Ukraine

Luxus, Leichen und Verkehrschaos

Eine riesige Digitaluhr am Kiewer Rathaus zeigt die Tage bis zur Fußball-EM 2012: Nur noch sieben Monate bis zum Juni, dann erwartet die Ukraine, mit Polen Gastgeber der Europameisterschaft, mehr als eine Millionen Fußballfans. Die Ukraine ist mit Polen zusammen Gastgeber der nächsten Europameisterschaft. Doch die meisten Passanten interessieren sich nur wenig für den Countdown am Rathaus. Die meisten eilen mit gesenktem Kopf vorbei. Nur vereinzelte Touristen bleiben stehen, machen Fotos.

Außer dem gigantischen neuen Stadion, das im Frühherbst fertig gestellt wurde, deutet in der ukrainischen Hauptstadt nicht viel auf das bevorstehende Großereignis hin. Schlimmer noch: Kiew ist auf den Ansturm von Fans und Touristen kaum vorbereitet. Experten zufolge fehlen allein vierzig Hotels. „Das Zimmerkontingent von drei Sternen aufwärts ist bereits von der UEFA weggebucht“, sagt Mathias Brandt. Er ist Projektleiter bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, die die Ukraine bei den EM-Vorbereitungen unterstützt.

Zurzeit drehen sich die Baukräne am zukünftigen Hilton Hotel, die Ketten Radisson-Royal und Swissotel wollen ebenfalls Luxusherbergen eröffnen. Doch für Fans mit normalem Geldbeutel kann es schwierig werden. Es gibt nur wenige Ein- oder Zwei-Sterne-Hotels, und selbst die sind überteuert. Wie das Hotel Ukraine, in dem ein einfaches Zimmer über 100 Euro kostet. Auch die Preise für Privatzimmer würden in die Höhe schießen, erwartet Brandt. „Unterkünfte in Kiew sind knapp.“

Studentin Daria Ignatenko muss im Juni ihr Zimmer im Studentenwohnheim räumen. Während der EM will die Stadt dort Fußballfans unterbringen. „Ich habe die Gebühren für das nächste Jahr aber schon bezahlt“, klagt die 19-jährige. „Ich weiß nicht, wo ich im Sommer wohnen soll.“ Daria kann sich nicht vorstellen, dass es den Touristen im Wohnheim gefallen wird. Das Haus befindet sich außerhalb der Stadt und wurde seit den Sechzigerjahren nicht renoviert.

Sorgen bereitet den Organisatoren auch das Verkehrschaos auf Kiews Straßen. Sie befürchten, dass es während der EM zum Kollaps kommen wird. In den Abendstunden staut sich der Verkehr kilometerlang, rund um das EM-Stadion ist der Stau am größten. Die Kiewer U-Bahn bietet kein besseres Bild: Täglich quetschen sich Zehntausende in die überfüllte Metro. Weil das Netz der Vier-Millionen-Stadt nur dünn ausgebaut ist, benutzen die Kiewer Minibusse, so genannte Marschrutkas. Die Fahrer stoppen nur auf lautes Zurufen, ohne Russischkenntnisse kommt man mit den Minibussen nicht weit. Lediglich der Kiewer Flughafen Borispol kann den Besucherstrom verkraften. Für die EM wird extra ein neues Terminal gebaut. Allerdings gibt es keine Zugverbindung vom Flughafen in die Innenstadt.

Die Kiewer stehen der EM größtenteils gleichgültig gegenüber. Taxifahrer Sergej Klimenko beispielsweise weiß zunächst nicht, worum es geht. „Fußball-Europameisterschaft?“, fragt Sergej verwundert. „Ah, Sie meinen die Spiele im nächsten Jahr“, sagt er nach kurzem Nachdenken. Viele Kiewer haben andere Sorgen. Sie spüren die Nachwirkungen der Wirtschaftskrise, viele haben ihren Job verloren, der Staat kürzt Renten und Sozialleistungen. Im Durchschnitt verdienen die Kiewer umgerechnet 300 Euro pro Monat. Die Kosten für Lebensmittel, Mieten und Energie sind ähnlich hoch wie in Deutschland.

Selbst die Kiewer Stadtverwaltung wirbt nur wenig für die Europameisterschaft. Vereinzelte Plakate weisen auf das Ereignis hin, Fußballstimmung liegt nicht in der Luft. Nur die McDonalds-Filialen sind mit bunten EM-Logos geschmückt. Scheinbar ist den Behörden das Image der Hauptstadt nicht so wichtig. Vor zwei Wochen lag am Eingang der belebten Metrostation Wassilkowskaja die Leiche eines Mannes. Obwohl Passanten mehrmals die Polizei verständigten, rückten die Ordnungshüter erst nach zwei Stunden an.


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