Skandal im Kiewer Zoo
Die Todesliste ist lang: Ein Bison, ein Kamel, ein asiatischer Schwarzbär und ein mongolisches Wildpferd sind in den vergangenen Monaten im Kiewer Zoo gestorben. Ivan, der zwanzig Jahre alte sibirische Tiger, kam im Februar ums Leben. Granta, das Zebra, brach sich im März das Genick. Für Entsetzen sorgte der Tod des 39 Jahre alten Elefanten Boy. Der Dickhäuter war ein Geschenk des Kiewer Bürgermeisters an den Zoo. Er starb am 26. April unter ungeklärten Umständen.
Wer ist verantwortlich für die Todesfälle? Die Zooverwaltung behauptet, ein mysteriöser Killer habe die Tiere auf dem Gewissen. Doch Tierschützer haben einen anderen, schlimmeren Verdacht. Sie vermuten, die Tiere seien Opfer skrupelloser Geschäftsleute, die mit der Zooverwaltung unter einer Decke stecken.
Der Kiewer Zoo galt in der ehemaligen Sowjetunion als Prestigeobjekt. Heute ist das Gelände teilweise verwildert, die Gehege sind verwahrlost. Affen kauern in kleinen Metallkäfigen auf dem nackten Beton. Im Raubtierkäfig streift ein abgemagerter Tiger hin und her. Zur Fütterungszeit kommt ein Pfleger vorbei und wirft den Tieren tote Küken zu. Laut Aussage von Tierschützern und ehemaligen Mitarbeitern leiden die Tiere unter mangelnder Pflege und Ernährung. Bis vor kurzem hätten zwei Giraffen in einem viel zu kleinen Käfig leben müssen, ohne ausreichend frische Luft und Bewegung. Wegen der Zustände wurde der Kiewer Zoo 2007 aus dem Europäischen Zooverband ausgeschlossen. “Früher waren wir stolz auf unseren Zoo”, klagt Jana Grushko, eine Besucherin. “Sehen Sie nur, wie es heute hier aussieht.”
Zoodirektorin Svetlana Berzina macht für die Todesfälle einen Einzeltäter verantwortlich. Jemand hätte Elefant Boy mit vergifteten Eiern gefüttert. Mitte Mai waren zwei Yaks, zentralasiatische Grunzochsen, schwer erkrankt. Veterinäre retteten ihnen in letzter Minute das Leben. Auch in diesem Fall soll Gift im Spiel gewesen sein. Ein Unbekannter hätte vergiftetes Futter in das Gehege geworfen, behauptet die Zooverwaltung. Hinter den Mordanschlägen, meint Direktorin Berzina, stecke ein “Konkurrent”, der es auf ihren Posten abgesehen habe und ihrem Ruf schaden wolle.
Andere bezweifeln diese Version. “Im Körper des Elefanten haben wir kein Gift gefunden”, sagte ein Sprecher der Kiewer Polizei. Ehemalige Angestellte werfen der Zooverwaltung vor, sie selbst sei schuld am Tod des Elefanten. Boy sei an Unterernährung, miserabler Pflege und an Stress gestorben. “Der Elefant lebte in einem 24 Quadratmeter großen Käfig auf nassem Boden”, sagt Aleksander Nikolow, ein ehemaliger Pfleger. Die Decke sei so niedrig gewesen, dass der Elefant seinen Rüssel nicht heben konnte. Das Heben des Rüssels ist eine natürliche Bewegung, vergleichbar mit dem Schwanzwedeln eines Hundes. Boy sei zudem völlig unterernährt gewesen, sagt Sergej Grigorjev, ebenfalls Ex-Tierpfleger im Kiewer Zoo. ”Am Ende konnte man seine Rippen sehen.”
Tierschützer vermuten, dass hinter den Todesfällen weder ein Geisteskranker noch Geldmangel stecken, sondern dass die Tiere absichtlich getötet werden. Elefanten, Zebras und Kamele seien Opfer in einem undurchsichtigen Spiel, in dem es um sehr viel Geld gehe. Drahtzieher seien Immobilienspekulanten, die es auf das Grundstück des Zoos abgesehen hätten. Denn der Zoo befindet sich in guter Innenstadtlage, am Prospekt Pobedij, einer der Hauptstraßen von Kiew. Eine profitable Adresse mit Quadratmeterpreisen zwischen fünf und zehntausend Dollar. Demnächst soll am Prospekt Pobedij ein Luxushotel entstehen, geplant als höchstes Gebäude der Stadt. “Wir reden hier über eine Millionensumme”, sagt Andrej Kapustin, von der Kiewer Tierschutzorganisation “Expertenrat”, die die Misshandlungen protokolliert hat.
“Seit drei Jahren gibt es einen Plan, den Zoo an eine andere Stelle zu verlegen”, erklärt Kapustin. Doch das Grundstück in Wyschgorod, einem Vorort von Kiew, ist zu klein, um alle Tiere unterzubringen. Geschäftsleute machten mit der Stadt- und Zooverwaltung gemeinsame Sache, um den Zoo absichtlich verwahrlosen zu lassen. Wenn der Tierbestand dezimiert sei, könne der Zoo verlegt werden und das Grundstück wäre frei. Andrej Kapustin hatte vor kurzem aufgedeckt, dass der Zoo genug finanzielle Mittel aus dem Haushalt der Stadt Kiew erhält. Das Geld reiche aus, um den Zoo instand zu halten. Es versickere jedoch in dunklen Kanälen.
Zoodirektorin Berzina bestreitet die Vorwürfe. “Der Zoo ist nationales Eigentum und steht unter dem Schutz des Staates”, sagte sie in der ukrainischen Presse. Nach dem Tod von Boy wurde Direktorin Berzina zwischenzeitlich suspendiert. Ein paar Wochen spatter war sie wieder im Amt.
André Eichhofer
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