Ungarn

Zu viel Beton

Budapest (n-ost) Ein riesiger roter Kran blockiert die schmale Páva utca in der Budapester Franzstadt, daneben Absperrungen, blaue Chemieklos und Sandhaufen. Eine typische Baustelle könnte man meinen. Dennoch, ganz so typisch ist diese Baustelle nicht, denn sie wird 24 Stunden lang von sechs Beamten eines Wachdienstes beobachtet: “Wenn wir hier nicht stehen würden, würde ganz bestimmt etwas passieren“, sagt einer der Männer im weißen T-Shirt und ist sich seiner Sache ziemlich sicher. An dieser Stelle entsteht das Holocaust Museum der Stadt, das am 16. April 2004, am Tag der Gründung des ersten ungarischen Ghettos, eröffnet werden soll.

Um die alte Synagoge aus den 1920ern Jahren, die zur Zeit renoviert wird, wird ein moderner Gebäudekomplex errichtet, der auf 1.800 Quadratmetern eine ständige Ausstellung zum Holocaust in Ungarn, zu den Verfolgungen der Roma, Zeugen Jehovas und anderer Opfer, sowie die Budapester Holocaust-Forschungsstätte mit Büros, Archiv, Seminar- und Vortragsräumen beherbergen wird. Der ehemals sakrale Bau vom bekannten Architekten Leopold Baumhorn (1869-1932), der in Ungarn insgesamt 22 Synagogen errichtete, wurde noch bis 1974 von einer neologischen Gemeinde, einem reformierten Zweig des Judentums, genutzt. Ein Blick hinein zeigt einen hellen und freundlichen Raum, die Emporen – Merkmale für den Einfluss des christlichen Gottesdienstes auf das moderne Judentum – werden von unten mit blauer Farbe und Sternmuster geschmückt. Die Wände sind beige, an den Geländern glänzen goldene Verzierungen. Der Raum wird wahrscheinlich leer bleiben, als Gedenkraum.

Für viele kommt die Eröffnung eines solchen Museums reichlich spät. Denn bis deutsche Truppen am 19. März 1944 Ungarn besetzten – der Vorstoß hatte den Namen “Unternehmen Margarete“ – war der ehemalige k.u.k-Staat stark von jüdischem Leben und jüdischer Kultur geprägt: Vor der großen Deportation im Jahre 1944 von 470.000 ungarischen Juden nach Auschwitz, dem letzten großen Transport in das Vernichtungslager, lebten 725.000 nach den Rassegesetzen als “Juden“ eingestufte Menschen in Ungarn. Jeder dritte, der in Auschwitz vergast wurde, kam demnach aus dem Land der Magyaren.

Die jüdische Minderheit in Budapest ist mit 85.000 Menschen heute wieder die größte in ganz Mittelosteuropa. Es gibt unter anderem eine jüdische Schule und eine Rabbinerausbildung, die Synagogen in der Elisabeth- und Teresienstadt werden renoviert und den Besuchern geöffnet oder Touren durch das jüdische Budapest angeboten. Dennoch ist die ungarische Bevölkerung kaum über diesen Teil der Geschichte aufgeklärt. Einen Versuch hatte schon die vorherige, nationalbürgerliche Regierung unter Victor Orbán unternommen und kurz vor den Wahlen im Sommer 2002 das “Haus des Terrors“ eröffnet. Hier sollen mit modernster Museumsdidaktik und hohem technischem Aufwand die Leiden des ungarischen Volkes im 20. Jahrhundert visualisiert werden.

Doch kommen die Verbrechen der Nationalsozialisten, sowie die der ungarischen, faschistischen “Pfeilkreuzler“ oder die antisemitischen, ungarischen Judengesetze von 1938, 1939 und 1941 kaum zur Darstellung. Dagegen werden vor allem die Gräueltaten der Kommunisten effekthascherisch präsentiert. Das alles ist in höchstemotionaler Weise mit weinenden, alten Männergesichtern in Großaufnahme und einem mit pathetischer Musik untermalten Eingangsbereich inszeniert, der zu einem Erinnerungsaltar führt. Órban wird vorgeworfen, das Museum vor allem aus wahltaktischen Gründen als Wählerstopp für die Oppositionspartei MSZP, die ehemaligen Sozialisten, errichtet zu haben. Diese Taktik ging nicht auf. Seit 2002 sind die Linken unter Premier Péter Medgyessy an der Macht.

Das neue Museum rangiert also ungewollt auf politischem Terrain, hat aber ganz andere Ansprüche als der umstrittene Vorgänger. András Darányi, der zukünftige Direktor, möchte vor allem das Schicksal einzelner Personen vorstellen: “Es war ein Massenmord, aber trotzdem muss man ausdrücklich zeigen, dass jeder einzelne Mord von damals schlicht und einfach eine Straftat ist“, sagte er in einem Gespräch mit der deutschsprachigen, ungarischen Wochenzeitung “Pester Lloyd“. Ein wichtiger Schwerpunkt wird die pädagogische Verbindungsarbeit sein. Zusätzlich soll Unterrichtsmaterial für Lehrer über die Holocaust-Thematik erstellt und Vorträge mit Zeitzeugen und Überlebenden für Schüler und Interessierte veranstaltet werden. Denn der Aufklärungsbedarf ist gerade bei der heute jungen Generation sehr hoch, so die Erkenntnisse des derzeitigen österreichischen Zivildienstleistenden im Holocaust-Archiv, Christoph Seibel: “Die meisten hatten gerade mal eine Stunde dazu in der Schule. Sie sind interessiert, aber wissen nichts.“ Dr. Szabolcs Szita, wissenschaftlicher Leiter der Forschungsstätte, redet von geplanten “außerordentlichen Geschichtsstunden“.

Noch ist von den vielen Plänen allerdings nicht viel zu sehen. Der Rohbau an der Kreuzung, benachbart mit einem Gemüseladen, Wohnhäusern und einem leerstehenden Farbengeschäft, ist eine graue Betonwand mit schießschartenartigen Fenstern, die viel zu hoch in die harte Masse eingeschnitten sind, als dass sie Einblicke zulassen würden. Die alte Synagoge, die in das Museum und Dokumentationszentrum eingebaut wird, ist mit grünen Planen behängt. Sie
wird, so der Architekt István Mányi, von den neuen Gebäuden vollkommen “eingeschlossen“. Sein Entwurf erinnert an eine kleinere und einfachere Version, ein Arte-Povera-Modell von Daniel Libeskinds glänzendem, silbrigem Berliner Jüdischen Museum. Beide Gebäude betonen mit eingedrückten Wänden und unmöglichen Ein- und Ausblicken die Diskontinuität der Geschichte – der privaten Erzählungen als auch der kollektiven Historie – sowie der schwierigen Erinnerungsarbeit.

Die Anwohner sind von soviel moderner Architektur eher genervt: Die Verkäuferin im Eckladen beschwert sich: “Sie hätten das lieber woanders bauen sollen. Es ist zu viel Beton!“ Ob zu viel oder nicht, der ungarische Staat steckt zur Zeit viel Mühe und Geld in diesen Teil des nationalen Erbes. 1, 7 Milliarden Forint (ca. 6, 8 Millionen Euro) werden in den grauen Bau investiert. Auch der vor 20 Jahren errichtete ungarische Pavillon in der Gedenkstätte Auschwitz soll wiedereröffnet werden. Und für das Holocaust Museum in Washington wird ebenfalls eine ungarische Ausstellung erarbeitet.

Bildmaterial: Baustelle Páva utca, Synagoge in der Dohány utca

Weitere Informationen: www.bphm.org Nikola Richter ----- Ende------


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