Rumänien

El Jazeera zeigt Video von entführten Rumänen

Bukarest (n-ost). Vor vier Wochen erschütterte das Entführungsdrama um die italienische Journalistin Giuliana Sgrena die Welt. Kurz nach ihrer Freilassung im Irak beschossen US-Soldaten ihren Konvoi und töteten einen italienischen Geheimdienstmitarbeiter. Italien gab wenig später den Rückzug seiner Truppen aus dem Irak bekannt. Nun ist mit Rumänien ein weiterer wichtiger Partner der USA in der „Koalition der Willigen“ von einem Entführungsdrama betroffen. 730 rumänische Soldaten sind im Irak stationiert. Vergangenen Montag wurden drei rumänische Journalisten entführt. Mittlerweile strahlte der arabische Sender El Jazeera ein Video der Verschleppten aus.

„Wir wurden entführt und unsere Entführer haben uns gesagt, es soll Meldungen gegeben haben, dass sie Lösegeld verlangt hätten. Das ist nicht wahr“ sagt die rumänische TV-Journalistin Marie Jeanne Ion in der Videoaufnahme. Im Bild sind alle drei rumänischen Journalisten zu sehen: Marie Jeanne Ion ( 33 Jahre alt) und ihr Kameramann Sorin Dumitru Miscoci (30) vom Privatsender Prima TV, sowie der Reporter der Tageszeitung Romania Libera, Ovidiu Ohanesian (37). Auf dem Boden sitzend ist auch der amerikanisch-irakische Staatsbürger Mohammed Munaf zu sehen, der die Reise der Journalisten in den Irak organisierte und finanzierte und als Übersetzer diente. Zwei vermummte Männer, der eine im roten T-Shirt, der andere im weißen Hemd, richten Kalaschnikows auf die vier Geiseln.

Die Reaktionen in Rumänien sind gespalten. Man freut sich, dass die Entführten am Leben sind, man spricht aber von einer „atypischen Geiselnahme“. Der rumänische Krisenstab in Bukarest schließt die Möglichkeit nicht aus, dass es sich bei der gesamten Geiselnahme um eine Inszenierung handeln könnte, die bereits in Rumänien ihren Anfang nahm.

Die Verbindung zu den rumänischen Journalisten hatte ursprünglich ein syrischer Geschäftsmann, Omar Hayssam, der in Rumänien seßhaft ist, hergestellt. Er soll mit dem US-Iraker Munaf gut befreundet sein. Hayssam erschien Anfang der Woche auf mehreren rumänischen Fernsehsendern und behauptete, die Entführer hätten sich bei ihm gemeldet und Lösegeld im Wert von vier Millionen US Dollar verlangt. Doch die Aufrichtigkeit des Syrers wird von den rumänischen Behörden angezweifelt, da die Generalstaatsanwaltschaft gegen ihn wegen Steuernhinterziehung ermittelt.

Der Chef der zwei Fernsehjournalisten sagte, dass er die Recherchereise in den Irak nur deswegen genehmigt habe, weil Finanzier Mohammed Munaf angeblich über Beziehungen zum irakischen Innenministerium verfügt und die Sicherheit der Journalisten garantierte.

Bislang ist über den Namen der Terroristengruppe nichts bekannt. Auch über ihre Forderungen herrscht weiterhin Unklarheit. Nach Angaben des rumänischen Privatsenders Realitatea TV sind rumänische Vermittler auf dem Weg in die irakische Hauptstadt. Die Information wurde öffentlich nicht bestätigt. Rumäniens Präsident Traian Basescu versicherte, dass der Krisenstab mit „Intelligenz und Diskretion“ seine Arbeit machen würde, um die drei Journalisten so schnell wie möglich nach Hause zu bringen.

Der Premier Calin Popescu Tariceanu weigerte sich am Donnerstag, über einen Rückzug der rumänischen Truppen aus dem Irak nachzudenken. „Solange die Entführer keine Forderungen in diesem Sinne gemacht haben, ist das kein Thema“, sagte Tariceanu. Ähnlich äußerte sich Präsident Basescu, der gerade ein Tag vor der Entführung der Journalisten einen Besuch der rumänischen Truppen in Irak gemacht hatte. „Rumänien wird sich erst dann aus Irak zurückziehen, wenn in diesem Land Demokratie herrschen wird“, hatte der Präsident den rumänischen Truppen in Ad Diwanyah gesagt.

Die Stimmung im Lande bezüglich der Präsenz rumänischen Truppen im Irak ist inzwischen eher negativ. Nach einer Meinungsumfrage, die kurz vor der Entführung durchgeführt wurde, waren 55 Prozent der Rumänen gegen ein weiteres Engagement im Irak und nur 36 Prozent dafür.

Zwei Journalistenverbände, Reporters Without Borders und der Verband für den Schutz der Meinungsfreiheit (APPLE), appellierten an die rumänische Regierung, ihre Außenpolitik zu ändern. „Wir glauben, dass die Außenpolitik mit dem Schutz der eigenen Bürgern gekoppelt werden muss“, heißt es in einem Schreiben.

Auch im Nachbarland Bulgarien wächst der Druck auf die Regierung, die rund 400 im Irak stationierten Soldaten abzuziehen. Am Donnerstag debattierte das Parlament in Sofia über einen möglichen Rückzug. Der bulgarische Premier Simeon Sakskoburggotski kündigte an, die Truppen bis Jahresende abzuziehen. Nicht aus politischen, sondern aus logistischen und militärischen Gründen, hieß es in einer Erklärung.

Im Irak werden derzeit eine ganze Reihe westlicher Ausländer von Entführern gefangen gehalten. Erst am Mittwoch demonstrierten in Paris Tausende für die Freilassung der französischen Journalistin Florence Aubenas, die seit 5. Januar im Irak festgehalten wird.

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