Politik / Russland

Medienkritik: Der Krimkonflikt als News-Häppchen

Boris Reitschuster, geboren 1971, lebt als Buchautor und Journalist in Moskau.           
Boris Reitschuster, geboren 1971,
lebt als Buchautor und Journalist in Moskau.

Wenn Alexej Kowschun, einer  meiner besten Freunde in Kiew, im deutschen Internet surft, zweifelt er an seiner Wahrnehmung. „Sehen die Deutschen die Realität nicht, oder wollen sie sich nicht sehen?“, fragt sich der 48-Jährige Unicef-Berater: „Wir haben es mit einer militärischen Aggression zu tun! Viele deutsche Medien verhalten sich so wie jemand, der einen Raubüberfall an seinen Nachbarn sieht, aber wegschaut und sich sagt, das ist sicher nur eine Hochzeit, bei der es hoch her geht“.

„Ukraine – Putin will weitere Eskalation verhindern“ - es sind Überschriften wie diese, die Kowschun aufbringen. Oder: „Putin: Militäreinsatz vorerst nicht notwendig“ - wobei russische Streitkräfte schon tagelang die strategisch wichtigen Punkte auf der Halbinsel besetzt hatten.


Russische Medien jubeln über die deutsche Berichterstattung

Tatsächlich fällt auf, wie gerade Online-Portale und Nachrichtenagenturen vermeiden, Dinge beim Namen zu nennen, und oft Propaganda des Kreml wiedergeben. Da heißt es etwa: „Die russische Bevölkerung der Krim erhob sich gegen die Zentralregierung, noch bevor Putin Truppen in Marsch setzte.“ Oder es wird berichtet, dass ukrainische Nationalisten die Krimtataren zu Anschlägen gegen Russen aufforderten - mit russischen Hackern als Quelle.

Lange rätselten deutsche Medien auch, woher die Uniformierten stammten, die etwa Regionalparlament und Flughafen in Simferopol besetzten. „Ja, glaubten die Deutschen denn, dass es Schweizer waren, oder Touristen mit Panzerwagen? Da hätte ein Blick in die Geschichtsbücher oder einmal Hinhören genügt, was für einen Dialekt die Jungs sprachen!“, empört sich Kowschun: „Jeder sieht doch – das Szenario stammt doch aus dem Handbuch des KGB.“

So ganz von ungefähr kommt der Unmut meines ukrainischen Freundes nicht. Russische Medien jubeln, die deutsche Presse habe „unerwartet angefangen, Russland in der Krim-Krise zu unterstützen“. Tatsächlich macht sich wohl bemerkbar, dass Russland-Korrespondenten angesichts des Sparzwangs zur aussterbenden Gattung werden – dabei sind Erfahrungen vor Ort gerade zum Durchschauen von Propaganda und Inszenierungen a la KGB besonders wichtig.

Der Newsticker-Journalismus vieler Internet-Seiten mit seinen Nachrichten-Häppchen wird der Komplexität der Ereignisse nicht gerecht. Schon die Berichterstattung vom Maidan war zuweilen erschreckend eindimensional. In der gedruckten Presse und im Fernsehen dagegen wird ein überwiegend differenziertes Bild der Krim-Krise gezeichnet.


Kaum Berichte über die Gemütslage der Russen

Bedauerlich ist, wie wenig in Deutschland über die Kriegstrommelei und den Hurra-Patriotismus der russischen Medien zu lesen ist. Dabei wäre das zum Verständnis der Krise hilfreich - ebenso wie detailliertere Berichte über die Gemütslage der Russen und ihre Beziehung zur Krim. Ebenso wird fast unterschlagen, dass auch die ukrainischen Medien alles andere als deeskalierend agieren.

Peinlich wird die Berichterstattung, wenn Autoren, die alles andere als Russland-Kenner sind, in Leitmedien fragwürdige Appelle veröffentlichen. So ruft Ulf Poschardt von der Welt dazu auf, Putin zu umarmen. Roland Nelles fordert auf Spiegel online den Westen auf, nach dem Motto „der Klügere gibt nach“ zu handeln statt darüber zu streiten, wer schuld sei. „Nelles wünsche ich, dass jemand ein Zimmer seiner Wohnung besetzt, dann soll er sich nach seinen eigenen Ratschlägen verhalten“, ärgert sich mein ukranischer Freund Alexej.

Tatsächlich hätte der Westen durchaus Handlungsmöglichkeiten. Der säbelrasselnde Patriotismus von Putin und seiner Elite richtet sich nur an die Heimatfront; in Wirklichkeit aber sind viele russische Politiker ganz auf den Westen ausgerichtet, haben ihre Konten und Villen dort, ihre Kinder und Frauen. Würde der Westen Visa und Aktiva für die Mächtigen und Reichen sperren, und am besten parallel noch als Signal für den russischen Normalbürger Visaerleichterungen einführen – für Putin würde es im Kreml genauso ungemütlich wie für ukrainische Soldaten auf der Krim.


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