Brot und Spiele in Donezk
Freitagnachmittag, 15.30 Uhr, Schichtwechsel in der Zeche Oktjabrski im ostukrainischen Donezk. Die ausgefahrenen Arbeiter sitzen auf Holzbänken vor der Waschkaue, rauchen und schweigen. Andere trinken Schnaps und versuchen zu scherzen. Es sind kräftige Männer mit müden Augen. In ihren Lidern hat sich Kohlenstaub festgesetzt. Die schwarzen Ränder heben sich schroff von den fahlen Wangen ab. Im grellen Licht der Frühlingssonne wirken die Gesichter weiß wie Kalk.
Von der Zeche führt ein kurzer Weg zu einer Wendeschleife. Busse warten dort auf die Arbeiter. Es ist die Endstation aller Linien, die nach Oktjabrski hinausfahren. Nicht nur das Bergwerk heißt so. Auch der Stadtteil im Nordwesten von Donezk ist nach der Oktoberrevolution benannt. Doch längst ist das sowjetische Experiment gescheitert. Die einstige Vorzeigegrube Oktjabrski gehört heute dem unabhängigen ukrainischen Staat. Und sie ist nahezu bankrott. Seit zwei Monaten warten die Arbeiter auf ihren Lohn. Wenn das Geld kommt, werden es umgerechnet kaum 400 Euro sein.
Oktjabrski ist nicht irgendein Stadtteil in Donezk. Rinat Achmetow ist dort aufgewachsen. Sein Vater war ein einfacher Kumpel. Der Sohn ist mit seinen 45 Jahren und einem Vermögen von 13,7 Milliarden Euro der reichste Mann der Ukraine. Für 300 Millionen hat Achmetow im Zentrum die Donbass-Arena bauen lassen. Im Juni werden dort fünf Spiele der Fußball-Europameisterschaft ausgetragen. Doch an diesem Freitag interessiert das in Oktjabrski niemanden. 24 Stunden sind es noch bis zum Spiel der Spiele. Gegen Dynamo Kiew kämpft Schachtar Donezk um die Meisterschaft. Auch der Verein gehört Achmetow. Er ist der Stolz der Region.
Der Weg zum Stadion führt in eine weite Senke. Die spitzen Hügel alter Abraumhalden durchbrechen den Horizont. Parkanlagen umgeben die Arena mit ihrer Glasfassade. Wenn es dunkel wird, leuchtet die Außenhaut bläulich-violett wie ein Diamant. 45 prunkvolle VIP-Lounges gibt es hier. Joe Palmer ist dennoch davon überzeugt, dass dies „ein Stadion für die Menschen ist“. Der Brite ist Marketingdirektor bei Schachtar und will „eine Vision für den Verein entwickeln.“
Der junge Mann Mitte dreißig arbeitet hart dafür. Er sitzt in einem kleinen Büro unter dem Dach der Arena und organisiert in Eigenregie ein Fanfest für den Sonnabend. Vor dem Schlager gegen Kiew will er einen Heißluftballon aufsteigen lassen. Bergarbeiter aus den Kohleminen der Achmetow-Holding System Capital Management erhalten Freikarten. „Schachtar ist für die Menschen da“, wiederholt Palmer.
Hinter der Strategie steht ein Masterplan. „Achmetow will sich und sein Geld reinwaschen“, sagen jene, die es wissen können und nicht genannt werden möchten. Der Multimilliardär sponsert nicht nur Schachtar. Er hat eine Stiftung ins Leben gerufen, die krebskranken Kindern hilft und ukrainische Künstler unterstützt. „Er tut viel Gutes. Und er ist hiergeblieben. Er atmet die gleiche miserable Luft wie wir“, sagen die Menschen auf der Straße. Sie verehren ihn.
Über den Städten des Donbass, wie das Kohlerevier Donezbecken kurz heißt, hängt meist zäher Smog. Der Rohstoffreichtum lockte einst die Schwerindustrie an. 36 Millionen Tonnen Stahl produzieren die Hütten im Donbass jährlich. 40 Millionen Tonnen Kohle werden gefördert. Die moderneren Werke gehören Achmetow. Doch seine SCM-Holding umfasst auch Investmentfirmen, Telekom- und Medienunternehmen. Im vergangenen Jahr kaufte Achmetow für 156 Millionen Euro die teuerste Wohnung Londons – als Geldanlage, denn der rotblonde Moslem mit den tatarischen Wurzeln lebt lieber in Donezk und atmet die dreckige Luft, in der er groß geworden ist.
Rückblick: In Oktjabrski beginnt der junge Achmetow seine Karriere als Boxer. Als die Sowjetunion zerfällt, gründet er eine Bank. Es ist die Zeit, in der die berüchtigten Oligarchen das Volkseigentum unter sich aufteilen. Oktjabrski gilt in den 90er Jahren als Zentrum der ostukrainischen Mafia. Achmetow steigt zur rechten Hand des Donezker Paten Achat Bragin auf. 1995 explodiert unter dessen Sitz im alten Schachtar-Stadion eine Bombe. Sein Zögling, der sonst kein Spiel versäumt, ist diesmal nicht auf der Tribüne. Achmetow übernimmt das Bragin-Imperium, inklusive des Fußballvereins.
„Heute ist SCM ein hoch professionell gemanagtes Unternehmen. Achmetow stellt sich europäisch auf. Schachtar und die Stiftung sollen ihm zu Ansehen verhelfen“, sagt einer, der den Oligarchen aus der Nähe beobachtet. Unter Achmetow wird Schachtar zum Serienmeister. Großen Anteil daran haben brasilianische Spieler, die er kauft. Der Aufstieg des Klubs festigt Achmetows Position in Donezk, jener Stadt, aus der auch Staatspräsident Viktor Janukowitsch stammt. Achmetow unterstützt und finanziert ihn seit Langem.
„Fußball ist für die Menschen in Donezk eine Religion“, sagt Marketingchef Palmer. Und so strömen an diesem Sonnabend auch jene blassen Männer ins Stadion, deren Lohntüte zuletzt leer blieb. Es ist ein kühler Frühlingstag, an dem Schachtar und Dynamo um die Meisterschaft kämpfen. Auf der Tribüne muss dennoch niemand frieren. Unter dem Stadiondach sind 550 Infrarot-Heizstrahler angebracht. „Im Winter kann es in der Ostukraine eisig werden“, erklärt Palmer. Bei Schachtar aber sollen die Menschen die Kälte des Landes nicht spüren.
Der Stadionsprecher heizt den Fans mit martialischen Rufen zusätzlich ein. „Dies ist eine Schlacht“, tönt er. Über die Videoleinwände flimmert eine Werbung, die zwei römische Gladiatoren zeigt. Wild zum Kampf entschlossen, starren sie einander in die Augen. Der Videoclip enthüllt ungewollt das Machtprinzip des Oligarchen. Brot und Spiele bietet er den Menschen im Donbass – eine Stiftung und einen Fußballverein. Dafür akzeptieren sie seinen Reichtum.
Viele Zuschauer rüsten sich mit Bier für die Schlacht. In Viererträgern schleppen sie Plastikbecher herbei. Flaschen, die als Wurfgeschosse dienen könnten, sind verboten. Warum das so ist, wird schnell nach dem Anpfiff klar. 53.000 Zuschauer schreien wie im Tollhaus. Die Männer in ihren schwarzen Lederjacken schleudern ihre Fäuste in die Luft. Wut und Freude beleben ihre farblosen, zerfurchten Gesichter.
Am Abend werden diese Männer wieder hinausfahren in den Stadtteil Oktjabrski, dorthin, wo alle Buslinien enden. Am Montag werden sie wieder vor der Zeche stehen, rauchen und trinken. Bleich werden sie sein, ihre Lider kohlenschwarz. An diesem Samstag aber in der Donbass-Arena ist die Müdigkeit für 90 Minuten aus ihren Augen verschwunden. Schachtar gewinnt 2:0 und wird zum siebten Mal ukrainischer Meister.