl ersucht kommt spätestens nach einem halben Jahr frei, denn länger als sechs Monate dürfen illegale Grenzgänger nach ukrainischem Recht nicht festgehalten werden. Aber da es für sie keine Jobs gibt und viele sich die Rückkehr nicht leisten können, versuchen sie erneut, über die Grenze zu kommen. Ein Teil schafft es und erreicht die EU. Ein anderer Teil wird wieder aufgegriffen, kommt wieder ins Lager und der Kreislauf beginnt noch einmal.

Die Ukraine habe einfach kein Geld, die Flüchtlinge zu versorgen, erklärt Oberstleutnant Alexander Skigin vom Kommando der Grenztruppen in Kiew die Lage. Vor allem, weil die Zahl der Menschen, die an der Grenze aufgegriffen werden ständig steige. Allein im letzten Jahr habe sie sich verdoppelt. Und ohne Hilfe aus dem Westen könne sein Land auch nichts gegen das Elend im Flüchtlingslager tun. „Schauen sie nach Ungarn, dort baut die EU gerade ein Auffanglager für 4,5 Millionen Euro. Mit diesem Geld, das in Ungarn ein einziges Lager kostet, könnten sie bei uns die ganze Grenze ausrüsten. Und zwar ganz nach europäischen Standards.“


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