Gesellschaft / Ukraine

Gemischtes Doppel #21: Russisch oder Ukrainisch?

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2 Kommentare

  • #1 Tobias Weihmann, schrieb am 04.01.2017 12:01 Uhr

    Wenn ich mir als ukrainisch- und russischsprachiger Neukiewer (-Kyiwer) eine Anmerkung erlauben darf: Zwischen primär russischsprachigen Personen und primär ukrainischsprachigen Personen gibt es keinerlei Probleme. Das ist Alltag, auch in den Familien.

    Es gibt allerdings noch ziemliche Verwerfungen in der kommerziellen Sphäre und Serviceindustrie - fast alle populären Zeitschriften sind ausschließlich russischsprachig, zahlreiche Webshops, gerade die populären - sind ausschließlich russischsprachig, Dienstleister wie Zusteller, Geschäftsinhaber, Musikschulen usw. sind nicht in der Lage oder willens, Menschen in ihrer Sprache zu antworten oder zur Verfügung zu stellen, oder Kinder in ihrer Muttersprache zu unterrichten, wenn sie nicht Russisch ist.

    Das ist letztlich noch ein Ausläufer der Sowjetunion, des sowjetisch-normierten und normierenden Weltbilds (um das Wort "Sovka" zu vermeiden). Viele sind zwar bereit, sich passiv an die neuen, bilingualen Zeiten anzupassen - wollen dafür aber aktiv nichts unternehmen. Und das betrifft nicht nur die linguistische Sphäre, das betrifft Reformen und Erneuerung allgemein. Die Sprachensituation ist nur ein Symptom.

    Ich bin sehr für empathischen Umgang zwischen den Sprechern beider Sprachen, dafür, die russische Sprache aus der Dominanz des russländischen Normativs zu befreien, und als Teil der ukrainischen Kultur zu begreifen und zu fördern - aber dazu gehört eben auch, dass man akzeptiert, dass es wie bei sozialen und geschlechtlicher Verwerfungen auch, im linguistischen Bereich sinnvoll sein kann, durch Affirmative Actions und Quotenregelungen zu erreichen, dass sich die bilinguale Realität des Landes und seines kulturellen Erbes auch in den Sphären widerspiegelt, in denen bisher noch aus kommerziellen und postkolonialen Gründen Monolingualität dominiert.

    Zur Toleranz gehört nämlich auch, nicht nur passiv aus reiner Notwendigkeit auf andere zu zugehen und neue Erscheinungen zu akzeptieren, und dann "Angriff" und "Intoleranz" zu schreien, sobald man sich geistig ein wenig bewegen muss oder die eine oder andere Routine oder Situation hinterfragen soll. Und das gilt eben grundsätzlich.

    Die Beseitigung der Verwerfungen ist der beste Ansatz, die Situation "aufzulockern", und die Ukrainisch-Sprecher, inbesondere in der Mitte, im Osten und im Süden des Landes aus ihrer Wagenburg herauszuholen.

  • #2 Jewgenia Komarova, schrieb am 04.01.2017 19:01 Uhr

    Russland hat offiziell alle Russischsprachige für "Mitbürger" erklärt und ebenso offiziell sein Recht auf "Verteidigung" der "Russischsprachigen" überall auf der Welt deklariert - wenn nötig, auch mit Waffen. Den Russischsprachigen wird dabei indoktriniert, dass sie als russländische "Mitbürger" ihre Loyalität nur Russland, und nicht etwa dem Staat, wo sie leben und dessen Bürger sie sind, schulden. Das ähnelt sich dem Hauptdoktrin der Islamisten, die auch darauf bestehen, dass Moslems vor allem dem Islam, und nicht den Gesetzen des Aufenthaltslandes loyal sein müssen. Russland beansprucht für sich die ganze Kultur, ja sogar die wissenschaftliche Erfolge, die in unterschiedlichen Ländern von denen geschaffen und erreicht worden, die aus dem ganzen Raum des ehemaligen russischen Zarenreich stammen. Unter gegebenen Umständen ist es wohl schwierig, Russisch anders als Macht- und Einflusswerkzeug des russischen Neo-Imperialismus zu empfinden...

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