Hilfe für Aidskranke in Odessa
Wer die Prachtstraße Deribassowskaja in Odessa hinunterläuft, fühlt sich ein wenig wie in Südfrankreich. Fußgänger schlendern an prächtigen Hausfassaden vorbei, werfen einen Blick in die Schaufenster der Luxusgeschäfte oder sitzen in den zahlreichen Cafés. Doch dies ist nur eine Seite von Odessa: Die Hafenstadt am Schwarzen Meer gilt als „Aidshauptstadt Europas“. Rund eine Millionen Menschen leben in Odessa, davon sind etwa 100.000 sind HIV-positiv. Das ist jeder Zehnte. Mit 1,6 Prozent hat die Ukraine die höchste Aidsrate Europas. In Deutschland sind es 0,1 Prozent.
Maria Degtjarenko sitzt an ihrem Schreibtisch im Bayerischen Haus, einer Einrichtung, die seit 1993 den Kampf gegen die grassierende Aids-Epidemie aufgenommen hat. „Die Gründe für die hohe Aidsrate sind Drogenkonsum und Prostitution, aber auch Ignoranz“, sagt Degtjarenko, die das Haus leitet. Die 35-Jährige trägt ein schwarzes Kostüm, sie sprüht vor Energie, wenn sie über ihre Projekte spricht. Das Bayerische Haus wird vom Bayerischen Sozialministerium und der Evangelischen Landeskirche Bayern getragen und soll die Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine fördern. „Dazu gehört auch die Unterstützung der Stadt im Kampf gegen Aids“, so Degtjarenko. Am Bayerischen Haus ist seit 2004 ein HIV-Präventionsprogramm angesiedelt.
Über Aids spricht man in der Ukraine nicht. HIV-Positive werden von der Gesellschaft geächtet, sie leiden neben ihrer Krankheit unter Diskriminierung und Ausgrenzung. In Odessa und Umgebung gibt es nur ein Krankenhaus für Aidspatienten, die Klinik verfügt über 50 Betten. Die meisten Infizierten bekommen keine ausreichende medizinische Versorgung. Etwa 2.000 Menschen lägen zu Hause im Sterben, berichtet Degtjarenko. „Im vergangenen Jahr kam ein Politiker aus Kiew nach Odessa. Er wollte herausfinden, woran man in der Klinik noch sparen kann“, erzählt sie. Die Kranken würden doch sowieso sterben, habe der Politiker gesagt.
Die Ukraine tut sich schwer im Kampf gegen Aids. Das liegt vor allem daran, weil zu wenig Geld vorhanden ist und die Umsetzung sinnvoller Gesetze oft an zu viel Bürokratie scheitert. Um Aidsprävention und Sozialarbeit kümmern sich in der Ukraine hauptsächlich private Organisationen. „Wir arbeiten jedoch gut mit den Behörden zusammen“, sagt Degtjarenko. Gemeinsam mit der Stadt Odessa bildet das Bayerische Haus Lehrer und Ärzte fort und bietet psychologische Betreuung für HIV-positive Menschen an.
Vitali Gorbunow ist Sozialarbeiter und betreut das HIV-Präventionsprogramm im Bayerischen Haus. Er sitzt an einem Laptop und spricht in eine Webkamera, er ist mit einem Arzt aus der Hafenstadt Illjetschewsk verbunden. „Der Arzt behandelt gerade einen HIV-Patienten und sucht medizinischen Rat“, erklärt Gorbunow. „Ich werde gleich eine Konferenzschaltung zur Aidsklinik herstellen.“
Die meisten Ärzte wüssten nicht, wie sie HIV-Patienten behandeln sollen, erklärt der Sozialarbeiter. Deshalb hat das Bayerische Haus 29 Kliniken mit Laptops und Webcams ausgerüstet. Wenn die Ärzte Fragen haben, können sie sich vernetzen oder mit Spezialisten der einzigen Aidsklinik verbinden. „Früher mussten HIV-Kranke wegen jeder Kleinigkeit dorthin fahren“, erklärt Gorbunow. „Mit den Internetschaltungen bleibt ihnen der Stress erspart.“
Maria Degtjarenko zeigt eine Statistik des ukrainischen Gesundheitsministeriums. Die Zahlen sind alarmierend: 2010 haben sich in Odessa rund 23 Prozent mehr Menschen mit Aids infiziert als im Jahr zuvor. Die Zahl der Sterbefälle hat um fast 70 Prozent zugenommen.
Besonders verbreitet ist das HI-Virus unter Hafenarbeitern und Seeleuten. „Viele haben sich in Übersee angesteckt und die Krankheit nach Odessa eingeschleppt“, sagt Degtjarenko. Sie verweist auf eine Umfrage der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Danach haben siebzig Prozent der ukrainischen Seeleute ungeschützten Sex mit Prostituierten, wenn sie in einem fremden Hafen anlegen. Später lassen sich die Seeleute in Odessa nieder und heuern als Arbeiter in den Docks an. Ärzte aus dem Odessaer Hafen berichten, dass in ihrem Abschnitt 400 Arbeiter HIV-positiv sein sollen.
Doch Aids ist in Odessa kein Problem von Randgruppen, betroffen sind nicht nur Drogenabhängige oder Prostituierte. Auch viele Jugendliche infizieren sich, darunter immer mehr Söhne und Töchter von Neureichen, die häufig die Sexualpartner wechseln und ungeschützten Verkehr haben. Das bestätigt auch Degtjarenko.
Vitali Gorbunow hat inzwischen eine Konferenzschaltung zur Aidsklinik eingerichtet. Der Arzt aus Illjetschewsk holt seinen Patienten vor die Webkamera, zu sehen ist ein ausgemergelter Mann mit dunklen Flecken auf der Haut. Der Arzt weiß nicht, welche Medikamente er verschreiben soll. Per Skype beraten sich die Mediziner und finden schnell eine Lösung. „Der Patient wäre zu schwach gewesen, um zum Spezialisten zu fahren“, sagt Gorbunow. Die Ferndiagnose könne eine normale medizinische Behandlung nicht ersetzen, betont der Sozialarbeiter. Ohne die Internetschaltungen würden viele Patienten jedoch überhaupt nicht versorgt werden, fügt er hinzu. Knapp 19.000 Euro hat das Bayerische Haus für die Laptops ausgegeben. Das Geld kam durch Spenden aus Deutschland zusammen. Bald, hofft Gorbunow, sollen sich immer mehr Ärzte in der Ukraine per Internet miteinander vernetzen.