NEUE LEIBEIGENSCHAFT
In Russland häufen die sich Fälle von Sklavenarbeit / Sieben Millionen unregistrierte Gastarbeiter(n-ost) – Auf einem Industriegelände im Dorf Tschulkowo, südöstlich von Moskau, schlug am Wochenende eine Sondereinheit der russischen Polizei zu. Sie befreite 49 Usbeken, die von kriminellen aserbaidschanischen Sklavenhaltern gefangen gehalten wurden. Die Kriminellen hatten den Usbeken die Pässe abgenommen. Seit Monaten bekamen die Arbeiter keinen Lohn. Ihnen wurde erklärt, sie müssten die „Schulden“ für ihre Reise nach Russland abarbeiten. Wer widersprach, wurde zusammengeschlagen. Fünf Usbeken müssen wegen der Zwangsarbeit längere Zeit medizinisch behandelt werden. Wie die Nachrichtenagentur Ria Nowosti mitteilte, wurden zwei Aserbaidschaner verhaftet. Ihnen droht eine Anklage wegen Freiheitsberaubung und Sklaverei. Den Verhafteten drohen Freiheitsstrafen von bis zu 15 Jahren. Dreizehn der befreiten Arbeitssklaven gaben zu Protokoll, sie seien in Usbekistan angeworben und auf illegalem Wege nach Russland gebracht worden. Das Industriegelände, auf dem die Arbeiter 12 bis 14 Stunden am Tag Obst und Gemüse für Moskauer Märkte sortierten, durften die Usbeken nicht verlassen. Mehrere gefangene Frauen seien von den Kriminellen zum Sex gezwungen worden.
In dem bewachten Container-Dorf in Moskau wohnen die Bauarbeiter.
FOTO: Ulrich HeydenDer Fall aus dem Dorf Tschulkowo ist keine Ausnahme. Im März berichtete die Enthüllungsjournalistin Soja Swetowa in der Zeitung „Nowyje Iswestija“ von einem ähnlichen Fall, der sich in der südlich von Moskau gelegenen Stadt Orjol zutrug. Dort hielt der ehemalige Mafioso Aleksej Prygunow, der über seine Schwester mehrere Autowaschanlagen betreibt, 40 usbekische Arbeitssklaven, die er im Akkord Autos waschen ließ, aber nicht bezahlte. Die Arbeiter hatte sich Prygunow über einen Mittelsmann, einen Polizisten aus Usbekistan, kommen lassen. Bei der Ankunft in Orjol nahm Prygunow den Gastarbeitern Pässe und Handys ab. Dann erklärte er, sie müssten jetzt mehrere Monate die Kosten für ihre Anwerbung und Registrierung „abarbeiten“. Wer sich beschwerte, wurde mit einem Baseball-Schläger verprügelt. Es kam auch vor, dass Arbeiter, die aufmuckten, zu einer Schein-Erschießung in einen Wald geführt wurden. Dort wurde ihnen befohlen ihr eigenes Grab auszuheben. Prygunow fühlte sich sicher, denn der ehemalige Mafioso gehörte inzwischen zur gehobenen Gesellschaft der Stadt. Er ist Mitglied im städtischen Komitee gegen Korruption. Doch nun steht der ehrenwerte Autowäscher vor Gericht. Einer seiner usbekischen Arbeiter hatte es geschafft, den Geheimdienst FSB anzurufen. Wie die Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina im Gespräch mit dieser Zeitung erklärte, deute vieles darauf hin, dass es derartige Praktiken von Versklavung auch in Moskau gibt. Einem Bericht der US-Regierung über Menschenhandel zufolge, der in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde, gibt es in Russland eine Million Arbeitssklaven. Die russische Regierung tue nicht genug, um gegen diese Missstände vorzugehen. Immerhin wurden in Russland im Jahre 2007 139 Fälle von Menschenhandel untersucht. 45 Menschenhändler wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt, darunter auch ein Beamter. In Moskau leben heute nach offiziellen Angaben 10,5 Millionen Menschen, davon sind nach Schätzungen ein bis zwei Millionen Gastarbeiter. Ein Großteil von ihnen ist nicht registriert, weil die Menschen über illegale Vermittlerfirmen nach Moskau geschleust wurden. Sozialabgaben werden für diese Arbeiter nicht gezahlt. Wer krank wird oder einen Unfall hat, muss selbst sehen, wo er bleibt. An den billigen und völlig rechtlosen Arbeitskräften verdienen nicht nur Bau-Unternehmer, sondern auch Leiharbeitsfirmen und nicht selten auch Polizisten, die beide Augen zudrücken und dafür ein ordentliches Schmiergeld verlangen.
Bauboom in Moskau
FOTO: Ulrich HeydenOmar aus Dagestan ist einer der Arbeiter, der in Moskau Hochhäuser baute. Der etwa 30-jährige, kräftige Mann hat Betonwände gegossen, Wände verputzt und gemauert. Wie anderen Arbeitern auch zahlte ihm die Baufirma Don Stroj mehrere Monate lang keinen Lohn. Deshalb streikten die Arbeiter 2005 – und sogar die Duma debattierte über den Vorfall. Ein Bauarbeiter bei Don Stroj verdient heute im Monat 18.000 Rubel (486 Euro). „Wenn jemand auf eigene Rechnung auf dem Bau arbeitet, kann er dreimal mehr verdienen“, meint Omar. Doch daran haben weder die Bau- noch die Vermittlerfirmen ein Interesse. 2004 wurde Omar krank. In seinem Wohnheim hatte er sich Tuberkulose eingefangen. Acht Monate lag er im Krankenhaus. „Die Energie, die ich früher hatte, habe ich heute nicht mehr“, sagt er. Ein Fernsehteam des russischen Privatkanals Ren TV drehte einen Bericht über seinen Fall. Doch Don-Stroj kaufte den Film auf – er wurde nie gesendet. INFO-KASTEN:
Russland braucht ArbeitskräfteIn den letzten 15 Jahren hat sich die Bevölkerung Russlands um fünf Millionen Menschen auf 142 Millionen Einwohner vermindert. Es fehlt an qualifizierten Arbeitskräften. Die russische Regierung hat deshalb die Einwanderungsbestimmungen liberalisiert. Moskauer Postämter geben jetzt in einem vereinfachten Verfahren Aufenthaltsgenehmigungen für Gastarbeiter aus. „Die Reform kommt zu spät“, meint die Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina. Inzwischen hätten sich stabile illegale Netzwerke von Polizisten, Vermittlungsbüros, Beamten und Arbeitgebern gebildet. „Die Baufirmen sind nicht an offiziell registrierten Gastarbeitern interessiert, denn die sind rechtlich geschützt“, so Gannuschkina Gastarbeiter sollen in Russland nicht sesshaft werden. Sie sind nur geduldet, werden aber im öffentlichen Leben nicht geachtet. „Aufstände wie in Paris wird es in Russland nicht geben“, erklärt der Leiter der russischen Migrationsbehörde, Konstantin Pomodanowski gegenüber dem Moskauer Massenblatt „Komsomolskaja Prawda“. Man brauche Gastarbeiter, aber „China Towns lassen wir bei uns nicht zu.“ Tatsächlich gibt es in Moskau heute noch keine Bezirke, in denen nur Gastarbeiter und Migranten leben. Aber die Moskauer Stadtverwaltung hat neue Pläne. Wie kürzlich bekannt wurde, will sie Gastarbeiter verstärkt in Metall-Containern unterbringen. Das habe den Vorteil, dass die Moskauer vor gefährlichen Krankheiten geschützt seien, erklärte Alexej Aleksandrow, der Leiter des städtischen Komitees für die Beziehungen mit den Regionen. „Ein großer Teil der Gastarbeiter“ habe bekanntlich „gefährliche Krankheiten“. ENDENachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 259 32 83 - 0