Ukraine

Krimtataren werden zum Spielball

Bachtschissarei im Herzen der Krim ist das Zentrum der Krimtataren. Vor dem früheren Palast der Khane herrscht üblicherweise das fröhliche Treiben von Touristen und Markthändlern. Doch an diesem Tag ist alles anders. Auf dem Bildschirm eines Fernsehers im Café nebenan sind Bilder aus Südossetien zu sehen: Menschen, die sich über die Befreiung vom "georgischen Joch" freuen, Autos, die mit russischen Fahnen durch die Straßen von Zchinwali rasen. Aber auch abchasische Flüchtlinge in Notunterkünften. Plötzlich werden in Bachtschissarei alte Ängste wach. "Jeder von uns weiß, was es bedeutet, von Russen vertrieben zu werden", sagt Ali Khamsin.

Der ehemalige Palast der Khane in Bachtschissarei ist heute ein Touristenziel / Dörthe Ziemer, n-ost

Khamsin und die anderen Besucher des Cafés neben dem Khan-Palast sind Krimtataren. Tausende Kilometer sind sie vom Krisenherd im Kaukasus entfernt. Und doch spürt jeder von ihnen das feine Beben, das dieser Konflikt auslöst und ihnen den Boden unter den Füßen wegzuziehen droht. "Wer unsere Geschichte nicht kennt, wird nicht verstehen, was bei diesen Bildern in uns vorgeht. "1944 beschuldigte Stalin die Krimtataren der Kollaboration mit den deutschen Truppen und ließ das gesamte Volk in nur wenigen Tagen in unwirtliche Gebiete Usbekistans und Kasachstans deportieren. Die krimtatarische Sprache wurde verboten, die Autonome Republik der Krimtataren aufgelöst und alle Besitztümer ihrer einstigen Bewohner an Russen übergeben. Danach wurde systematisch Geschichtsfälschung betrieben, um bei den angesiedelten Russen und ihren Nachfahren die Erinnerung an die tatarische Geschichte der Krim auszulöschen.

1954 übergab der Ukrainer Nikita Chruschtschow im Zuge der Abrechnung mit Stalin die Krim für "immer und ewig" an die Ukraine. Doch die Tataren durften im Gegensatz zu anderen von Stalin vertriebenen Minderheiten nicht in ihre Heimat zurückkehren. Erst seit der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine kehren die Deportierten und ihre Nachfahren zurück. Inzwischen leben bereits wieder 250 000 Tataren auf der Krim, in den nächsten Jahren wird mit 50 000 weiteren Rückkehrern gerechnet.

Vor dem Khan-Palast verkaufen Krimtataren für Touristen Gebäck und Früchte / Dörthe Ziemer, n-ost

Für´s Foto schlüpfen Touristen im ehemaligen Khan-Palast in alte Kostüme / Dörthe Ziemer, n-ost

"Bisher leben wir mit unseren Nachbarn in Frieden. Aber wir wissen, dass viele Russen uns bis heute wie eine Art Besatzer betrachten, die Ansprüche auf ihr Land erheben", erzählt Ali Khamsin. "Die Russen haben aber nicht nur ein Problem mit der Rückkehr meines Volkes. Viele würden es begrüßen, wenn die Krim nicht zur Ukraine gehören würde. Sie wollen - wie einige Südosseten und Abchasen - zu Russland gehören." Diese unterschwelligen Stimmungen würden, so Khamsin, von Russland aus über die pro-russischen Behörden in einigen Teilen der Krim zielstrebig am Köcheln gehalten. "Aber was auch immer passiert, wir Krimtataren werden unsere Heimat in keinem Fall mehr hergeben. "Bei diesen Worten nicken einige Café-Besucher heftig.

Timur Kurshutov zieht eine Ausgabe von "Avdet" aus der Tasche, der wichtigsten krimtatarischen Tageszeitung. Das Titelbild zeigt einen verwüsteten krimtatarischen Friedhof. Das hat es in der jüngsten Vergangenheit immer wieder gegeben. Kurshutov: "Obwohl wir den Behörden Hinweise auf die Täter geben, ist bis heute niemand festgenommen worden. Und es scheint auch niemanden zu interessieren, dass es sich bei diesen Aktionen nicht um jugendlichen Leichtsinn handelt, sondern dass versucht wird, uns Krimtataren zu provozieren. "Wenn die Besucher des Cafés in Bachtschissarei deutsches Fernsehen empfangen könnten, hätten sie nur wenige Tage später folgenden Satz des ehemaligen russischen Diplomaten Igor Maximitschew hören können. Auf die Frage, ob nach Südossetien und Abchasien nun eine Annexion der Krim drohe, antwortete Maximitschew: "Nein, nur wenn wir von der Ukraine angegriffen werden.

"Vor dem Hintergrund solcher Äußerungen erscheinen die Ereignisse der letzten Monate auf der Krim in neuem Licht: Da werden krimtatarische Friedhöfe geschändet, ohne dass von den pro-russischen Behörden ernsthaft nach den Tätern gefahndet wird. Da verprügeln russische Skinheads vor Zeugen junge Krimtataren. Doch nicht die Täter, sondern die Opfer werden verhaftet. Und in Sewastopol verstößt das Flottenkommando der russischen Schwarzmeerflotte immer wieder gegen die mit der Ukraine geschlossenen Verträge. Als wolle es im Auftrag seiner Dienstherren im fernen Kreml ausloten, was möglich ist und was nicht.

Der Chefredakteur der tatarischen Zeitung "Avdet" Shewket Kaibulajew beobachtet die politischen Aktivitäten der russischen Schwarzmeerflotte seit langem. Sie hat noch bis 2017 laut Vertrag Bleiberecht auf der Krim. Russland würde die Verträge gern verlängern, der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko ist dagegen. Für Shewket Kaibulajew ist ganz klar. "In diesen exterritorialen Gebieten befindet sich das Zentrum der Kräfte, die versuchen, Zwietracht auf der Krim zu säen."

"Russische Gemeinde" nennt sich jene politische Gruppierung, die im Parlament der Autonomen Krim-Republik seit Jahren Widerstand gegen legitime Interessen der zurückkehrenden Krimtataren leistet und immer wieder durch chauvinistische Äußerungen ihrer politischen Vertreter auf sich aufmerksam macht.

"Es gibt viele Indizien dafür, das Gelder für die politische Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Ukraine über die Russische Flotte transferiert werden", sagt Sergej Kulik, Politologe am Sewastopoler Nomos-Institut für Schwarzmeerstudien. So lasse Russland die Zeitung der "Russischen Gemeinde", in der immer wieder separatistischen Tendenzen das Wort geredet und die Ukraine öffentlich beleidigt wird, in der Druckerei der Flotte herstellen. Mehr noch: Damit die Befehlswege kurz sind, habe man den Sitz der Gemeinde gleich im Flottenstab eingerichtet.

Seit Jahren bemüht sich die Volksvertretung der Krimtataren, die Medschlis, im Parlament der Ukraine um die Wiederherstellung ihrer alten Autonomen Republik, ohne dabei Erfolg zu haben. Zu groß war dort bisher die Angst vor einem möglichen krimtatarischen Separatismus. Russland hingegen, das die Krim 1783 von den Osmanen annektiert hatte, beobachtet mit Argusaugen die türkische Unterstützung für die Krimtataren. Denn mit finanzieller Hilfe des NATO-Staates werden auf der Krim offensichtlich nicht nur Schulen gebaut. Es gibt auch Gerüchte, dass islamische Organisationen für Neugeborene eine Art Kindergeld bezahlen.

Gleichzeitig hat der Widerstand der pro-russischen Politiker gegen die Rückkehr der Minderheit die Krimtataren zu engen Verbündeten der Zentralregierung in Kiew gemacht. Denn inzwischen hat auch Kiew erkannt, dass die Krimtataren die einzig nennenswerte politische Kraft auf der strategisch wichtigen Halbinsel Krim sind, die sich der pro-russischen Propaganda entgegenstellt. Eine Kraft, die im Bemühen um eine Annäherung an die Europäische Union und den NATO-Beitritt wichtig werden dürfte.

Inzwischen ist die neue Generation der Krimtataren wieder in der alten Heimat geboren worden / Antje Walther, n-ost

Angesichts der Georgien-Krise mehren sich nun die Stimmen in der ukrainischen Gesellschaft, die aus Angst um die Krim die Frage einer Autonomie der Krimtataren neu bewertet wissen wollen. Auch sie denken wie Ali Khamsin: "Was auch passiert, die Krimtataren werden ihre Heimat nie wieder hergeben."


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