EIN DORF KÄMPFT GEGEN AMERIKANER
(n-ost) - Die grünen Ortseingangsschilder gibt es in Polen überall. Doch nur an diesem Ort fotografieren sich wildfremde Leute mit dem Schild. "REDZIKOWO" (Reitz) steht darauf. Die Schnellstraße an diesem Ort ist gut ausgebaut, Autos rasen vorbei. Vor kurzem merkte niemand, dass sich eine Siedlung hinter der Baumzeile befindet. Bis dieses Redzikowo in Westpommern in die Weltpolitik einmarschierte - als Standort von amerikanischen Abfangraketen. "Und wieder sind wir berühmt", sagt der Arbeiter, der an der Straße die Gasrohre legt, ohne besondere Freude in seiner Stimme.Redzikowo war schon einmal berühmt. Wegen einer polnischen Jagdflugmilitärbasis. "Die beste Einheit in Polen", erzählen die Einwohner mit Stolz. "Wenn Piloten aus der ganzen Welt hier geübt haben, haben sie immer gesagt, so eine Basis und solche Piloten gebe es nirgendwo anders". Doch diese Zeiten sind vorbei. Die Basis wurde aufgelöst. "Damit die Amerikaner hier ihr Schild aufbauen können", ist ein pensionierter Offizier, heute Kioskbesitzer, überzeugt. Denn gleich nach den letzten internationalen Flugübungen 1993, erzählt er, erschienen in Redzikowo immer öfter Amerikaner. Sie schauten sich alles an, untersuchten den Boden.
Frisch saniert, in Pastellfarben angestrichen: die Siedlung von Redzikowo, die direkt neben der Militärbasis liegt. Foto: Agnieszka Hreczuk
"Finden sie einen besseren Platz?" - Der Kioskbesitzer bleibt als ehemaliger Militär pragmatisch. "Eine Landebahn haben sie hier, Gebäude auch, sogar ein super renoviertes Hotel, alles in der ehemaligen Militärbasis. Das Land ist dünn besiedelt, das Meer in der Nähe. Armee war hier schon immer. Früher Deutsche, dann wir Polen und jetzt Amerikaner". Rechts vom Kiosk, wo jetzt ein paar Tische stehen, zeigt der Kioskbesitzer Reste eines Freibades. "Noch aus deutschen Zeiten", erklärt er.Links steht das alte Wachhaus, auch von Deutschen gebaut, als hier die Luftwaffe stationiert war. Von hier aus flogen am 1. September 1939 Flugzeuge nach Polen. Und als sich die Geschichte drehte, nutzte Polen nach dem Krieg das Wachhaus. Bis Ende der Siebziger, als der Zaun abgebaut und nach hinten verlegt wurde, so dass die Siedlung nicht mehr für die Außenwelt versperrt war.Gefragt nach dem Standort für den Schild zeigt der ehemalige Offizier eine Siedlung. Dreistöckige Häuser in Pastellfarben: rosa, beige, zartgrün. Neue Fenster, Terrakotta am Eingang, neue Container zur Mülltrennung. Vor den Häusern wachsen Vogelbeerbäume und Rosen, stehen Bänke. Kinder auf Fahrrädern, junge Frauen mit Kinderwagen, Rentner mit Einkaufstaschen ziehen vorbei. Hinter dem letzten Wohnhaus versperrt ein Stacheldrahtzaun den Weg, ein Wachhaus der alten Militärbasis steht davor. "Eintritt verboten" steht auf der Tafel am Eingang."Und wieder werden wir zum Ziel" sagt Teresa, die ihren Nachnamen nicht nennen will. Ihr Wohnhaus klebt an dem Zaun. "Gerade vor einem Jahr haben wir die Häuser renoviert, aus unserer eigenen Tasche. Vorher sah es hier wie in Slums aus. Endlich sollten wir Ruhe und Komfort haben. Und jetzt?", fragt sie. "Hallo, du Star", wird sie ständig begrüßt, seitdem sie in mehreren Fernsehsendern zu sehen war.Statistisch gesehen wurde fast jeder Bewohner von Redzikowo in den Medien zitiert. Finnisch, arabisch, deutsch, kroatisch - zählen die Reitzer auf, von welchen Reportern sie in den letzten Tagen befragt wurden. Eigentlich haben sie die Nase längst voll. Besonders Teresa, deren Worte vollkommen verdreht wurden. "Ich habe gesagt, ich habe Angst vor dem Schild und will es nicht haben, genauso wie die anderen Bewohner. Und es kam dann so rüber, als ob ich Angst vor Russen hätte und den Schutz der Amerikaner wollte", erzählt sie empört. Deshalb redet sie nicht mehr mit Journalisten.Anonyme Umfragen zeigen, dass über 60 Prozent der 1500 Reitzer gegen den Schild sind. Doch wer mit den Leuten spricht, stößt auf Gleichgültigkeit und Resignation. "Unter sich sind alle Nachbarn gegen den Schild. Doch Fremden sagen sie es nicht", erzählt Teresa. Warum? Sie zuckt die Schultern. Gemeindevorsteher Mariusz Chmiel erklärt: "Hier leben noch viele Menschen, die selbst entweder für die Armee arbeiten oder Armeeangehörige in ihren Familien haben. Sie haben Angst, ihren Job aufs Spiel zu setzen." Chmiel ist inzwischen auch recht ratlos: "Die Angst der Leute ist oft irrational. Letztens hat mir jemand gesagt, ihm würde dann wohl die Rente gekürzt. Die Leute fürchten sich."Mariusz Chmiel ist ein ruhiger Mensch. Er spricht langsam. Oft streichelt er seinen grauen Schnurrbart, wenn er sich eine Antwort überlegt. Man sieht ihn selten anders als in einem Anzug. Ein vernünftiger, ausgeglichener Beamter. Doch der Schein trügt. Denn der 51-jährige Verwaltungschef wurde in ganz Polen als Kämpfer bekannt. Seit zehn Jahren ist er als Gemeindevorsteher für seine Region aktiv. Kämpft um eine neue Schule, Investoren, einen Aquapark. Doch dass sich der provinzielle Verwalter ausgerechnet gegen die größte Weltmacht stellt, damit hat kaum jemand gerechnet. Am wenigsten der Bürgermeister des benachbarten Slupsk und die polnische Regierung.
Gemeindevorsteher Mariusz Chmiel in Redzikowo. Foto: Agnieszka HreczukDass die Amerikaner mit den Menschen in Redzikowo Geschäfte machen werden, glaubt dort kaum jemand. "Sie werden wie in einem Ghetto unter sich leben", prognostiziert der Kioskbesitzer. "Sie werden bei uns nicht einmal ein Würstchen kaufen". Andrzej Kotlicki, der Vorsitzende des Siedlungsrates, glaubt den Grund zu kennen: "Aus Angst. Das haben uns Deutsche und Dänen erzählt, die hier Messungen für den Schild gemacht haben."
Andrzej Kotlicki, der Vorsitzende des Siedlungsrates. Foto: Agnieszka HreczukEs wird also keine wirtschaftlichen Vorteile geben. Noch schlimmer, fürchtet Andrzej Kotlicki: Investoren könnten aus der Region flüchten. "Wer baut sein Geschäft direkt bei einem Raketenschild?", fragt er, wissend, dass es darauf keine Antwort gibt. Deshalb fordert er, dass wenn sie schon mit ihren Raketen nach Redzikowo ziehen, die Amerikaner sich auch in der regionalen Wirtschaft engagieren müssten.Auch Chmiel stellt Forderungen. Jetzt, wo der Vertrag unterschrieben ist, erwartet der Gemeindevorsteher klare Entscheidungen und harte Verhandlungen mit Amerikanern. "Erschließung des Geländes, Ausbau der Infrastruktur und der Schnellstraße nach Danzig, Ersatzgebiete für die Slupsker Sonderwirtschaftzone, einen Geschäftsflugplatz, der ursprünglich aus dem Militärflughafen entstehen sollte", zählt Chmiel auf. "Wir wollen keine Zusatzvorteile, wie die Medien schreiben", betont er. "Nur das, was wir durch den Schild verlieren werden."Der Gemeindevorsteher spricht entschieden. Er lässt sich nicht so einfach unterkriegen. Als die Bürger in Redzikowo vor einem Jahr bei den Verhandlungen mit den USA von der damaligen Regierung Kaczynski ignoriert wurden, schrieb Chmiel direkt an die Amerikaner und wurde zu Gesprächen eingeladen. Ministerpräsident Kaczynski rügte Chmiel, der damalige Oppositionsführer Donald Tusk nahm ihn in Schutz. "In einer Demokratie darf Politik nicht hinter dem Rücken der Bürger geführt werden, sagte Tusk damals", erinnert sich Mariusz Chmiel etwas sarkastisch. "Jetzt sagte Tusk, als Ministerpräsident, wir hier vor Ort hätten nichts zu sagen."Etwas östlich von der Siedlung liegt das eigentliche Dorf Redzikowo. Die Schule ist Stolz der Redzikower: groß, modern, gut ausgestattet. Gleich neben der Schule entsteht ein Aquapark - die größte Investition in ganz Westpommern. Und noch weiter reihen sich an einer alten Kopfsteinpflaster-Straße kleine Häuschen, ein altes Gutshaus und wieder Wohnhäuser aneinander - ein Teil der ehemaligen Pflanzenbaugenossenschaft. Es gibt keine weiteren Investitionen in dem Ort.Aber Anfragen gab es. Mariusz Chmiel erzählt: "Wir hatten ernste Nachfragen. Apollo Tyres, ein Reifenhersteller aus Indien wollte hier eine Fabrik für ganz Europa bauen, mit 4.000 Arbeitsplätzen." Doch das Gebiet gehört dem Staat. Als die Inder nach Warschau fuhren, hätte mit ihnen niemand sprechen wollen. "Jetzt denke ich mir, schon damals wollten die Amerikaner, dass hier alles frei bleibt", sagt Gemeindevorsteher misstrauisch.ENDE Nachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 259 32 83 - 0