Der Präsident, der kein Oligarch sein will
Wenn Petro Poroschenko das Unwort des Jahres küren sollte, würde er vermutlich den Begriff „Oligarch“ auswählen. Immer wieder betonte der Milliardär im Wahlkampf, er sei „kein Oligarch“, da er nie Politik und Geschäft miteinander verquickt habe. „Ich habe nie Regierungsmacht eingesetzt, um mich persönlich zu bereichern“, sagt der 48-Jährige. Viele Bürger glauben ihm offenkundig und wählten ihn am Sonntag zum neuen Präsidenten.
Man kann die Oligarchen-Frage aber auch anders beantworten. Poroschenko zählt zum Kreis jener superreichen Geschäftsleute, die in den chaotischen neunzer Jahren in der Ukraine die Konkursmasse der Sowjetunion unter sich aufteilten. Zum Milliardär brachte es der „Schokoladenzar“ Poroschenko zwar erst später als Produzent edler Süßwaren. Doch zu seinem Imperium zählen Medienhäuser, Investmentfirmen und Industriebetriebe – wie bei anderen Oligarchen auch.
Mitbegründer der Partei der Regionen
Poroschenko, der in der Nähe der Schwarzmeerstadt Odessa geboren ist, brachte für seinen Aufstieg beste Voraussetzungen mit. Sein Vater war zu Sowjetzeiten „roter Direktor“ einer Maschinenfabrik. Dadurch verfügte der Sohn, der in Kiew Ökonomie und internationales Recht studierte, früh über ein Netzwerk in einflussreichen Kreisen. Bereits mit 32 Jahren wurde er Ende der 90er Jahre Abgeordneter.
In der Politik wechselte Poroschenko wiederholt die Lager, wie dies für ukrainische Oligarchen nicht untypisch ist. Er war Mitbegründer der Partei der Regionen, die später zum Wahlverein des ostukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch mutierte. 2004 schloss sich Poroschenko den Janukowitsch-Gegnern an, den Revolutionären in Orange. Kurze Zeit war er Chef des Nationalen Sicherheitsrates, bevor er sich mit den Orangen überwarf – namentlich mit der damaligen Regierungschefin Julia Timoschenko.
Er gab der Opposition ein Gesicht
Der Vater von vier Kindern, der mit einer Ärztin verheiratet ist, konzentrierte sich in den folgenden Jahren auf sein Geschäft als „Schokozar“. 2009 kehrte er als Außenminister in die erste Reihe der Politik zurück, vorerst weiter auf Seiten der Orangen. Im Jahr darauf unterstützte er aber Janukowitsch gegen Timoschenko und wurde schließlich dessen Wirtschaftsminister, bevor er erneut umschwenkte.
Poroschenko unterstützte und finanzierte die Maidan-Revolution. Sein populärer „Kanal 5“ gab der Opposition Gesicht und Stimme im Fernsehen. Dem Einsatz gegen das korrupte Regime verdankt Poroschenko seine Popularität. Da seine Kontakte zugleich weit ins ehemalige Janukowitsch-Lager hineinreichen, halten ihn neutrale Beobachter für durchaus geeignet, die zerrissene Ukraine zu einen und aus der Krise herauszuführen. Wenn ihm das gelingt, fragt ihn vermutlich niemand mehr, wie er den Begriff „Oligarch“ definiert.