Rumänien

Zwischen Kraftwerk und Bartok - Alexander Balanescu


Berlin (n-ost). „Luminitza“ ist Alexander Balanescus Schlüsselwerk, diese programmatische CD erschien 1994 in London bei Mute Records und brachte dem Rumänen den internationalen Durchbruch. Sein „Balanescu-Quartett überschreitet virtuos musikalische Grenzen“, schrieben die Feuilletons und genau das beabsichtigte der 1954 in Bukarest geborene Musiker. Balanescu entwickelte einen perkussiven, rauen Klang, mit dem er sich bewusst abgrenzt vom geschliffenen Vibrato klassischer Musik. „Der CD-Markt ist gesättigt mit Aufnahmen des gleichen Repertoires. Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben sich die Dinge angeglichen. Es dominiert eine Art Kompromiss-Interpretation, die keine Fehler zulässt, kein Risiko eingeht, aber die das Publikum auch nicht mehr zu bewegen vermag.“
Schon in Bukarest genoss der Ausnahmegeiger maximale Förderung, doch weil der Vater von Alexander Balanescu, ein Mediziner und Hochschullehrer, keine Perspektive in Rumänien sah, emigrierte die jüdische Familie 1969 nach Israel und fand aber erst in London Anfang der siebziger Jahre eine zweite Heimat. Die Studienzeit an der New Yorker Julliard School prägte Alexander Balanescu, auch wenn in seiner Erinnerung vor allem Begegnungen außerhalb des streng reglementierten Unterrichts präsent sind. „Diese Schule war eine Fabrik, in der ein bestimmter Musikertyp geschaffen wird, und ich war sehr enttäuscht darüber. Damals lernte ich Künstler wie Meredith Monk, Lauri Anderson und John Lurie kennen. Ich bekam einen Job in einer Inszenierung einer Theatertruppe namens „squatt theatre“, das waren Budapester Underground-Künstler. Sie verließen Ungarn und haben in New York auf der 22sten Straße eine Bar übernommen. In einem ihrer Stücke spielte ich ein Arrangement des James-Brown-Songs „Sex Machine“ für Viola und Stimme. Das war eine sehr interessante Zeit, in der ich begann, darüber nachzudenken, was ich eigentlich machen will.“
Mit der in New York erworbenen technischen Brillanz startete Alexander Balanescu dann im alten Europa seine Karriere. Und als er Ende der siebziger Jahre nach London zurückkehrte, erlebte Balanescu eine fruchtbare Periode für die zeitgenössische Musik. Lange gehörte der Rumäne zum Ensemble von Michael Nyman, der Brite ist eine legendäre Gestalt der Londoner Musikszene. Der vor allem mit seinen zwischen Barock und Minimalismus pendelnden Filmmusiken berühmt gewordene Nyman, sollte ein Mentor für den sich entwickelnden Komponisten Balanescu werden. Noch war nicht entschieden, welche Richtung der vielgebuchte Instrumentalist einschlagen sollte. In den späten Achtzigern stieß Alexander Balanescu zum Arditti Quartett, das vor allem Werke von Iannis Xenakis, Görgy Ligety oder Philip Glas aufführte, doch Alexander Balanescu konnte sich im extrem anspruchsvollen Repertoire des Londoner Spitzenensembles nicht wiederfinden.
„Possessed“, die erste CD des 1987 gegründeten Balanescu-Quartetts, stellte Titel der deutschen Technopopband Kraftwerk vor, hinzu kamen zwei Kompositionen Balanescus, und die Coverversion des David Byrne Songs „Hanging upside down“ beschloss das Debütalbum des nonkonformistischen Streicherkollektivs. „Ich suchte immer Leute mit exzellenter Ausbildung und Rock’n-Roll-Haltung. Wir spielen im Stehen, ohne Noten und modifizieren das Programm, wenn es sein muss. Stück für Stück änderten wir das Repertoire, sodass wir heute überwiegend meine Musik aufführen.“
Nach dem blutigen Umsturz in Rumänien organisierte Balanescu in London einige Benefizkonzerte. Der Musiker zögerte, das Land seiner Kindheit zu besuchen, denn damals unterhielt er keine Kontakte zur rumänischen Kulturszene. Zu jung war er emigriert, zu abgeschottet existierte Rumänien Ende der achtziger Jahre. Und doch erkannte er sich wieder in den Gesichtern und der Sprache seiner Kindheit und so wollte er „die Leute zum Nachdenken bringen. Rumänien ging stark durch die Medien, als die sogenannte Revolution stattfand, aber drei Wochen später hatte ich den Eindruck, dass die Leute im Westen anfingen zu vergessen.“
Balanescu spielt auf dem in Zusammenarbeit mit Clare Connors entstandenen „Luminitza“-Album mit unterschiedlichen Klang- und Erfahrungswelten: der wohl organisierte Westen einerseits, der oftmals chaotische, aber vitale Osten Europas auf der anderen. Geschickt entzogen sich die Kompositionen schneller Kategorisierung, auch weil in ihnen Elemente von Klassik, minimalistischer und traditioneller Musik, zu etwas Neuem verschmolzen. „Mich beeinflussten der Klang transsilvanischer Streichergruppen, Klagelieder aus der Moldau oder unregelmäßige Rhythmen aus Mazedonien. Das alles war schon früher in meiner Musik, aber nun verstand ich, woher es kam. Ich habe aber nicht versucht, Volksmusiker nachzuahmen, denn sie sind wirklich besser als ich. Sie können schneller spielen und sind entspannter im Bogen, einfach expressiver. Ich wollte ihre musikalische Sprache aufnehmen und sie durch meine eigene Erfahrung filtern.“
Dass Alexander Balanescu Anfang der neunziger Jahre traditionelle Musik wiederentdeckte, hat wenig mit sentimentalen Heimatgefühlen zu tun, denn als Kind ignorierte Balanescu Folklore aus dem Radio. Wer in den sechziger bis achtziger Jahren in Rumänien archaische Melodien hören wollte, der musste über die Dörfer ziehen, dort Feste der Freude und der Trauer erleben. Doch nur wenige junge Leute interessieren sich für das phänomenale Erbe traditioneller Kultur. Mittlerweile fühlt sich Balanescu „sogar in Osteuropa als Fremder. Der Westen diktierte das gesamte materielle Bestreben der Leute. Doch der Osten kann einen spirituellen Export anbieten, und ich hoffe, dass das nicht verloren geht mit dem sogenannten Fortschritt.“

Konzert am 28. März 2004 in der Berliner Volksbühne

www.balanescu.com


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