Komorowski auf dem Weg in den Präsidentenpalast
Ex-Präsident Alexander Kwasniewski hatte es geahnt. „Die Kür des neuen Bundespräsidenten in Deutschland war ja ganz spannend“, sinnierte er, zwei Tage bevor die Polen gestern ihr Staatsoberhaupt wählten. „Bei uns aber werden die Emotionen noch stärker hochkochen.“ Kwasniewski sollte recht behalten: Als nach der ersten Prognose Punkt 20 Uhr klar war, dass aller Wahrscheinlichkeit nach Bronislaw Komorowski, der Kandidat der regierenden rechtsliberalen Bürgerplattform, mit rund 53:47 Prozent der Stimmen neuer polnischer Präsident werden würde, da fielen sich in seinem Stab die Menschen in die Arme. Im Lager seines nationalkonservativen Kontrahenten Jaroslaw Kaczynski dagegen herrschte für Minuten blankes Entsetzen.
Dem Sieger kam die für polnische Verhältnisse hohe Wahlbeteiligung von mehr als 56 Prozent zugute. Lange war gerätselt worden, ob die Menschen mitten in der Ferienzeit und ohne die Möglichkeit einer Briefwahl überhaupt an die Urnen gehen würden. Gerade Komorowskis Anhänger aber stammen aus eher jüngeren und reisefreudigeren Gesellschaftsschichten. „Warum soll ich meine Stimme abgeben?“, fragte noch am Wahltag die 25-jährige Anna Szymanska. Dabei war sie in Warschau geblieben und nutzte das warme Sommerwetter, um im Lazienki-Park dem wöchentlichen Chopin-Konzert zu lauschen. Doch bei den meisten obsiegte am Ende das Verantwortungsgefühl. Auf dem Weg zur Wahlurne nach ihren Beweggründen für die Stimmabgabe befragt, antworteten fast alle: „Es ist eine wichtige Wahl.“
Tatsächlich ging es um eine Richtungsentscheidung. Der europafreundliche Komorowski hatte im Wahlkampf immer wieder betont, er werde das Land gemeinsam mit seinem Parteifreund Premier Donald Tusk weiter modernisieren. Ohne die Drohung mit dem Präsidentenveto können die beiden nun „durchregieren“. Kaczynski dagegen hatte angekündigt, er werde alle liberalen Reformansätze blockieren. Der Bruder des tödlich verunglückten Staatschefs Lech Kaczynski hofft nach seinem gestrigen Achtungserfolg auf einen Sieg bei der Parlamentswahl im Herbst 2011. „Vor uns liegen die nächsten Prüfungen. Verlieren ohne zu kapitulieren - das ist auch ein Sieg“, rief er am Abend seinen Anhängern zu.
Fest steht: Auf seine Partei und deren Sympathisanten kann Kaczynski fest zählen. Elzbieta Wlostowska und Tadeusz Waclawek etwa hatten schon bei Kaczynskis Wahlkampfabschluss prophezeit: „Er hat in seinem Leben schon so viele Niederlagen weggesteckt, dadurch gewinnt er nur weitere Führungskraft hinzu.“ Komorowski und Tusk dagegen würden „das Land schwächen“, sagten die beiden Mittfünfziger.
Der Warschauer Wirtschaftswissenschaftler Jakob Gora sieht das anders. Polen stehe ökonomisch derzeit gut da. Als einziges EU-Mitglied überhaupt hat das Land im Krisenjahr 2009 ein Wachstum erwirtschaftet. „Aber wir dürfen uns darauf nicht ausruhen“, mahnt Gora. Ohne einschneidende Reformen in den Sozialsystemen werde Polen über kurz oder lang wieder ins Hintertreffen geraten. Die Gefahr, dass es so kommt, ist nach der gestrigen Wahl geringer geworden. Allerdings werden Tusk und Komorowski nun zeigen müssen, dass sie den Mut haben, noch vor der Parlamentswahl 2011 Reformen anzupacken.