Irina Dowgan: Vom Opfer zur Politikerin
Irina Dowgan ahnte, dass die Männer mit den Kalaschnikows irgendwann kommen würden. Ein Laster bremst neben dem Vorgarten, Milizen springen ab, treten die Haustür ein. Jemand rammt ihr einen Gewehrkolben in den Bauch. Dann schleppen sie die Frau auf den Transporter und bringen sie zum Wostok-Bataillon der Rebellen nach Donezk.
„Gib zu, was du getan hast, du Schlampe“, brüllt sie ein „Ermittler“ der selbsternannten „Volksrepublik“ an. In den Augen des Pseudostaates ist Irina Dowgan eine Verräterin. Sie hat mit dem Feind kollaboriert. Der Feind, das ist die ukrainische Armee, das sind die „Faschisten“, wie es in Donezk heißt.
Öffentliche Schikane
Irina Dowgans Bilder gingen im Sommer um die Welt. Tagelang wurde sie von Separatisten misshandelt und in der Stadt öffentlich schikaniert. Nun sitzt die Frau mit den blonden Haaren in einer Plattenbauwohnung in Slowjansk, der einstigen Rebellenhochburg, die wieder unter Kontrolle Kiews steht. Die 52-Jährige berichtet von der Folter und wie sie später als Politikerin einen Neustart wagte.
Ihre Geschichte beginnt im Juli, als die Armee gegen die Separatisten vorrückt. „Ich wohnte damals in Jassynuwata, im Separatistengebiet“, erzählt Dowgan. „Einmal fuhr ich mit dem Auto hinter die Front. Auf einem Weizenfeld sah ich ukrainische Soldaten. Das waren keine ausgebildeten Kämpfer. Die schliefen zwischen den Bäumen und hatten nichts. Also fragte ich sie, was sie brauchen.“
In den nächsten Wochen fährt Dowgan immer wieder zu den Soldaten auf das Weizenfeld. Im Kofferraum ihres Hyundais transportiert sie Sneakers, Hemden und Stiefel von ihrem Mann sowie Tüten mit Melonen, Äpfeln, Brot und Wurst. Zu Hause wäscht sie die schmutzigen Sachen der Soldaten, näht zerrissene Hosen zusammen, stopft die Löcher der Socken. Die Rebellen an den Checkpoints schöpfen keinen Verdacht. „Sie haben mein Auto nie kontrolliert.“
Es war nur eine Frage Zeit, bis sie jemand verriet
Zu dieser Zeit war ihre Familie bereits vor den Rebellen geflüchtet. Ihr Mann wohnte mit der 15 Jahre alten Tochter in der Stadt Mariupol, der erwachsene Sohn kam auf der Krim bei Freunden unter. „Verschwinde endlich“, warnte ihr Mann am Telefon. „Jemand muss doch aufs Haus und den Hund aufpassen“, erwiderte seine Frau.
Anfangs patrouillieren nur wenige Rebellen in Jassynuwata, doch Mitte August strömen plötzlich tausende Kämpfer in den kleinen Ort. „Da fürchtete ich, entdeckt zu werden“, sagt Dowgan. Schließlich wissen die Nachbarn, dass sie den Maidan unterstützt, dass an ihrer Autoscheibe noch vor kurzem ein Sticker in den ukrainischen Nationalfarben blau und gelb klebte. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand sie verpfeifen würden. Und so geschieht es dann auch.
Beim Wostok-Bataillon zerren die Milizen die Frau an den Haaren in die Kommandantur. „Sie brachten mich in einen Raum mit etwa zehn Männern, die aus Tschetschenien kamen und schlecht russisch sprachen.“ Die Männer reißen ihr die Kleidung herunter. „Du Faschistin wolltest mich an die Ukrainer ausliefern“, schreit der Anführer der Truppe. Er hält ihr eine Pistole ans Ohr und drückt ab. „Der Knall war so laut, dass ich minutenlang nichts hören konnte“, sagt Dowgan. Später fesseln die Milizen die Frau mit Handschellen an eine Heizung und treten ihr in den Bauch.
Am Pranger wie im Mittelalter
Doch die größte Tortur steht Irina Dowgan noch bevor. Am nächsten Tag schnüren die Kämpfer ihr eine Ukraine-Flagge um den Körper und fesseln sie an einen Laternenpfahl in Donezk – ein Pranger wie im Mittelalter. Um den Hals trägt sie ein Schild mit der Aufschrift: „Sie tötet unsere Kinder und spioniert für den Feind.“
„Passanten kamen vorbei, spuckten mich an, warfen mit Tomaten und Eiern und traten mir in den Bauch. Zum Glück waren es nicht so viele. Nach ein paar Stunden brachten mich die Milizen zurück in die Kaserne. Dort sprühten sie mir Reizgas ins Gesicht und steckten mich in eine Zelle. Ein Mitgefangener gab mir Herztropfen und Schlaftabletten. Ich wollte nur noch sterben“, schluchzt die Frau mit dem Rollkragenpulli.
Nach drei Tagen stürmt plötzlich der Anführer der Tschetschenen in die Zelle. „Du bist ein Star auf Youtube“, ruft er. Ein Journalist der New York Times hatte die Pranger-Szene in Donezk gefilmt und ins Netz gestellt. Wegen des öffentlichen Drucks lässt Wostok-Kommandant Alexander Chodakowski Dogwan laufen.
Psychologische Hilfe erhält Dowgan nach der Folter nicht, den Schmerz versucht sie heute mit politischer Arbeit zu überwinden. „Meine Familie steht mir dabei zur Seite.“ Sie sagt vor der UNO in Genf aus und tritt im Oktober als unabhängige Kandidatin bei den Parlamentswahlen an. Den Einzug ins Abgeordnetenhaus schafft sie nicht, dafür setzt sie sich für den Aufbau der Stadt Slowjansk ein oder besucht verwundete Soldaten im Krankenhaus. Ihre Heimatstadt Jassynuwata wird sie so bald nicht wiedersehen. Die Rebellen haben sie bei ihrer Freilassung gewarnt: Ihr Name stünde ganz oben auf einer Todesliste.
Quellen:
Gespräch mit Irina Dowgan
Bericht auf BBC Russian Service