Ukraine

Ostukraine: Schulen unter Beschuss

In der 61. Schule im Norden von Donezk ist der Unterricht schon lange vorbei. Am Eingang hinter der Glastür weist ein Schild in den Keller, im Treppenhaus ist es still und die Klassenräume sind dunkel. Nur im Büro von Andrej Udovenko brennt jeden Tag Licht. Der Schuldirektor deutet auf zertrümmerte Gebäude hinter dem Schulhof. Granaten zerfetzten dort Mitte Oktober die Sporthalle und zertrümmerten das Schwimmbad.

„Zum Glück hatten wir die Schule schon vorher geschlossen“, erzählt Udovenko. Das Gymnasium liegt im Kiewer Bezirk nur ein paar Kilometer vom Flughafen entfernt. Dort liefern sich Armee und Rebellen seit Wochen erbitterte Gefechte.

Der Bürgerkrieg gehört in Donezk inzwischen zum Schulalltag. Bei Bombenalarm rennen Schulklassen in die Keller. Wird es zu gefährlich, werden sie zum Fernunterricht nach Hause geschickt. Von den 150 Schulen in Donezk wurden vier komplett zerstört. Die Schulen in den Nordbezirken nahe der Front haben sowieso geschlossen.


Neun Menschen starben ganz in der Nähe der Schule

Mitte September, erzählt Direktor Udovenko, sei Donezk am schwersten von der Artillerie beschossen worden. Innerhalb von 45 Minuten starben nahe seiner Schule neun Menschen. An einer Bushaltestelle kamen ein Biologielehrer, ein Vater und ein Milize ums Leben, der das Gelände bewachte. Nach der Attacke wurde die Hälfte der Schüler in andere Schulen geschickt. „Der Rest bleibt zu Hause und macht Fernunterricht“, sagt Udovenko. Lehrer stellen auf einer Webseite Aufgaben ins Netz, die Schüler per E-Mail lösen. Fächer wie Physik oder Chemie unterrichten die Lehrer per Skype.

Die Fenster in Udovenkos Büro sind zugezogen, von der Straße ist ein dumpfes Trommeln zu hören, das sich anhört wie Artillerie. Doch der Lehrer bleibt ganz ruhig. „Das war nur eine Autotür“, sagt der 56-Jährige. „Oder vielleicht auch nicht“, fügt er zweifelnd hinzu. Jedenfalls habe er sich schon an den Beschuss gewöhnt.


Eine Granate tötete zwei Jungen – direkt auf dem Hof einer Schule

Diese Woche starben ein Schüler einer achten Klasse und ein 18 Jahre alter Abiturient, als eine Granate auf dem Hof der 63. Schule detonierte. Vier weitere Jugendliche wurden bei der Explosion verletzt. „Hört auf, unsere Kinder zu töten“, fordert Oligarch Rinat Achmetow, mit dessen Geld die Schule gebaut wurde. Rebellen und Militär beschuldigen sich gegenseitig, auf die Schule gefeuert zu haben. „Wir schießen grundsätzlich nicht auf friedliche Bürger“, behauptet Armeesprecher Wladislaw Selesnew. Tatsache aber ist: Die Armee schießt vom Flughafen aus auf Stellungen der Rebellen, die sich in Wohnhäusern verschanzen. Dabei sterben immer wieder Zivilisten. Die 63. Schule liegt nur fünf Kilometer vom Flugplatz entfernt.

„Eltern und Kinder fühlen sich nirgendwo mehr sicher“, sagt Lehrer Udovenko. Am ersten nach den Sommerferien hätten sich hunderte Schüler auf dem Schulhof gedrängt, erinnert sich der Mann mit dem Wollpulli und der Brille. Kinder saßen auf der Treppe und warteten ungeduldig auf Einlass. Sie dachten, sie wären in der Schule Sicherheit. „Ich habe noch nie so viele gesehen, die unbedingt zum Unterricht wollten“, sagt Udovenko.


Schulen und Kindergärten bekommen kein Geld mehr

Der Lehrer arbeitet für die Stadtverwaltung Donezk, die immer noch der Regierung in Kiew untersteht. Die Separatisten hätten sich bisher nicht in die Verwaltung eingemischt, bestätigt er. „Lehrpläne und Personal sind immer noch die gleichen.“ Jedoch hätten Schulen, Kindergärten und Internate seit Monaten kein Geld mehr erhalten. Die zuständige Finanzbehörde zog im Sommer von Donezk in die ukrainisch kontrollierte Stadt Mariupol. Um Geld aufzutreiben, fährt Schuldirektor Udovenko mit einem Stapel Akten im Kofferraum mehrmals im Monat dorthin. Bisher vergeblich, denn die Zahlungen sind dennoch ausgeblieben.

Neben dem Bürgerkrieg haben Schüler in Donezk ein weiteres Problem: Die Zeugnisse tragen demnächst Stempel der selbsternannten „Volksrepublik Donezk“. Diese Prüfungen aber, sagt Udovenko, würden nirgendwo anerkannt.


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