Ukraine

Rummel um Gaddafis Krankenschwester

„Lasst mich in Ruhe“, ruft die Frau mit der blauen Jeans, der schwarzen Lederjacke und der Dior-Sonnenbrille. Seit Tagen wird Galina Kolotnizkaja von Reportern verfolgt. Die Ukrainerin war mehr als acht Jahre lang Leibkrankenschwester von Libyens Revolutionsführer Gaddafi und soll zu seinen engsten Vertrauten gehört haben. Am Sonntag wurde die 38-Jährige mit einer Militärmaschine aus Libyen ausgeflogen, noch in der Nacht kehrte sie in ihre Heimatstadt Browary zurück. Dort wohnt sie gemeinsam mit ihrer Tochter Tanja und ihrer Mutter in der ersten Etage eines Backsteinhauses.

Schlagartig ist Kolotnizkaja ins Rampenlicht gerückt. Journalisten belagern ihr Haus, sie hoffen, dass die Krankenschwester Details über Gaddafi preisgibt. Kolotnizkaja traut sich zu Fuß nicht auf die Straße, zum Supermarkt fährt sie mit dem Taxi. „Galina ging nach Libyen, weil sie dort mehr verdient hat“, berichtet eine Nachbarin der Zeitung Komsomolskaja Prawda. Umgerechnet 2.000 Dollar würden Mediziner in Libyen verdienen, zehn Mal so viel wie in der Ukraine, schreibt die Zeitung. Mit Gaddafi soll Kolotnizkaja in Kontakt gekommen sein, weil den Diktator Atembeschwerden plagten. Nach einer Therapie habe er sie zu seiner persönlichen Krankenschwester gemacht. Laut den auf der Online-Plattform WikiLeaks veröffentlichten US-Depeschen soll Kolotnizkaja Gaddafi auf allen Auslandsreisen begleitet haben, nur sie habe seine „Routinen“ gekannt.

Laut den US-Depeschen sei die üppige Blondine angeblich die Geliebte des libyschen Revolutionsführers gewesen. „Das stimmt nicht“, sagt Kolotnizkajas Mutter. „Hören sie auf, Lügen über meine Tochter zu verbreiten“, ruft sie den Journalisten zu. Die Zeitung Segodnja berichtet, das Kolotnizkaja nie wieder nach Libyen zurückkehren wolle.

Interviews gibt Kolotnizkaja nicht. Journalisten vermuten, dass sie dies allerdings nicht ganz freiwillig ablehnt, sondern dass der ukrainische Geheimdienst die Krankenschwester zuerst befragen wolle. Auch darüber hinaus war die Ukraine anscheinend eng mit Gaddafis Regime vernetzt. So wurde bekannt, dass die libysche Armee möglicherweise ukrainische Waffen gegen Demonstranten einsetzt. Vor allem Kalaschnikows seien laut Medienberichten an Libyen geliefert worden. Laut dem Stockholmer Zentrum für Friedensforschung war Libyen zwischen 2004 und 2007 der drittgrößte Abnehmer ukrainischer Waffen. Der ehemalige Direktor des ukrainischen Geheimdienstes, Valentin Nalywaitschenko, bestreitet dies. „Wir haben nur technisches Zubehör und Maschinen exportiert“, sagte er dem Fernsehsender Kanal Fünf.

Ukrainische Medien spekulieren darüber hinaus, ob die Proteste in Libyen auf die Ukraine überschwappen könnten. Denn auch in der Ukraine wird die Opposition seit dem Amtsantritt des pro-russischen Präsidenten Viktor Janukowitsch massiv unter Druck gesetzt. Mitglieder der früheren Regierung sitzen im Gefängnis, demokratische Reformen der „Orangenen Revolution“ wurden weitestgehend rückgängig gemacht.

Trotzdem glaubt Ostap Krywdyk, Journalist der Zeitung Ukrainska Prawda, nicht daran, dass es in der Ukraine ähnliche Proteste wie in der arabischen Welt geben wird. „Die Ukraine ist nicht Libyen“, sagt Krywdyk. Die Ukraine sei politisch gespalten. Im Westen des Landes ständen die Menschen der Regierung kritisch gegenüber. Im Osten der Ukraine habe Janukowitsch aber viele Unterstützer. „Im Gegensatz zu Gaddafi wurde Janukowitsch frei gewählt.“

„Wir sind nicht Arabien“, titelte gestern die regierungsnahe Zeitung Segodnja. Die Zeitung nennt Gründe für und gegen eine Protestbewegung ähnlich wie in Libyen. Dagegen spräche, dass die Opposition nicht geschlossen auftrete. Die ehemalige Ministerpräsidentin Julia Timoschenko schaffe es nicht, eine breite Protestbewegung hinter sich zu vereinen. Jedoch könne die angespannte soziale Lage die Menschen auf die Straße treiben. Dem stimmt der Journalist Krywdyk zu. „Die Preise für Lebensmittel, für den Nahverkehr und die Kommunalabgaben sind in den vergangenen Monaten stark gestiegen“, erläutert er. „Darüber sind die Menschen sehr verärgert.“


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