Ideologischer Kampf um Werften
(n-ost) – „36 Schiffe jährlich!” Alojzy Szablewski versinkt in Erinnerungen. In seiner Stimme hört man Stolz. „Alle zehn Tage ein riesiges Schiff. 17.000 Menschen arbeiteten hier, weitere Tausende in hunderten Firmen, die für uns produziert haben, in ganz Polen.“ Der 83-jährige Ingenieur zeichnet energisch mit den Händen in der Luft, wie die riesigen Schiffe aussahen. In die imaginären Rümpfe drängt sich die Schrift hinein, die den Eingang der Danziger Werft schmückt: STOCZNIA GDANSKA, Danziger Werft. Das Eingangstor zur symbolträchtigen Danziger Werft. Foto: Agnieszka HreczukMit diesem Ort ist das ganze Leben von Szablewski verbunden. Hier arbeitete er, hier führte er auch die Streiks in den Jahren 1970, 1980 und 1988. Streiks, die die Danziger Werft weltberühmt gemacht haben, Lech Walesa zu einem Helden und Polen zu einem demokratischen Land. Stolze Erinnerungen. Wer die Bilder von Menschenmengen, die wie Ameisen an den Schiffsteilen arbeiten, schweißen und hämmern, im Kopf hat, wird von der heutigen Danziger Werft enttäuscht sein.Gruppen von nicht mehr als einem Dutzend Arbeitern sind über die Werft verstreut. Links klopft der Hammer in Stahl, rechts wird ein LKW ausgeladen, woanders herrschen die schrillen Töne eines Schweißers. Auf dem Wasser zwischen der Werftinsel und dem Land überragt auf einer Rampe ein rostfarbener, mehrstöckiger Rumpf. Ein Schiff für einen ausländischen Auftraggeber. Ein Auftrag, auf den die Werftmitarbeiter genauso stolz sind wie auf viele andere Aufträge über viele Jahre hinweg.
Für den 83-jährigen Ingenieur Alojzy Szablewski ist die Danziger Werft sein Leben – dort arbeitete er, dort führte er Streiks. Foto: Agnieszka HreczukDie Danziger Werft ist am Ende. Billigere Konkurrenz aus Asien und veraltete Technologie schließen sie aus dem Wettbewerb aus. Heute hat die Werft 2700 statt 17.000 Beschäftigte. Sie liefert fünf statt 36 Schiffe jährlich. Und sie hat einen Haufen Schulden, der nur mit Regierungshilfe überbrückt werden kann. Ansonsten wäre die Werft schon längst pleite. Das betrifft auch die weiteren zwei Großwerften in Polen – die im nahe gelegenen Gdynia und in Stettin. Alle sind mit mehreren hundert Millionen Euro verschuldet.Das ist schwer zu glauben für die Werftarbeiter, denn sie sehen volle Auftragsbücher. Allerdings muss die Werft zu jedem Schiff etwas zuzahlen – aus der staatlichen Kasse. In Danzig beim letzten Auftrag aus Deutschland waren es etwa zwölf Millionen Euro. Die Produktionskosten sind höher als die Verkaufspreise. Jahrelang erlaubte die Regierung diese Situation. Der Grund war die Angst vor den Folgen einer weitreichenden Entscheidung. Es war die Angst, die alle Regierungen in Polen seit 1989 erfüllte, sowohl die linken als auch die rechten. Denn die Danziger Werft war auch unter Werften etwas besonderes. Sie ist nicht nur ein Unternehmen, sondern ein Symbol. Das dominiert die Diskussion über die Werftindustrie bis heute.„Hier vermischten sich schon immer Politik und Wirtschaft“, sagt Lech Walesa, ehemaliger polnischer Präsident und früher Werftmitarbeiter und Streikführer. Er weicht aus, wenn er nach der Zukunft der Werft gefragt wird. „Heute neigen viele dazu, über die Zukunft des Unternehmers nicht in ökonomischen, sondern in politischen Kategorien zu sprechen, auch wenn es sich allein um wirtschaftliche Probleme handelt.“
Der Streikführer von 1980 und spätere polnische Präsident Lech Walesa äußert sich ungern über die Zukunft der Danziger Werft. Foto: Agnieszka HreczukDamit ist bald Schluss. Bis zum 12. September muss Polen der EU einen vernünftigen Plan vorstellen, wie die Werften wieder rentabel werden können. Durch staatliche Subventionen haben sie Vorteile, die anderen europäischen Werften fehlen, so die Argumentation aus Brüssel. „Ungesunde Konkurrenz“, heißt es. Die Werften müssen deshalb ihre Produktionskapazität reduzieren. Ansonsten sind sie gezwungen, die Gelder, die sie aus Warschau bekommen haben, zurückzuzahlen. Allein bei der Danziger Werft wären das zwischen 200 und 400 Millionen Euro. Die Folge davon wäre der Konkurs.„Als Dank dafür, dass die Werft die Freiheit für Polen erkämpfte, wollen sie sie jetzt nicht retten“, schimpft Karol Guzikiewicz. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Solidarnosc in der Danziger Werft hat seine eigene Theorie. Er glaubt, dass seine Werft mit Absicht vernichtet wird. „Jemanden stört unsere Werft und ihre Vergangenheit“. Jemand wolle einfach das Grundstück haben, auf dem ein Teil der Werft steht, erzählt auch Andrzej Jaworski, bis 2007 der Vorstandvorsitzende der Danziger Werft.Um teilweise die Schulden abzuzahlen, wird das Grundstück tatsächlich verkauft. Ein modernes Wohnviertel solle hier entstehen, mit Appartements, Einkaufszentren, Hotels. „Mlode Miasto“, junge Stadt, soll es heißen. Die Transaktion habe viel Geld gebracht. Soweit die offizielle Version. Die Werftarbeiter sehen es als einen Angriff auf sich. Eine Verschwörung von „denen“: von der EU, den polnischen Politikern, den ausländischen Investoren. In der Werft zweifelt niemand daran, dass die westlichen Unternehmen auf diesem Weg die polnische Konkurrenz ausschalten wollten. Die Kaczynski-Brüder und ihre Partei Recht und Gerechtigkeit seien die einzigen gewesen, die etwas für die Werftmitarbeiter getan hätten, sagt Guzikiewicz. „Als einzige haben sie sich gegen die EU gestellt.“Die Werft könnte wieder gut laufen, ist indes der ukrainische Investor ISD Polska, ein Tochterunternehmen des ukrainischen Stahl- und Hüttenkonzerns Donbas, überzeugt. ISD Polska besitzt bereits die Danziger Werft, jetzt will das Unternehmen auch die Werft in Gdynia kaufen. Die Werften können rentabel sein, sagt der Pressesprecher Jacek Leski, doch nur dann, wenn die aus Danzig und Gdynia zusammenarbeiteten.Der Investor hat große Pläne: Stahlkonstruktionen zum Beispiel, die man in großen Mengen in Polen vor der Fußball-Europameisterschaft 2012 brauchen wird, etwa beim Stadionbau. Aber auch Teile für Windkrafträder, denn die Nachfrage nach erneuerbaren Energien werde ja in Europa wachsen, sagt Leski und verweist auf Statistiken der EU.Doch die Schiffe sollen der Produktionskern bleiben, versichert der Investor. Nicht irgendwelche allerdings. Damit hätte die Werft ja sowieso keine Chance – zu billig sind die Schiffe aus Asien. ISD Polska will deshalb auf die ganz moderne Sparte setzen: zum Beispiel seismische Schiffe, die Schelf, also den Meeresboden an den Küsten, erforschen. In diesem Bereich sei die Nachfrage groß und die asiatischen Werften könnten dabei mit Europa nicht mithalten. Alles das steht in dem Restrukturierungsplan, der nun in Brüssel vorgestellt wird.Der frühere Restrukturierungsplan ist vor mehreren Wochen durchgefallen. Die EU bezweifelte beispielsweise, ob die Erfahrung der Polen mit seismischen Schiffen ausreiche. Diese Zweifel sollen nun ausgeräumt werden. Die derzeitigen Schulden sollen vom polnischen Staat getilgt werden, der dafür rund 400 Millionen Euro bereitstellen will. Wenn das die EU akzeptiert, werden die Werften gerettet. Unabhängig von dieser Entscheidung will ISD Polska in Danzig bleiben.„Die Kraftwerktürme hätten sie gerne!“ Ironie in der Stimme von Guzikiewicz ist nicht zu überhören. „Und was noch? In der Werft sollen Schiffe gebaut werden“, nutzt er ständig das Argument der Investoren. Ohne Schiffe keine Werft, und ohne Werft gibt es kein Danzig, kann man zwischen seinen Worten hören. Stahlelemente bedeuteten einen sozialen und beruflichen Abstieg für die Werftmitarbeiter. Noch schlimmer – nach dem Zusammenschluss mit Gdynia würde die symbolträchtige Danziger Werft wohl ihrer junger Kollegin aus Gdynia untergeordnet werden.„In der Werft in Gdynia arbeiten 7.000 Menschen, in Danzig nicht ganz 3.000. Welche Werft würde dann bedeutender sein?“ Mit dieser Frage erklärt Łęski die Ängste der Danziger. Es gehe denen ums Prestige. Jahrelang gehörte die Danziger Werft zur Werft in Gdynia. Eine Erniedrigung in den Augen der Danziger Arbeiter. Doch dann versprachen die beiden Kaczynski-Brüder in ihrem Wahlprogramm, die Danziger Werft würde wieder unabhängig. Sie haben 2005 die Wahl gewonnen und 2006 ihr Wort gehalten. Die Politik hatte in der Werft wieder gegen die Ökonomie gewonnen. Die Kaczynskis wurden zu den einzigen Helden der Danziger Werft.„Die Werft ist ein Symbol des freien Polens. Es gäbe kein Europa ohne diese Werft”, schrie Jaroslaw Kaczynski, der ehemalige Ministerpräsident, am Dienstag vor der Werfttür, kurz vor der Entscheidung in Brüssel. Und an den Präsidenten der Europäischen Kommission gerichtet: „Herr Barroso, treffen Sie keine schlechte Entscheidung oder Sie erheben die Hand gegen Tausende von Menschen, gegen Polen und die ganze EU“.
Ein Denkmal erinnert an die während der Arbeiterunruhen von 1970 gefallenen Werftmitarbeiter. Die Unruhen wurden vom kommunistischen Staat blutig niedergeschlagen. Foto: Agnieszka HreczukAllerdings: Immer weniger Polen wollen dieses Symbol mit ihren Steuern finanzieren. Unterstützung für ihre Proteste finden die Gewerkschaften außerhalb der Werft kaum. „Die Werftmitarbeiter müssen letztlich verstehen, dass die Welt nicht im Jahr 1979, 1980 oder 1988 stehen geblieben ist“, sagt Michal Kruszynski, ein junger PR-Spezialist aus Danzig. „Das Leben geht weiter und kein Staat kann sich unrentable Unternehmen leisten. Die Arbeit der Werftmitarbeiter gehört der Vergangenheit an, jetzt braucht man Änderungen.“Und davon sieht man in Danzig nicht wenige. Wer nur ein paar Minuten an den Werftkränen entlangfährt, passiert die künftige Wohnsiedlung „Junge Stadt“, die die Werftarbeiter so ärgert. Dann gelangt man nach Letnica, in ein vergessenes Danziger Wohnviertel. Die alten Häuser wurden dort bereits dem Boden gleichgemacht, um Platz für Neues zu schaffen. Dort entsteht ein Stadion für die Euro 2012, die Baltic Arena. Ganz modern, im futuristischen Stil und mit goldener Farbe gebaut. Sie ist der Stolz der jungen Danziger und ihr Stadtsymbol in der Zukunft. Ein Symbol ist tot, es lebe ein Symbol.ENDENachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 259 32 83 - 0