Ukraine

Schwule und Lesben erobern den Osten Europas

Milos Zeman und Lech Walesa zeichnen von sich selbst gern das Bild gestandener Männer. „Ich bin ein Kämpfer“, sagen beide über sich. Keine Frage: Der tschechische Staatschef und der polnische Ex-Präsident sind politische Alphatiere. Homosexualität hat in dieser Welt keinen Platz. Der tiefgläubige Katholik Walesa schlug kürzlich sogar vor, schwule Abgeordnete im Parlament auf die hintersten Bänke zu verbannen. „Am besten sollte man sie durch eine Mauer abtrennen“, wetterte er. Seine Gegner warfen Walesa daraufhin „Ghetto-Denken“ vor.

Zeman wiederum sorgte dieser Tage in Prag für Aufruhr. Der Linkspopulist weigerte sich, den homosexuellen Literaturwissenschaftler Martin Putna zum Professor zu ernennen. Kritiker des Präsidenten sprachen von einem offenen Akt der Diskriminierung. Studenten drohten mit Massenprotesten, bis der Staatschef schließlich einlenkte. Als Grund für seine Weigerung hatte Zeman Putnas Teilnahme an einer Schwulenparade genannt. Der Intellektuelle war unter einem Banner „katholischer Tunten“ marschiert.


Die Rückzugsgefächte der alten Männer

Zeman und Walesa kämpfen also wieder, diesmal gegen die öffentliche Präsenz Homosexueller. Doch die beiden alten Männer führen mit ihren knapp 70 Jahren nur noch Rückzugsgefechte. In der gesellschaftlichen Wirklichkeit befinden sich Schwule und Lesben längst auch in den ehemaligen Ostblockstaaten auf dem Vormarsch. Ihr Ringen um Gleichberechtigung hat zunehmend Erfolg.

Beispiel Polen: In dem erzkatholischen Land wird in immer kürzeren Abständen über die Einführung der Homo-Ehe debattiert – bei wachsenden Aussichten auf einen Durchbruch. Vor allem der liberale Regierungschef Donald Tusk ist gewillt, sich nicht länger von den Konservativen in seiner Bürgerplattform ausbremsen zu lassen. „Wir brauchen Lösungen, die die Würde von Schwulen und Lesben stärken“, sagt Tusk.

Tschechien hat diesen Weg bereits 2006 beschritten. Das Land war der erste postkommunistische Staat, der Homosexuellen eingetragene Partnerschaften ermöglichte. Doch auch weiter östlich, in ehemaligen Sowjetrepubliken wie der Ukraine, zeigen Schwule und Lesben Gesicht – wenn auch zaghaft.


Postsowjetische Prüderie

In der Sowjetunion war Sex zwischen Männern strafbar. Das hat Spuren im Denken und in den Verfassungen hinterlassen. Erst vergangene Woche lehnte es das ukrainische Parlament ab, über einen Gesetzentwurf zu debattieren, der Arbeitgebern die Diskriminierung Homosexueller verbieten sollte. Immerhin könnte es an diesem Samstag nach jahrelangem Kampf endlich so weit sein, dass erstmals eine Gay-Pride-Parade durch Kiew zieht.

Amnesty International hat in einer aktuellen Studie eine „tief verwurzelte Diskriminierung“ von Homosexuellen in der Ukraine festgestellt. Dennoch: „Die Parade am Samstag wird ein Signal des Wandels senden“, erklären die Organisatoren und hoffen auf eine Fernwirkung „bis nach Russland und Weißrussland“. Deren Präsidenten Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko gelten allerdings als notorische „Homohasser“. Er sei „lieber Diktator als schwul“, ließ Lukaschenko wissen.


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