Ukraine

Im Visier der Hotelmafia

Das Hotel „Victoria” in Charkow ist kein Luxuspalast. Ein Zimmer in dem Drei-Sterne-Hotel kostet 80 Euro. Während der Fußball-Europameisterschaft jedoch langt das „Victoria” kräftig zu: 300 Euro sollen Gäste im Juni für eine Übernachtung zahlen.

In der Ukraine ist ein Kampf um die Hotelpreise entbrannt. Einige Hotels wollen ihre Preise erst kurz vor der EM bekannt geben, viele haben sie bereits verdoppelt. Doch dahinter steckt mehr als nur die Hoffnung einiger Gastwirte auf das große Geld. In der Ukraine liefern sich kriminelle Banden einen Hotelkrieg. Zwischen die Fronten der Mafia ist nun auch der deutsche Reisekonzern TUI geraten.

Ende Februar stürmten mit Knüppeln bewaffnete Männer das Kiewer Hotel „Slawutitsch“. Sie besetzten die Lobby und verprügelten Angestellte. „Wir sind gekapert worden“, hieß es kurz darauf auf der Internetseite des Hotels. Eigentlich hatte TUI die 400-Zimmer-Bettenburg für die Fußball-EM gebucht. Nach der feindlichen Übernahme ließ das Hotel den Vertrag mit TUI platzen. Seitdem haben sich die Zimmerpreise im „Slawutitsch“ verdoppelt. Hinter dem Überfall soll die russische Luschniki-Bande stecken, die mit zahlreichen Morden in Verbindung gebracht wird.

Gewaltsame Firmenübernahmen, so genannte Raider-Attacken, sind in der Ukraine keine Seltenheit. Im Januar erst übernahmen Raider das „Turist“, eines der größten Hotels in Kiew. „Ich kam gerade aus dem Urlaub zurück, da stürmten Schlägertypen die Büroetage“, berichtet Michailina Horozowa. Die 36-Jährige damalige Hoteldirektorin rief die Polizei und konnte die Angreifer vertreiben. Trotzdem wechselte einige Tage später der Besitzer. Wer der neue Inhaber ist, weiß Horozowa bis heute nicht. Sie wurde nach der feindlichen Übernahme gefeuert. Der Reiseveranstalter TUI habe 380 Zimmer im „Turist“ gebucht, berichtet die Ex-Managerin.

Horozowa erklärt, wie die Übernahmen ablaufen: „Zuerst werden Büros besetzt und Firmenpapiere gestohlen. Später fließt Schmiergeld an Gerichte und Behörden, die den Angreifer als neuen Eigentümer bestätigen.“ Auch das Kiewer Hotel „Mir“ ist ins Visier der Hotelmafia geraten. „Ein Angriff steht kurz bevor“, fürchtet Chef Wassili Kulko. Zum Schutz hat er Wachleute vor dem Eingang postiert, grimmige Männer in Militär-Tarnanzügen.

TUI ist im Auftrag der Uefa exklusiv für die Unterbringung der Fans in der Ukraine zuständig. Der Reiseveranstalter soll genug Unterkünfte finden und diese günstig anbieten. Alle Luxushotels sind bereits für Uefa-Funktionäre und Mannschaften reserviert. Für Fans hat TUI alle Drei-Sterne-Hotels in den Austragungsorten Kiew, Charkow, Donetsk und Lemberg gebucht. Insgesamt über 14.000 Zimmer – zu den bis vor wenigen Monaten üblichen niedrigen Preisen. Kurz vor der EM wollen dutzende Hotels aus den Verträgen aussteigen und die Preise in die Höhe schrauben, berichten zwei TUI-Mitarbeiter in Kiew. Ein Sprecher von TUI Travel bestätigt, dass es Probleme gibt, jedoch nur mit „einer kleinen Anzahl“ von Hotels.

Hotelexpertin Horozowa glaubt, dass das Problem weit größer ist. „Ich denke, dass 20 bis 30 Prozent der von TUI gebuchten Hotels aus den Verträgen heraus wollen“, sagt die resolute Frau. Ein französischer Uefa-Mitarbeiter in Kiew bestätigt: „Es herrscht große Verwirrung auf dem Markt.“ In Charkow, wo Deutschland am 13. Juni gegen die Niederlande antritt, ließen bereits elf Hotels ihre Verträge mit TUI platzen. Die Preise haben sich mehr als verdreifacht. TUI schreckt offenbar davor zurück, abtrünnige Hotels zu verklagen, berichten die beiden TUI-Mitarbeiter, die ihre Namen nicht nennen wollen. Denn die Justiz in der Ukraine ist korrupt und die Erfolgsaussichten einer Klage sind gering.

Kurz vor der EM hoffen immer mehr ukrainische Hoteliers auf den großen Reibach. Wie das Hotel „St. Petersburg“ in Kiew. Die Zwei-Sterne-Herberge wurde seit Sowjetzeiten nicht renoviert und steht auch nicht bei TUI unter Vertrag. Normalerweise kostet ein Zimmer im „St. Petersburg“ 60 Euro pro Nacht. Reservierungen sind jederzeit möglich, nur nicht für die Zeit während der EM. „Weil wir unsere Preise erst kurz vorher festlegen“, heißt es an der Rezeption.

Michailina Horozowa sieht die Schuld für die Preisexplosion nicht nur bei den Hotels. „Die Betreiber stehen unter Druck, weil sie von Behörden erpresst werden.“ Ein gewöhnliches Hotel müsse regelmäßig Schmiergeld an die Stadtverwaltung zahlen. Andernfalls könnten die Behörden das Hotel wegen angeblicher Verletzung von Auflagen schließen. „Korrupte Beamte wollen ebenfalls abkassieren“, fügt sie hinzu.


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