VOM EKELPAKET ZUM SCHWIEGERSOHN
Der Kabarettist Steffen Möller hat das Deutschlandbild der Polen gründlich verändert und wurde damit zum Fernsehstar(n-ost) – Das Gedränge vor der Saaltür im Kulturhaus Mitte ist enorm. Im Stimmengewirr lassen sich neben deutschen Satzfetzen auch polnische hören. Die Aufregung ist spürbar. Selbst das Personal wirkt überfordert. Die 120 Plätze in dem Saal reichen längst nicht aus. Mitarbeiter bringen Klappstühle herein. Wer Pech hat, muss auf dem Fußboden hocken – sogar einige Angestellte der polnischen Botschaft, die zuvor damit beschäftigt waren, Plätze für den Botschafter und seine Familie zu verteidigen. Chaos pur.Dann tritt er auf: helle Hose, legere Jacke – eine Durchschnittserscheinung. Und trotzdem richten sich alle Blicke auf ihn. Er springt auf die Bühne: „Dzien dobry, Guten Tag“. Das Publikum ist entzückt. Steffen Möller heißt der Mann, das Buch in seiner Hand „Viva Polonia. Als deutscher Gastarbeiter in Polen“. Und der Titel ist Programm.Denn seit fast 15 Jahre lebt Möller das Alltagsleben eines Ausländers in Warschau. Wenn man das ein Alltagsleben nennen darf. Der 39-jährige Wuppertaler ist in Polen ein Star. Er spielt in der beliebtesten Seifenoper des Landes „L wie Liebe“, glänzt in der TV-Show „Europa lässt sich mögen“, wirbt mit seinem Gesicht in zahlreichen Magazinen und Zeitschriften.
Nach Deutschland kommt Steffen Möller nur noch zu Besuch.
FOTO: Agnieszka HreczukEin einmaliger Karriereweg, fast wie aus einem amerikanischen Bilderbuch. Dabei kannte Möller, als er 1993 nach Polen kam, gerade zwei Wörter auf Polnisch: „Ja“ und „Notbremse“. Mit einiger Selbstironie erinnert er sich daran in seinem Buch. Aufgeholt hat er schnell. Nach einer kurzen Episode als Sprachlehrer schaffte er den Sprung ins Showgeschäft, nun ist er in Polen ein Star.
Und ein Botschafter seines Landes. Mit Steffen Möller hat Deutschland in Polen plötzlich zwei Gesichter. Das eine ist immer noch das böse Gesicht von Erika Steinbach, der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen. Das andere ist das des sympathischen deutschen Kartoffelbauern, den Steffen Möller im polnischen Fernsehen spielt. Steffen oder Stefan, Möller, Müller oder sogar Miller – für einen Polen ist sein Name gerade wegen der Umlaute nicht so einfach. Doch trotz aller möglichen Namensformen ist er in Polen einfach erkennbar:„Na, der Deutsche eben“ oder sogar „unser Deutscher“ heißt es und schon weiß jeder, um wen es geht. An einem ganz gewöhnlichen Sonntagnachmittag in einem Berliner Café ist Möller dagegen kein Star. Mit seiner braven Frisur und Jeans sieht er aus wie der sympathische Junge aus der Nachbarschaft. Ein Kellner lächelt freundlich, als Möller Schokolade mit Schlagsahne bestellt. Er erkennt ihn, allerdings nur als Stammgast. Niemand dreht sich um, niemand bittet um ein Autogramm. „Hier gibt's keine Polen“ lacht Möller. Sein Gesicht ist nur selten ernst. „Das Geheimnis meines Erfolges?“ Steffen Möller denkt nach. „Ich weiß es nicht genau. Na ja, mowie po polsku“ – ich spreche polnisch. Er springt zwischen den Sprachen hin und her, besonders wenn ihm schwierige polnische Wörter einfallen. Ein Zungenbrecher gehört zum Standardprogramm jedes Interviews: „W Szczebrzeszynie chrzaszcz brzmi w trzcinie“ („In der Stadt Szczebrzeszyn zirpt ein Käfer im Schilf.“), trägt er stolz vor. Klar, den Polen gefällt es, dass ein Ausländer so viel Interesse an ihrer Sprache zeigt. Doch das allein reicht nicht, das ist auch Möller klar. Schließlich gibt es viele Deutsche in Polen, die polnisch sprechen. Doch seinen Erfolg hat bisher keiner wiederholt.Etwas Schlagsahne aus der Tasse bleibt an seinem Mund kleben. Wenn sich Möller die Lippen leckt, hat er etwas Knabenhaftes. Das wirkt. Einen Liebling der polnischen Frauen soll er sich einmal in einem Interview genannt haben. „Inkorrekt“, verbessert er jetzt. „Ich habe gesagt: Liebling der polnischen Frauen über 70.“ Und genau so ist es. „Ich bin so hilflos, süß und knuffig“, lacht er. „Ein ganz anderer Deutscher. Man muss mich einfach mögen“. Wer denkt bei diesem Möller-Medienrummel nicht an Knut, den süßen kleinen Eisbären? „Steffen Möller, der polnische Knut“. Möller lacht wieder. „Nicht schlecht. Nur: Knut hat seinen Charme verloren, ich aber habe meinen immer noch. Und zwar solange ich ein Pechvogel bleibe. Klappt gerade wieder ganz gut, in meiner dritten Filmehe läuft alles schief. Ich bin also sozusagen ein Knut im permanenten Baby-Stadium.“ Am Anfang, so Möller, habe ihm in Polen das negative Klischee seiner Landsleute geholfen. „Entweder Ordensritter oder Nazi. Ein bisschen dumm, ohne Sinn für Humor, brutal, arrogant und mit einem harten Akzent“. Außerdem gewinnt die deutsche Fußballmannschaft immer gegen die Polen. Keine gute Voraussetzung für eine freundschaftliche Beziehung. Doch mit seiner Filmrolle als Pechvogel kehrt Möller das Klischee um – und gewinnt Sympathien. Für sich – und, so hofft er, auch für seine Landsleute. „Es ist mir gelungen aus einem Ekelpaket einen Schwiegersohn zu machen, eine Kehrtwende um 180 Grad.“ Steffen Möller hat in Polen mehr für Deutschland erreicht, als die Besuche aller Diplomaten und Politiker zusammen. Das behauptet nicht er, sondern die Polen selbst. Und der Bundespräsident, als er Möller das Bundesverdienstkreuz verlieh. „Die Deutschen sind eben auch Menschen“, heißt es jetzt, endlich ist Deutschland in Polen mehr als nur Preußen und Berlin. Und das ist immerhin mehr, als polnische Kinder in der Schule erfahren. „Ich erzähle zum Beispiel viel über meinen Heimatort, damit die Leute sehen: Deutschland hat auch so ein sympathisches Städtchen wie Wuppertal. Viele Polen schreiben mir jetzt: 'Lieber Herr Möller, wir waren in Wuppertal und suchten in der ganzen Stadt das Brot, von dem Sie immer im Fernseher schwärmen. Wir haben es nicht gefunden. Wo ist es?' Wahrscheinlich existiert es nur in meiner Phantasie.“ Deutsches Brot, Fleischwurst und Strandkörbe – das ist es, was Möller in Polen am meisten fehlt. Ansonsten, sagt er, fühle er sich an der Weichsel schon wie zu Hause. Wobei er sich anfangs durchaus einen Notausgang offen hielt: „Ich wusste, falls es schlecht gehen sollte, kann ich schnell in den Zug steigen und bald zurück zu Hause sein.“ Ein gewichtiger Grund, warum Möller nie nach Peru oder Spanien gegangen wäre. Allerdings hat er innerhalb der letzten 14 Jahre nicht einmal daran gedacht, zurückzukehren. „Ich lebe in zwei Ländern. Bin also Bigamist, kann man so sagen.“ Verlassen will er keine seiner zwei Geliebten. „Von Berlin nach Warschau ist es genauso weit wie von Berlin nach Köln.“
Selten denkt Möller darüber nach, wie es wäre, wenn er in Deutschland geblieben wäre. „Vielleicht wäre ich ein langweiliger Berliner, der gerade an seiner Habilitation arbeitet.“, überlegt er. Denn trotz seiner Liebe zum Kabarett ging es in Berlin irgendwie nicht glatt. Ihm fehlten Themen. „Es hat erst wieder in Polen funktioniert“, gibt Möller zu. Er nutzt die gegenseitigen Stereotypen, spielt mit ihnen, lacht sowohl die Polen als auch die Deutschen aus. Gnadenlos. Seitdem er in Polen sei, werde er gastfreundlicher und verlange von seinen Gästen kein Entgelt für Tee, steht in seinem Programm. Die Zuschauer lachen. Fürchtet er nicht, dass einige seine Witze ernst nehmen? „Vielleicht gibt es Menschen, die dazu neigen, sie ernst zu nehmen. Aber sie spüren zumindest, dass ich ironisch meine, was ich über mein eigenes Land sage.“ Er überrasche die Polen. Denn viele von ihnen glauben, Deutsche hätten keinen Sinn für Ironie und würden ihr eigenes Land stets loben, während sie Polen schlecht machen. „Wenn die Polen jetzt sehen: Guck mal, Deutsche sind genauso ironisch wie wir, dann ist das gut“, sagt Möller. Selbst wenn einige Polen dann denken, in Deutschland müsse man für den Tee der Gastgeber bezahlen? „Das ist immer noch besser, als wenn sie denken, wir Deutschen würden unsere Schwächen nicht kennen“, findet Möller.Seine langjährigen Beobachtungen fasste er 2006 in einem Buch zusammen – mit durchschlagendem Erfolg in Polen. An eine deutsche Version des Textes dachte Möller zunächst nicht. „Die Auflage würde sich im Dissertationsbereich bewegen“, mutmaßte er. Doch dann überhäuften ihn mit Deutschen verheiratete Polinnen mit Post. Ihre Männer müssten endlich etwas über Polen lernen. Also brachte Möller im Frühjahr dieses Jahres die deutsche Variante seines Buches heraus. Zwei Monate später waren bereits 80.000 Exemplare verkauft und „Viva Polonia“ landete auf Platz zwei der Spiegel Bestseller-Liste. Der Verlag erklärt diesen Erfolgt mit der Persönlichkeit und Popularität des Autors, weniger mit einem allgemeinen Interesse an Polen. Das nächste Buchprojekt, heißt es, sei bereits geplant. Worum es darin geht, bleibt vorerst ein Geheimnis. Nicht schwer zu erraten ist, dass Deutsche und Polen wieder das Thema sein werden. Denn in diesem Bereich ist Möller mittlerweile eine Marke für sich. „Ich bin von Beruf Deutscher. Ob ich Kabarettist bin, Schauspieler, Philosoph, Klavierspieler ist egal – ich bleibe immer von Beruf Deutscher. Und in Deutschland bin ich von Beruf Polenkenner. In keiner anderen Sache kenne ich mich so gut aus.“ Auch die Besucher der Veranstaltung im Kulturhaus Berlin-Mitte glauben an Möller. Deutsche und polnische Gäste lachen gemeinsam über seine Witze. Nur manchmal, wenn ein Witz erst übersetzt werden muss, prustet der eine früher, der andere später. Ein Beweis dafür, „dass Deutsche und Polen sich ähnlicher sind als man glaubt“, sagt Möller. „Wir senden auf ähnlichen Wellen“, findet auch ein älterer Herr in der zweiten Reihe. Möllers Buch hat er gelesen, nachdem er diesen im Fernsehen gesehen hatte. Nein, einen Bezug zu Polen habe er nicht, er war noch nie dort. Vielleicht, denkt er nach, sei es aber auch höchste Zeit, den östlichen Nachbarn einmal zu besuchen. „Wenn es dort so lustig ist, wie in diesem Buch steht.“ Als Fan von Möller bezeichnet sich auch der polnische Botschafter in Deutschland, Marek Prawda. Verwundern kann das nicht, hat er doch die ganze Zeit über herzlich gelacht, genau wie seine Frau und seine beiden Töchter. „Menschen, die nichts über Polen wissen und auch nichts wissen wollen, bringt das Buch dem Land nicht näher “, glaubt er. „Aber diejenigen, die zumindest etwas Interesse haben, kann Möllers Ironie und Komik hinreißen.“ Als der Botschafter aus dem Saal herauskommt, drängen sich die Menschen wieder auf den Treppen, in der einen Hand halten viele das Buch, in der anderen eine Kamera. Ein Autogramm wollen sie, von Möller, dem humoristischen Botschafter Deutschlands in Polen. Der offizielle Botschafter Polens in Deutschland geht an ihnen vorbei. Unerkannt.ENDENachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 30 83 11 87