Ministerium empört über „Welt“-Artikel
KZ Majdanek als „ehemaliges polnisches Konzentrationslager“ bezeichnet / Außenministerium erwägt Klage gegen die Springer-Zeitung
(n-ost) - Das polnische Außenministerium erwägt eine Klage gegen die Springer-Zeitung „Die Welt“. Diese hatte in einem Artikel das Konzentrationslager Majdanek als „ehemaliges polnisches Konzentrationslager“ bezeichnet. „Radikale Mittel sind nötig, damit Begriffe wie 'polnische Konzentrationslager' nicht in ausländischen Medien erscheinen“, sagte der polnische Vizeaußenminister Ryszard Schnepf am Dienstagmorgen dem polnischen Radiosender TOK FM.Der Text „Asafs Reise um die Welt“ ist am Montag in der Printausgabe der „Welt“ erschienen. Darin war von einem Besuch israelischer Jugendlicher in dem ehemaligen Konzentrationslager Majdanek die Rede. Die Autorin verwendete dabei die Formulierung „ehemaliges polnisches Konzentrationslager“. Das Adjektiv „polnisch“ wurde in der Online-Version aus dem Text entfernt. Darunter wurde vermerkt, dass es sich bei Majdanek um ein deutsches Konzentrationslager handele, das die SS im besetzten Polen im Auftrag Heinrich Himmlers errichtet habe. Der Begriff „ehemaliges polnisches Konzentrationslager Majdanek“ sei falsch.Die polnische Botschaft in Berlin schickte gestern einen Protestbrief an die Redaktion der „Welt“.
Infokasten:
Majdanek war ein Konzentrationslager in Lublin in Südostpolen, errichtet 1941. Es existierte bis zur Befreiung durch die Rote Armee im Juli 1944. Gebaut als „Kriegsgefangenenlager“ diente Majdanek allerdings als Vernichtungslager für Juden, die in Gaskammern umgebracht worden sind. Der größte Massenmord in Majdanek ereignete sich am 3. November 1943. 16.000 bis 18.000 Juden wurden an diesem einen Tag erschossen.
Auch Historiker protestierten: „Es ist eine echte Frechheit, dass solche Begriffe ausgerechnet in einer deutschen Zeitung auftauchen“, sagte der Historiker Wojciech Roszkowski im polnischen Fernseh-Sender TVN24. Der Historiker Mirosław Piotrowski sagte, die Verwendung solcher Formulierungen führe nur zu einer Verfälschung der Geschichte. Die polnischen Medien widmeten sich dem Thema gestern ausführlich. Sie kritisierten, dass es in der Printversion der „Welt“ am Dienstag keine Berichtigung gegeben habe. Inzwischen hat sich die Redaktion der „Welt“ für den Fehler entschuldigt.Vizeaußenminister Schnepf schloss einen großen Prozess gegen die „Welt“ nicht aus. Er teilte mit, dass Außenminister Radoslaw Sikorski und Ministerpräsident Donald Tusk sich darüber einig seien. Das Ministerium habe sich bereits von einer Anwaltskanzlei beraten lassen. „Uns ist klar, dass eine Chance, einen solchen Prozess gegen einen Verleger zu gewinnen, sehr gering ist“, gab Schnepf zu. Als Argument für eine Zeitung stehe schließlich in einem solchen Fall immer die „Verkürzung“ als Erklärung. „Doch der mediale Wirbel, den so ein Prozess verursachen würde, würde vielleicht die Medien sensibilisieren, solche Begriffe in der Zukunft nicht mehr zu nutzen“, so Schnepf.Es ist nicht das erste Mal, dass ehemalige Nazi-Konzentrationslager auf polnischem Gebiet als „polnische Konzentrationslager“ bezeichnet worden sind. Im September protestierte die polnische Botschaft in Italien gegen einen Artikel in „La Reppublica“, in dem Auschwitz so bezeichnet wurde, im Mai intervenierte Außenminister Radoslaw Sikorski gegen den Begriff „polnische Vernichtungslager“, der im britischen „Tyron Courier“ erschienen war.
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