HIV-Patienten werden diskriminiert
In Osteuropa breitet sich eine Aids-Epidemie aus. Die Vereinten Nationen schätzen dort die Zahl der HIV-Infizierten auf 1,5 Millionen. Nirgendwo auf der Welt steige die Rate der HIV-Infektionen so rasant wie in dieser Region, heißt es in einem Bericht der Kinderhilfsorganisation Unicef zum Auftakt der Weltaidskonferenz in Wien. Am schlimmsten betroffen ist die Ukraine. 1,6 Prozent der Bevölkerung sind in dem Land zwischen Karpaten und Krim mit dem HI-Virus infiziert, schätzt die Weltgesundheitsorganisation. Zum Vergleich: In Deutschland sind es etwa 0,1 Prozent. Allein in Odessa sollen 150.000 Menschen mit HIV infiziert sein.
Hilfsorganisationen wie das "Ukrainische Netzwerk der mit HIV infizierten Menschen" appellieren an die Regierung, das Problem ernst zu nehmen – doch es passiert wenig. Jetzt soll sogar eines der wichtigsten Aids-Therapiezentren des Landes geschlossen werden. In der so genannten Lavra-Klinik werden etwa 1.000 Kiewer Aids-Patienten behandelt. Das Krankenhaus besitzt die höchsten Standards in der Ukraine für die Behandlung von HIV-Patienten. 2002 wurde die Klinik vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan eröffnet. Das Therapiezentrum befindet sich neben einer Klosteranlage, der Kiewer Pecherskaya Lavra, und soll einem Luxushotel weichen. "Wir haben keine Erklärung für die Entscheidung der Regierung erhalten", sagt Dimitry Sherembey, Sprecher des Ukrainischen Netzwerkes HIV-Infizierter Menschen. "Wir haben erfahren, dass das Gebäude in ein VIP-Hotel für Gäste der Klosteranlage umgewandelt werden soll", ergänzt er.
Ein Sprecher des ukrainischen Ministerpräsidenten Mykola Asarow bestätigte vergangene Woche, dass die Regierung plane, die Klinik zu "verlegen". Das Gesundheitsministerium sei auf der Suche nach einem anderen Gebäude, heißt es.
Unter dem Slogan "Krankenhäuser verkaufen ist teuer", demonstrierten vergangene Woche HIV-Infizierte in Kiew, Odessa und Sewastopol gegen die geplante Schließung der Klinik. Patienten der Lavra-Klinik setzten sich als Zeichen des Protests auf Matratzen, die sie vor dem Regierungsgebäude in Kiew ausgelegt hatten. Unter den Demonstranten sind auch Katja und Maxim, beide sind HIV-positiv, beide werden derzeit in der Lavra-Klinik behandelt. "Nachdem bei mir Aids festgestellt wurde, habe ich meine Arbeit verloren", sagt Katja. In der Provinz habe man ihr nicht helfen können, deshalb sei sie nach Kiew gekommen. Viele HIV-Infizierte haben in der Ukraine mit Ausgrenzung und Diskriminierung zu kämpfen. "In Kleinstädten ist es besonders schlimm", erklärt Maxim. "Den Menschen wird die Behandlung verweigert, sie werden einfach ignoriert."
Neben Prostitution und Drogenmissbrauch ist eben Ignoranz und Unwissenheit ein Grund für die rasant steigende Aids-Rate in der Ukraine. Die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit hat deshalb eine Landesweite Aufklärungskampagne gestartet. Unter anderem wird in Kiew mit Werbeplakaten auf das Problem aufmerksam gemacht. Bisher ist allerdings fraglich, ob man mit dieser Kampagne die Menschen, und vor allem Politiker, erreicht. Eine Ärztin der Lavra-Klinik sagte vergangene Woche gegenüber ukrainischen Medien: "Wir haben auch sehr einflussreiche Menschen unter unseren Patienten. Sie tun alles, um ihren Status zu verbergen."