Serbien

Bio-Landwirtschaft mit Widerständen


Nada Letic ruht, wenn Büromenschen ihre Kernarbeitszeit haben. Und arbeitet, wenn andere in den Feierabend gehen. Jedenfalls im Sommer. Tagsüber ist es zu heiß, um draußen zu arbeiten. Von fünf bis zehn Uhr morgens und 17 bis 22 Uhr abends ist sie bei der Arbeit. In der Zwischenzeit brennt die Sonne mit über 35 Grad auf die vojvodinische Tiefebene. Nada Letic ist eine von wenigen Bio-Bäuerinnen in Serbien.

In den Gewächshäusern kann die Temperatur auf bis zu 50 Grad Celsius ansteigen, erzählt die kleine rundliche Frau in schwarzem T-Shirt und schwarzer Hose, während sie die letzten glänzenden Auberginen abschneidet. Das Gewächshaus soll die Pflanzen vor Hagel und Schädlingen schützen. Nada Letic türmt die Auberginen in einer hölzernen Gemüsekiste auf und stellt sie in den Kofferraum ihres roten Klein-Transporters. Die Tür geht gerade noch zu. Salat, Tomaten, junge Erbsen, Kartoffeln und ungarische Paprika fahren sie und ihr Mann heute zum Markt nach Novi Sad – dem einzigen Biomarkt in ganz Serbien.

Noch bevor sie ihren Stand und die Plane aufgebaut haben, kommen die Kunden. Viele kaufen das Gemüse direkt aus den Holzkisten. Einer von ihnen ist Alexa Ajdzanovic, Familienvater und Mitarbeiter der landwirtschaftlichen Fakultät: „In der konventionellen Landwirtschaft gibt es keinerlei Kontrollen, so dass wir im Prinzip nicht wissen, was wir essen“ sagt er. „Hier weiß ich, dass ich gesunde Lebensmittel bekomme“.


INFOKASTEN:
Laut dem serbischen Ökolandbau-Verband Serbiaorganica werden 9.000 Hektar Ackerland für den Ökolandbau genutzt, der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft spricht von 3.000 Hektar. Die Landwirtschaft nimmt mit einem Anteil von zehn Prozent am Bruttosozialprodukt eine wichtige Stellung in der Wirtschaft ein. Agrarprodukte gehören zu den wenigen Exportgütern Serbiens. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt die Entwicklung des Ökolandbaus in Serbien.


Immer wieder bleiben Passanten aber auch kopfschüttelnd vor Nadas Stand stehen: „250 Dinar (umgerechnet 2,30 Euro) für ein Kilogramm Auberginen? Wenn ich das kaufen würde, könnte ich mir nichts anderes mehr leisten“, sagt ein grauhaariger Mann mit schiefem Brillengestell. Der Mathematikprofessor verdient nach 30 Jahren Berufserfahrung nur 400 Euro pro Monat.

„Der Krieg hat uns zu Bauern gemacht“

Gegen 13 Uhr sind die Gemüsetürme schon deutlich geschrumpft – auch beim Standnachbarn Vlada Vozar. Er ist mit 20 Hektar der größte Bio-Bauer in Serbien. „Ich bin zufrieden mit dem Verkauf, in den letzten Jahren hat sich die Nachfrage verdreifacht“, erzählt Vozar. Er beschäftigt etwa 30 Mitarbeiter. Sogar Lebensmittel-Giganten wie Metro, Idea und Univerexport wollen seine Bioprodukte in ihr Sortiment aufnehmen. Allein, der Familienbetrieb schafft es nicht, die für Supermärkte nötigen Mengen zu liefern. Doch vom Expandieren will Vozar erstmal die Finger lassen, zu unberechenbar sind die staatlichen Subventionen, die oftmals geringer als angekündigt ausfallen.

Auch Nada Letic und ihr Mann Dejan wissen, dass sie viel mehr Bioprodukte verkaufen könnten. Doch sie scheuen vor einem Kredit zurück, mit dem sie ihre Anbaufläche von 3.500 auf 4.000 Quadratmeter erweitern könnten. Außerdem misstrauen sie dem Staat, der sich zwar offiziell die Förderung des Ökolandbaus auf die Fahnen geschrieben hat, aber in der Praxis die Bio-Pioniere ziemlich allein lässt. „Es gibt keine Fachberater für den Ökolandbau“, bedauert Dejan. Gleichzeitig sei es verboten, Samen und zugelassene Pflanzenschutzmittel aus der Europäischen Union einzuführen, kritisieren sie – weil diese nicht von serbischen Behörden zugelassen wurden. Gleichzeitig ist die Registrierung von eigenen Samen mit 10.000 Euro pro Sorte zu teuer für einheimische Biobauern.

Viel erwarten die beiden ohnehin nicht vom Staat. Schließlich sind sie aufs Land gezogen, um nichts mehr mit der Politik zu tun zu haben, erzählt Nada: „Eigentlich hat uns der Krieg erst zu Bauern gemacht“. 1991, als der Krieg begann, brachen sie und ihr heutiger Mann ihr Studium ab und zogen in das Dorf Cenej in der Nähe von Novi Sad. „Mein Mann wollte auf keinen Fall eingezogen werden, ein Teil seiner Familie kommt aus Dubrovnik in Kroatien“.

Es gab kaum Lebensmittel zu kaufen, also begann das frisch verheiratete Paar, selbst Kartoffeln, Möhren und Tomaten anzubauen. So wie es schon die Eltern und Großeltern in ihrem Garten getan hatten: Ohne Dünger, ohne Pestizide, mit Schaufel und Harke. Erst die Familie Vozar, die schon 1989 damit begonnen hatte, erzählte ihnen vom Ökolandbau.

Heute gehören die Familien Vozar und Letic zu den wenigen zertifizierten Bio-Bauern in Serbien. Zwar wächst die Fläche, auf der Bio-Lebensmittel erzeugt werden. Doch bei vier Millionen Hektar Agrarland in Serbien machen sie nur einen Bruchteil aus.

Serbische Bioprodukte sind bisher nur selten in deutschen Regalen zu sehen. Für private Zwecke allerdings finden die süßen Tomaten und zarten Erbsen schon längst ihren Weg nach Deutschland, erzählt eine Kundin augenzwinkernd: „Meine Tochter, die an der Berliner Charité ihren Doktor macht, isst nur Biogemüse von hier. Ich schicke ihr regelmäßig eine Reisetasche voll mit dem Autobus“.


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