Rumänien

MÜLLTONNE IN NATIONALFARBEN

Wahl am 1. Juni: Der Nationalist Gheorghe Funar will wieder Bürgermeister im rumänischen  Klausenburg werden(n-ost) –Transsilvanien, möchte man meinen, muss ein phantastisches Multikulti-Land sein. Wo sonst könnte ein Deutscher Bürgermeister werden, wie Klaus Johannis in Hermannstadt (rum. Sibiu, ungar. Nagyszeben)? Zuverlässigkeit, Unbestechlichkeit und nicht zuletzt seine Kontakte zur deutschen Wirtschaft brachten ihm das Amt quasi auf Lebenszeit und viel Lob aus dem In- und Ausland ein. Das aber ist nur die eine, die harmonische Seite des Bildes und eher die Ausnahme. In Rumänien herrscht der Nationalismus. Er ist salonfähig geworden, weil auch Universitätsprofessoren und die vermeintliche Elite des Landes zu seinen Anhängern zählen. Doch im Gegensatz zu den Kapriolen der nicht weniger nationalistischen Kaczynski-Zwillinge in Polen werden die rumänischen Nationalisten im Ausland kaum wahrgenommen.  Da zeigt sich Rumänien lieber multikulturell.
Der Ultranationalist Gheorghe Funar will wieder Bürgermeister werden.
FOTO: Melanie FröhlichNach innen behauptet es sich dafür umso vehementer als Nationalstaat und das trotz der 26 im Land lebenden Minderheiten. Doch Minderheit ist hier nicht gleich Minderheit. Als „gefährlich“ gelten bis heute vor allem Ungarn, die landesweit mit zwei Millionen noch rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen und die bis zur Neuordnung nach dem 1. Weltkrieg große Teile des heutigen Rumäniens beherrschten. Vor allem die heimliche Hauptstadt Siebenbürgens, das im Nordwesten Rumäniens gelegene Klausenburg (rum. Cluj-Napoca, ungar. Kolozsvár), wurde mehr als ein Jahrzehnt von einem der größten Nationalisten des Landes regiert: Von 1992 bis 2004 war hier der Ultranationalist Gheorge Funar Bürgermeister. Am 1. Juni kandidiert er nach einer kurzen Zwischenzeit als Abgeordneter im rumänischen Parlament erneut für dieses Amt. Funar ist gleichzeitig Generalsekretär der Großrumänischen Partei und deren größtes populistisches Sprachrohr. Als solcher verbreitet er für das ganze Land vernehmbar den Slogan der Partei: „Es ist keine Schande, ein Nationalist zu sein.“ Nimmt der Wähler die Leistungen Funars als Maßstab, müsste dessen erneute Kandidatur chancenlos sein. Doch wer weiß schon, nach welchen Kriterien die Rumänen am Sonntag das Kreuzchen setzen? Die sichtbarste Leistung der zwölfjährigen Langzeitbürgermeisterschaft Funars sind die bis heute in den Nationalfarben leuchtenden Mülleimer. Politik mit dem in Rot-Gelb-Blau getauchten Pinsel. Doch was Ausländer zum Schmunzeln bringt, ist in Rumänien bitterer Ernst. Es ist ein Nationalismus der penetranten Art, der sich besonders gegen die 20 Prozent der noch in der Stadt verbliebenen Ungarn richtet. Bis 1974 stellten sie die Mehrheit in der Stadt. Doch durch gezielte Zuwanderungspolitik in der kommunistischen Ära und einer extremen Auswanderungswelle unter Funar haben sich die Verhältnisse gewandelt. Für Funar ist Cluj ein ur-rumänischer Ort. Um das jedem zu beweisen, veranlasste er Ausgrabungen im Zentrum der Stadt, die deren römischen Ursprünge offen legen sollten. Was das Ganze mit Politik zu tun hat? Ganz einfach, es geht um die Rechte auf das Land. Die Rumänen, die sich gern als direkte Nachfahren der Daker – ein von den Römern kolonialisiertes Volk – verstehen, beweisen so: Wir waren vor Euch da, vor Attila, dem Hunnenkönig! Dieses Geschichtsverständnis hat eine lange Tradition und war auch in der kommunistischen Ära zu spüren, als der rumänische Diktator Nicolae Ceauşescu der Stadt Cluj ihren römischen Namen Napoca zurückgab, den sie bis heute trägt. Während Funar in der Vergangenheit wühlen ließ, standen für ausländische Investoren die Bagger still. Und das trotz der guten Lage Klausenburgs und seiner großen Universität, die heute rund 50.000 Studierende zählt. Die Ansiedlung des Nokia-Werks wäre unter Funar wahrscheinlich nicht zu Stande gekommen. Mircea aus Cluj macht dafür die Politik Funars verantwortlich und fragt in einem Blog: „Wie kann es sein, dass eine Stadt mit 350.000 Einwohnern wie Cluj auch 19 Jahre nach der Wende nur einen großen Supermarkt hat?“ Andere rumänische Städte konnten Cluj diesbezüglich längst überholen und weisen eine Vielzahl von Einkaufsparadiesen auf.  Mitten in diesem Rot-Gelb-Blau präsentiert sich die Babes-Bolyai-Universität von Klausenburg als multikulturelles Musterbeispiel. Denn hier kann der Student auf drei Sprachen studieren: Rumänisch, Ungarisch und Deutsch. Einzigartig in Osteuropa, denn nicht nur für die Fremdsprachen gilt dieses Angebot. Auch Wirtschaftswissenschaften oder Informatik können in deutscher Sprache studiert werden und für die meisten Studiengänge gibt es zudem eine ungarische Variante. Für viele Ungarn im Land ist Cluj als Studienort deshalb die erste Wahl. Vor diesem Hintergrund wirkt das nationalistische Programm Funars umso absurder. Nach der Unabhängigkeitserklärung Kosovos, die ausschließlich die ungarischen Parteien in Rumänien begrüßten, machte er eine Reihe umstrittener Vorschläge: von der Abschaffung des ungarischen Fernsehens und Radios bis hin zu einer Kopfprämie von 1.000 Euro für jeden Ungarn, der das Land verlässt. Das erinnert stark an die Politik des Ausverkaufs unter dem Diktator Nicolae Ceauşescu, der sich jeden Siebenbürger Sachsen oder Schwaben mit 5.000 DM bezahlen ließ. Auch mehrsprachige Straßenschilder sind Funar ein Dorn im Auge. Bei einer Konferenz in Miercurea-Ciuc, einer ungarischen Hochburg in den Ostkarparten, machte er im Februar dieses Jahres die ungarischen Straßennamen für sein Zuspätkommen verantwortlich. Schuld sind also immer die anderen, in erster Linie die Ungarn. Zwar wurde von den meisten Parlamentariern Funars Programm als krank abgetan, doch populär sind solche radikalen Vorstöße dennoch. Die Unabhängigkeitserklärung Kosovos schürt in Rumänien die Angst vor einer Abspaltung der ungarisch dominierten Kreise bis hin zum Verlust ganz Transsilvaniens.   Auch abseits von Funars Großrumänischer Partei ist ein verstärkter Nationalismus und Antisemitismus im Land zu beobachten. So wurde am 15. März, einem ungarischen Nationalfeiertag, in Cluj ein jüdischer Ungar überfallen. Laszló Tökes, Revolutionär von 1989 und Europaparlamentarier informierte das Europäische Parlament über diesen Vorfall und musste nicht lange auf eine rumänische Gegendarstellung warten. Cluj sei eine multikulturelle Stadt und für Nationalismus gäbe es dort keinerlei Anzeichen, hieß es. Und weiter: Auch die Polizei habe in diesem Fall Rechtsradikalismus ausgeschlossen. Das allerdings ist kein Grund zur Entwarnung, sondern zeigt, dass die rumänische Polizei eine nationalistische Mustereinrichtung geblieben ist. Erst vor kurzem hat sie begonnen, auch Angehörige der Minderheiten in ihren Dienst aufzunehmen.Auch im Fußballstadion wurden die „Raus mit den Ungarn aus dem Land“-Rufe in letzter Zeit immer lauter, wenn der CFR Cluj auf dem Platz war. Zwar ist kein einziger Spieler der Mannschaft Ungar, wohl aber der Manager – und das genügt. Dass der CFR Cluj dann auch noch die rumänische Meisterschaft gewann, glich einem Skandal. Seit 17 Jahren war der Pokal immer an eine Bukarester Mannschaft gegangen – ein ungeschriebenes Gesetz. Noch schlimmer ist für viele Fußballfans nationalistischer Prägung die Tatsache, dass eine Mannschaft aus der siebenbürgischen Provinz die Rumänen nun auch bei internationalen Fußballturnieren vertritt. Ein gutes Klima also für eine vierte Amtszeit des Ultranationalisten Funar als Bürgermeister von Klausenburg? Noch sind kaum Prognosen für den Wahlausgang gemacht und noch bleibt unklar, ob Cluj erneut dem Rot-Gelb-Blau-Wahn erliegt. Nur: Was will Funar, sollte er gewinnen, dann noch anstreichen? Die Bahnen der Metro, die er zu bauen verspricht?ENDENachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 259 32 83 - 0


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