Russland

Kein Freund, also Feind

Weitere Artikel

2 Kommentare

  • #1 Tobias Weihmann, schrieb am 13.01.2017 14:01 Uhr

    Ein guter und richtiger Kommentar - das Verbot falsch, da es die Komplexität reduziert, den Blick auf die "andere Seite" verengt. Damit ist niemandem gedient. Die Sache hat aber noch einen weiteren Aspekt, der mir in den Kommentaren zu kurz kommt. Einen Aspekt, der m.E. genau wie Pawels Gedanken über den konkreten Fall hinausgeht.

    Denn es war ja keine Willkür-Entscheidung, wie suggeriert wird: Dozhd hat sich nicht an die bekannten ukrainischen Gesetze gehalten, obwohl sie das ukrainische Kabelnetz verwenden wollen - sie wurden wegen dieser Verstöße gewarnt, haben aber ihre Redaktionspolitik nicht geändert... warum haben sie das nicht gemacht? Die "Roten Linien" in Russland kennt man bei Dozhd genau, und hält sich peinlichst ein - die annektierte Krim gehörte bei ihnen von Anfang an zu russischem Territorium. Und auch sonst bat man Kriegshetzern wie Schirnowski eine Plattform. Redaktionelle Freiheit, das müssen die Ukrainer aushalten, sagen Sie?

    Nein. Journalisten eines erobernden, starken Landes können nicht erwarten, sich so einfach über die Regeln hinwegzusetzen, die sich die Menschen des eroberten, schwachen Landes in demokratischen Verfahren gegeben haben - und dann mit offenen Armen empfangen zu werden, ja auch noch die Ressourcen dieser Gesellschaft, also hier Kabelnetz, zur Verfügung zu bekommen. Bei so einem Machtgefälle müssen höhere ethische Maßstäbe gelten, die sich auch und gerade auf die Medienarbeit auswirken. Man kann nicht einfach so tun, als wäre nichts passiert, weil man ja angeblich so "unabhängig" ist, da "sollen die sich dort mal schon nicht so.", "sollen froh sein, dass es uns gibt."

    Technisch wäre es leicht möglich gewesen, die bekannten ukrainischen Vorgaben zu erfüllen: keine Karten einblenden, oder halt topographische ohne Grenzen. Unterhaltungsprogramm mit verbotenen Filmen, Hetzern wie Schirnowski &Co nur online ausstrahlen - und den Sendeplatz auf dem Kabel in dieser Zeit dem Bürgerfunk des überfallenen Landes zur Verfügung stellen - DAS wäre eine tolle, emanzipatorische, anti-koloniale Geste gewesen.

    Aber dazu war man offensichtlich nicht nicht bereit. Trotz 10.000 Toter und 1,5 Millionen Flüchtlinge war es Dozhd "wurscht", wie mir ein Kommentator schrieb, wie ihre Übernahme des offiziellen russischen Narrativs in der Ukraine ankommt. War ja nicht der wichtigste Markt, und ein Land an den Grenzen eines großen Reiches, das im Fokus von Dozhd steht. Aber das hat dann nichts mit "Unabhängigkeit" zu tun - das grenzt schon an koloniale Denke. Und leider wurde dieser fehlgeleitete Glauben, im Recht zu sein, auch noch von der westlich-liberaler Seite bestätigt, indem man immer wieder das Mantra wiederholte, die ukrainische Gesetzgebung zur Presselandschaft wäre schlichtweg zu verurteilen. Das war aber undemokratisch, unempathisch - und ethisch zu kurz gedacht.

    Warum sollte die ukrainische Gesellschaft das gegen sich selbst gerichtete Kriegsnarrativ auch noch durch Zurverfügungstellung des Kabelnetzes mitfinanzieren? Übers Internet sind sie ja weiterhin empfangbar.

    Ich hoffe, Dozhd wird sich das zu Herzen nehmen, und mal gut über die Ethik ihres Verhaltens nachdenken. So wie diejenigen in Russland, die denken, die Ukraine müsse ihnen für ihre so demokratische wie folgenlose Gesinnung grundsätzlich dankbar sein.

  • #2 Jens König, schrieb am 15.01.2017 13:01 Uhr

    Ich empfehle zu diesem Thema den Kommentar von Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe (eine der ältesten Menschenrechtsorganisationen der Ukraine): http://khpg.org/en/index.php?id=1484437621

Kommentar schreiben