Nackter Protest gegen EM-Vorschriften
„Mein Balkon gehört mir“, kreischen die jungen Frauen. Bei minus fünf Grad stehen Alexandra, Inna und Xenia halbnackt auf dem Balkon eines Hauses an der Kiewer Hauptstraße Kreschtschatik. Fußgänger bleiben stehen, blicken erstaunt nach oben. Die Frauen der Organisation Femen halten Plakate in die Luft. „Dass Euch der Balkon nicht auf den Kopf fällt“, steht auf einem geschrieben.
Femen-Aktivistin Inna protestiert auf dem Balkon eines Hauses in Kiew / Femen
Die Frauen protestieren gegen ein geplantes Gesetz der Kiewer Stadtverwaltung. In Zukunft soll es in der Vier-Millionen-Stadt verboten sein, mit nacktem Oberkörper auf dem Balkon zu stehend Kaffee zu trinken oder zu rauche, auch Wäsche und Gerümpel sollen verschwinden. Mit dem Gesetz will die Stadtverwaltung das Erscheinungsbild der ukrainischen Hauptstadt aufpolieren. Im Sommer 2012 findet in Polen und der Ukraine die Fußball-Europameisterschaft statt, Kiew ist einer der Austragungsorte. Der Kiewer Chefarchitekt Sergej Zelowalnik befürchtet, dass sich die Einwohner vor den Augen tausender Fans und Touristen entblößen und dadurch dem Image der Stadt schaden werden. Deshalb soll das Gesetz vor allem im Umkreis von 500 Metern um das Kiewer Olympiastadion und auf allen Hauptstraßen gelten. „Wir werden Unsummen ausgeben, um die Häuserfassaden zu renovieren“, sagt Zelowalnik. „Stellen Sie sich dann Onkel Wassja in Unterhosen auf dem Balkon vor, zusammen mit dem ganzen Gerümpel“, rechtfertigt der Chefarchitekt das Balkon-Verbot.
„Das Gesetz erinnert an Sowjetzeiten“, sagt Femen-Aktivistin Alexandra Schewtschenko. „Damals musste bei großen Ereignissen auch alles schön geschmückt sein“, ergänzt die 22-jährige Studentin. Xenia Schatschko, ebenfalls Mitglied der Frauenorganisation, glaubt nicht, dass das Gesetz mit dem Recht auf Privatsphäre vereinbar ist. „Die Polizei kann die Leute doch nicht zwingen, ihre Wäsche vom Balkon zu nehmen.“
Protest vor dem Hauptbahnhof in Kiew. Femen-Aktivistin Xenia (links) fordert die Entmachtung von Präsident Janukowitsch. Der hatte sich auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos sexistisch über ukrainische Frauen geäußert / Femen
Femen macht seit Jahren mit schrillen Aktionen auf umstrittene Themen aufmerksam. Einmal bewarfen sich die Frauen auf offener Straße mit Schlamm, um gegen die „politische Schlammschlacht“ in der Ukraine zu protestieren. Im vergangenen Jahr postierten sie sich „oben ohne“ vor dem Regierungssitz. Die Aktion richtete sich gegen frauenfeindliche Äußerungen von Ministerpräsident Mykola Asarow. Frauen seien nicht fähig, ein Land zu regieren, hatte der Politiker zuvor gesagt und damit auf Oppositionsführerin Julia Timoschenko angespielt.
„Mit der jetzigen Regierung stehen wir auf Kriegsfuß“, sagt Femen-Mitglied Inna Schewtschenko. Schon öfter landeten die Aktivistinnen nach Protestaktionen im Gefängnis. Anna Hutsol, die Leiterin von Femen, wurde im vergangenen Jahr sogar vom Geheimdienst aufgesucht.
Besonders wütend sind die Frauen auf Präsident Viktor Janukowitsch. Das Staatsoberhaupt wollte auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos Werbung für die Fußball-EM machen und Touristen mit den Reizen ukrainischer Frauen ins Land locken. Wenn es im Sommer warm werde und die Frauen sich ausziehen, sei eine Reise nach Kiew besonders schön, sagte Janukowitsch vor Wirtschaftsbossen aus aller Welt. „Mit solchen Äußerungen degradiert er Frauen zu Objekten und lockt tausende Sextouristen in unser Land“, schimpft Femen-Aktivistin Xenia.
Femen hat sich zwei EM-Maskottchen ausgedacht. Blyadek und Blyadko sind Parodien auf die offiziellen Maskottchen Slavek und Slavko / Femen
Zehntausende Fans werden zur Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine erwartet. Nicht alle, befürchtet Femen, würden sich nur für Fußball interessieren. „Wir warnen Ausländer, dass Prostitution in der Ukraine verboten ist“, sagt Inna. Mit einer satirischen Aktion macht Femen auf Probleme wie Sextourismus und Aids aufmerksam. Die Frauen dachten sich zwei EM-Maskottchen aus, die symbolisch für den polternden Fußball-Fan stehen. Die Maskottchen tauften sie auf die Namen Bljadek und Bljadko – eine Parodie auf die offiziellen Maskottchen Slavek und Slavko. „Bljad“ ist das russische Wort für „Nutte“. „Blyadek und Blyadko saufen Bier, grölen und sind ständig auf der Suche nach Prostituierten“, erklärt Inna. „Solche Fans wollen wir nicht haben."