Hoffnungsträger Klitschko?
In dem kleinen Empfangsraum im Kiewer Gewerkschaftshaus drängeln sich Journalisten, Fotografen sitzen auf dem harten Parkettboden, Fernsehteams bringen Kameras in Stellung. Alle warten gespannt auf Vitali Klitschko, der jeden Moment zur Presse sprechen soll. Dann tritt der zwei Meter große Boxer aus der Tür, blickt kurz in den Spiegel, vergewissert sich, dass Jackett, Jeans und Hemd richtig sitzen.
Draußen harren bei Wind und Schnee Tausende auf dem Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan, aus. Polizisten mit Helmen und Stahlschilden blockieren die Straßen. „Wir lassen uns nicht provozieren“, sagt Klitschko vor laufenden Kameras und „ich appelliere an die Polizei, keine illegalen Befehle auszuführen“. Später umringen Journalisten den Schwergewichtsweltmeister wie einen Superstar.
Nur die Wut hält die Opposition zusammen
Seit Wochen heizt Klitschko die Proteste in der Ukraine an. Mal steht er auf der Bühne und fordert den Rücktritt der Regierung, später läuft er zu den Barrikaden, mahnt zum gewaltlosen Protest. In Deutschland wird der Sportler als künftiger Präsident gehandelt. Viele ukrainische Wähler fragen sich jedoch, ob Klitschko wirklich das Zeug zum Staatsmann hat.
Deutsche Politiker im Umkreis von Angela Merkel haben offenbar große Pläne mit dem 42-Jährigen. Klitschko, der 2015 bei den Präsidentenwahlen antreten will, soll nach „Spiegel“-Informationen im Vorfeld der Wahlen logistische Unterstützung von der Europäischen Volkspartei (EVP) und der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung erhalten. Vergangenen Mittwoch flog Außenminister Guido Westerwelle nach Kiew, wo er sich am Rande der OSZE-Konferenz mit Klitschko in einem Hotel zu Gesprächen traf. Danach fuhr Westerwelle mit dem – so twitterte es das Auswärtige Amt –„Oppositionsführer“ Klitschko zum Protestlager an den Maidan. Auch die deutschen Medien bezeichnen Klitschko derzeit oft so.
Im Osten stehen die Menschen hinter Janukowitsch
In Wahrheit führt Klitschko, dessen Partei Udar (Schlag) bei den Parlamentswahlen 2012 auf knapp 13 Prozent kam, die Opposition derzeit nicht an. Im vergangenen Jahr schmiedete Klitschko ein Bündnis mit Arsenij Jatsenjuk von Julia Timoschenkos Vaterlandspartei und Oleg Tijanibok von der nationalistischen Swoboda-Partei. Die drei Politiker sind eigentlich zerstritten, nur ihre Wut auf Präsident Wiktor Janukowitsch hält sie zusammen. Klitschko ist zurzeit der populärste Oppositionelle. Jazenjuk gilt als wenig charismatisch, Tijanibok als rechtsextrem und antisemitisch. Auf einen gemeinsamen Anführer hat sich das Parteienbündnis noch nicht geeinigt.
„Klitschko hat eine weiße Weste und ist im Gegensatz zu anderen Politikern nicht korrupt“, sagt Daria Ignatienko, Journalistin aus Kiew. Wären jetzt Präsidentenwahlen, würde Klitschko Janukowitsch laut Umfragen in einer Stichwahl besiegen. „Jedoch nur, weil die Popularität des Präsidenten gerade ins Bodenlose fällt“, fügt Ignatienko hinzu. Ob sich Präsident Janukowitsch dem Druck der Straße beugt und Neuwahlen zustimmt, ist zweifelhaft.
Nicht alle Ukrainer sehen in dem Sportler mit dem Kampfnamen „Dr. Eisenfaust“ einen Vollblutpolitiker. „Für mich ist er einfach nur ein Boxer“, sagt Julia Gorodyska aus der westukrainischen Stadt Lemberg. Im Westen des Landes komme Klitschko nicht gut an, weil er meistens russisch und nur gebrochen ukrainisch spreche, fügt die 23 Jahre alte Studentin hinzu. Viele Wähler vermissen bei Klitschko zudem klare politische Aussagen und Wirtschaftskompetenz.
Klitschkos schärfster Konkurrent in der Westukraine ist Oleg Tijanibok von der Swoboda-Partei, die in einigen Regionalparlamenten die Mehrheit stellt. Auch im Osten und Süden der Ukraine hat es Klitschko nicht leicht, Stimmen zu sammeln. In den Kohlerevieren des Donezbeckens und auf der Krim stehen die meisten Menschen hinter der regierenden Partei der Regionen.
Umfragen zeigen jedoch, dass Klitschko in der Hauptstadt Kiew über eine breite Basis verfügt. In der Bürgermeisterwahl 2010 unterlag der Champion dem damaligen Amtsinhaber Leonid Tschernowetskij. Doch der hatte seinen Konkurrenten damals mit unlauteren Methoden Stimmen abgejagt: Er ließ an Rentner kostenlos Buchweizen verteilen.