Ukraine

Freiheit auf der Dachkante

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Pascha zieht die Wollmütze über die Stirn und blickt auf das Hotel Bratislava, einen 13 Etagen hohen Betonklotz im Kiewer Zentrum. Pascha springt über eine Hecke, schleicht bis zur Hauswand und zieht sich an einem Abflussrohr empor. Dann schwingt er sich auf einen Balkon, klettert von Brüstung zu Brüstung und krallt sich ganz oben mit einer Hand an der Dachkante fest. Sein Freund Afanassij fotografiert unterdessen, wie Pascha 65 Meter über der Erde baumelt.

Pascha und Afanassij haben ein gefährliches Hobby: Sie klettern Hausfassaden hoch, spazieren auf Dachkanten oder balancieren über Hängebrücken. Bei der Polizei sind die beiden als „Roofer“ bekannt, abgeleitet vom englischen Wort für „Dach“. In den meisten Ländern ist der riskante „Sport“ verboten. Roofern drohen Strafanzeigen und Bußgelder. Manche Klettertour endet in einer Verfolgungsjagd mit der Polizei.


Ein Star auf der Flucht vor der Polizei

Entstanden ist Roofing in New York, von dort schwappte der Trend nach Moskau. In seiner Heimatstadt Kiew, wo es nur wenige Roofer gibt, ist Pascha ein Star: Zeitungen und Fernsehen berichten über die irrwitzigen Aktionen des 19-jährigen. Der Jugendliche mit der Wollmütze hat sich den Künstlernamen „Mustang Wanted“ gegeben. „Mustang“, weil er so frei sein will wie das Wildpferd. Und „Wanted“, weil er ständig auf der Flucht ist vor der Polizei.

Pascha und Afanassij packen Fotoapparat und Videokamera ein, schultern ihre Rucksäcke und marschieren zur Truchanow-Brücke in Kiew. Vier Stahlseile tragen die Hängebrücke, die das rechte Ufer der Stadt mit einer Insel im Dnjepr verbindet. Auf einem der Stahlseile wollen die beiden fünfzig Meter hoch zum Brückenpfeiler steigen. „Das wird ein Spaziergang“, grinst Pascha.


Die erste Hängebrücke mit 14

Das Fotografieren der halsbrecherischen Aktionen ist so wichtig wie der Nervenkitzel selbst. Stolz zeigt Pascha ein Foto, wie er auf einem hundert Meter hohen Baukran balanciert. „Das macht mir überhaupt nichts aus“, sagt der Teenager mit der roten Jeans und dem Kapuzenpulli.

Mit fünf Jahren lief er auf dem Treppengeländer im Hausflur hin und her, mit 14 kletterte er das erste Mal auf eine Hängebrücke. Nur einmal habe er Angst gehabt, erzählt Pascha. Das war vor zwei Jahren, als er von Balkon zu Balkon einen Plattenbau hinaufkletterte. Eine alte Frau hielt den Jungen für einen Einbrecher und wollte ihn von der Brüstung stoßen.


Roofing statt Wodka

Wieso riskiert Pascha sein Leben? „Ich weiß nicht“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Dann überlegt er: Vielleicht, weil er nicht wie andere mit Wodka und Zigaretten auf der Straße abhängen wolle. Vielleicht, weil er sich über den Dächern der Stadt frei fühle. Vom Klettern abhalten könne ihn jedenfalls keiner – erst recht nicht die Polizei.

Die wartet meistens schon auf den Dächern, wenn der Sicherheitsdienst bemerkt hat, dass jemand die Balkons hinaufklettert. Manchmal schaffen es Pascha und Afanassij, zu entkommen, „vor allem wenn die Polizisten dick sind“, erzählt Afanassij. In Kiew kämen die beiden sowieso oft mit einem blauen Auge davon, ergänzt Pascha. „Die Polizei schreibt ein Protokoll und das war‘s.“


Pascha und die Moskauer Polizei 

In Moskau wurde Pascha vor drei Wochen dagegen verhaftet. Umgerechnet 200 Euro Bußgeld musste der Roofer zahlen, weil er sich vom Dach eines Bürohauses hinabhängen ließ.

Inzwischen steht Pascha auf dem Pfeiler der Truchanow-Brücke in Kiew – fünfzig Meter über der Erde. Plötzlich fängt er an, auf einem 20 Zentimeter breiten Stahlbalken hin und her zu balancieren. Afanassij sitzt auf dem Stahlseil und filmt das Manöver mit der Videokamera. Später stellen sie das Video auf ihren Youtube-Kanal. Hunderttausende schauen sich die Clips jeden Tag an. Je spektakulärer die Szenen, desto mehr Respekt verschaffen sich die Roofer in der weltweiten Szene. Einige Videos verkaufen sie sogar an Fernsehsender und finanzieren so ihre Reisen nach Moskau.

Pascha träumt davon, einmal nach Mailand zu fahren. Dort steht der 106 Meter hohe Torre Velasca: Ein Hochhaus aus den 1950er Jahren, das eher wie eine Festung aussieht. Irgendwann, sagt Pascha, wolle er dieses monströse Bauwerk erklimmen.


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