Rumänisches Gesundheitssystem kurz vor dem Kollaps
von Valentina Pop (E-Mail: v_pop@yahoo.com, Tel.:0040-742-456558)
Bukarest (n-ost). Bislang mussten Patienten in Krankenhäuser immer etwas Geld mitbringen, für die Krankenschwestern und einen Umschlag mit mindestens 100 Euro für den Arzt, der die Operation durchführt. Seit vergangener Woche müssen sie auch daran denken, Spritzen, Infusionen und Medikamente einzustecken, denn die Arzneimittelhersteller beliefern die Krankenhäuser nicht mehr. Der Grund: Etwa ein Drittel der Krankenhäuser ist pleite und kann fällige Rechnungen nicht bezahlen. Die Schulden sollen sich bereits auf insgesamt fast drei Millionen Euro belaufen. Zum Teil sind das Altlasten aus den vergangenen Jahren, deren Bezahlung immer wieder verschoben wurde, in der Hoffnung, dass es irgendeine Lösung geben werde. Nun muss das Gesundheitsministerium eine Lösung finden, sonst werden die Patienten Opfer der Schuldenfalle.
Der rumänische Gesundheitsminister Mircea Cinteza forderte bereits vor einigen Tagen, die Blockade zu beenden, da sie die Gesundheit und sogar das Leben der Patienten gefährde. Einen Tag darauf (am Dienstagabend) kam es zu einer Vereinbarung, danach werden nun Apotheken und Krankenhäusern wieder mit dem Nötigsten beliefert. “Wir werden die Schulden stufenweise zurückzahlen. Ein entsprechender Vertrag soll mit den Herstellern schon in den kommenden Wochen unterzeichnet werden.”, teilte der Minister mit. Damit sind aber die Probleme des maroden und korrupten Gesundheitssystems längst nicht vom Tisch.
Der Minister spricht von einem grundsätzlichen Fehler im System: „Es ist eine Lüge, zu sagen, dass für alle Krankenversicherten die Dienstleistungen des Gesundheitssystems ohne zusätzliche Kosten abgesichert sind. Das stimmt so nicht. Von den 20 Millionen Versicherten zahlen in Wirklichkeit nur fünf bis sechs Millionen ihre Beiträge.” So kommt es, dass Patienten unterschiedlich behandelt werden. Wer Geld und Beziehungen hat, kommt dran. Andere müssen stundenlang in den Korridoren der Ambulanzen Schlange stehen. Mit etwas Glück werden sie auch behandelt.
Hilfreich ist in diesen Fällen, der Krankenschwester Bares zuzustecken. Die sagt nie nein, wenn ihr Patienten für eine Spritze zwanzig Euro zahlen. Korruption ist auch mit im Spiel, wenn Ärzte über die Auswahl des Anbieters von Medikamenten entscheiden oder eben bei der Auswahl ihrer Patienten.
Unpopuläre Maßnahmen sind längst überfällig, doch bisher haben sich die Gesundheitsminister nie an wirkliche Reformen des maroden Gesundheitssystems herangewagt. Populistische Aktionen – wie die die Abgabe von ermäßigten Medikamenten – sollten den Volkszorn ruhig stellen und haben noch größere Löcher in die Haushalte der Gesundheitssystem gerissen.
Nun droht das Fass überzulaufen. „Immerhin hat das Gesundheitsministerium ein Budget von 80.000 Milliarden Lei (216 Millionen Euro) – da müsste vor allem das Management verbessert werden“, glaubt der jetzige zuständige Minister. Krankenhäuser hätten sich längst daran gewöhnt, dass sie trotz unwirtschaftlicher Zustände irgendwie weiter Wurschteln können. Vor allem aber will
das Gesundheitsministerium nun erstmals genau berechnen, welche Dienstleistungen im Rahmen des existierenden Budgets angeboten werden können. Zusätzliche private Versicherungen müssten eingeführt werden, so die jüngste Erkenntnis. „Natürlich muss das Gesundheitssystem künftig besser ausgestattet werden, doch das wird erst dann gehen, wenn die Wirtschaft mehr Steuern zahlt. Nach dem EU-Beitritt hoffen wir auf eine Verdopplung des Budgets.“, so Cinteza.
Für Geringverdiener und Rentner etwa sind die Entscheidungen der liberalen Regierung wenig erfreulich. Mit einer Durchschnittsrente von 100 Euro könnendie meisten älteren Rumänen ohnehin kaum überleben. Für Medikamente bleibt da für viele am Monatsende nichts übrig – ob schwarz oder legal.
*** Ende ***