Russland

MOSKAU WÄCHST IN DEN HIMMEL

Ein verhinderter Kosmonaut baut das höchste Wohnhaus Europas (n-ost) – Ein riesiges Glasfenster, das von der Decke bis zum Fußboden reicht, ein großes Bett mit flauschiger Decke und eine himmlische Ruhe, ganz untypisch für Moskau. Wir befinden uns in einem Muster-Appartement im West-Turm des Federation Tower. Der Wolkenkratzer mit seinen beiden verglasten Türmen, soll im nächsten Jahr fertig sein und wäre dann das höchste Wohnhaus Europas. Im Badezimmer hängen sorgsam gefaltete weiße Handtücher. Der Blick aus dem Fenster nach unten landet in einer riesigen Baugrube, in der Bagger im Erdreich wühlen. Der West-Turm des Federation Tower ist 243 Meter hoch und schon fertig. Der Ost-Turm soll eine Höhe von 360 Metern erreichen und ist noch im Bau. Zum Vergleich: Der Commerzbank Tower in Frankfurt, bis 2003 noch das höchste Gebäude Europas, ist mit Antenne nur 259 Meter hoch. Zudem soll zwischen beiden Moskauer Türmen am Ende noch eine 506 Meter hohe Spindel mit Liften und einer Aussichtsplattform stehen. Die Besucher fahren dann mit einer Geschwindigkeit von vier Metern pro Sekunde über die Wolken.
Der Türke Murat verdient auf dem Federation Tower 1000 Dollar/Monat.
FOTO: Ulrich HeydenEntworfen wurde der Gebäudekomplex Federation Tower von den Architekten Sergej Tchoban und Peter Schweger. Tchoban kommt aus St. Petersburg, arbeitet aber seit Anfang der 90er Jahre in Berlin. Schweger kommt aus Hamburg. 20.000 Dollar pro QuadratmeterDer Federation Tower – oder „Baschnja Federazija“ – wie die Russen sagen, ist nur eine der vielen Baustellen in „Moscow City“. 20.000 Menschen sollen in dem Viertel einmal arbeiten. International bekannte Firmen werden hier ihren Sitz haben. Zurzeit wachsen in dem Neubau-Areal, vier Kilometer westlich des Kremls, 20 Türme gleichzeitig in den Himmel. Nur kurz wird der Federation Tower das Wettrennen der Wolkenkratzer um Höhenmeter gewinnen. Denn bereits 2012 soll an der Moskwa der „Baschnja Rossija“ (Russia Tower) des Architekten Sir Norman Foster bezugsfertig sein. Das Gebäude, mit seinen drei Seitenflächen, die sich nach oben verjüngen, wird dann unglaubliche 612 Meter hoch sein. Nachts leuchten die schon fertigen Türme aus Glas und Beton mit ihren weißen und hellblauen Lichtern. Die Moskauer haben sich schnell an den Anblick gewöhnt. Selbst David Sarkisjan, Direktor des Moskauer Architekturmuseums, der andere Neubauten wegen „schlechten Geschmacks“ kritisierte und zu den Gegnern des ins Stocken geratenen Gasprom-Turm-Projekts in St. Petersburg gehört, hat „Moscow City“ seine Absolution erteilt. Das sei eine „ganz gute Sache“, zumindest schade sie der Stadt nicht,  erklärte der Museumsdirektor in einem Interview mit der Zeitung RBK daily.
Lärm, Staub, AsthmaDer Blick vom Gipfel des Federation Towers ist eindrucksvoll. Da schlängelt sich die Moskwa in sanften Bögen durch die dicht bebaute Stadt. Autos sind nicht größer als die Buchstaben einer Zeitung. Nur die charakteristischen Stalin-Hochhäuser ragen aus dem Häuser-Gewusel heraus. Die 14-Millionen-Metropole ist immer noch eine Stadt mit vielen Gesichtern. Das macht sie interessant. Wenn das Wetter gut ist, hat man einen mehrere Kilometer weiten Blick über die Stadt.
Blick vom Federation Tower auf andere Baustellen der Moscow City
FOTO: Ulrich HeydenVon oben fällt der Blick auch auf endlose Viertel viergeschossiger Plattenbauten, die jetzt abgerissen werden sollen, um weiteren Büroflächen Platz zu machen.3.000 Bewohner sollen umgesiedelt werden. Lena Nowikowa ist Mitglied des Bewohnerkomitees. Die 42-jährige Hebamme beklagt sich bitterlich. „An wen haben wir nicht schon alles Briefe geschrieben, sogar an Putin und Medwedew. Aber bisher haben wir keine Garantie, dass man uns nicht doch irgendwann an den Stadtrand Moskaus umsiedelt.“ Zu der Sorge um die Zukunft kommt der tägliche Staub. „Wir leben seit zwölf Jahren im Baulärm. Es gibt Unmengen von Staub“, schimpft Lena. Meine ganze Familie leidet an Asthma.“ Sie holt ein kleines Spray aus ihrer Handtasche: „Ohne Medikament kann ich nicht auf die Straße.“
Privataufzug für den BankierDer Federation Tower ist eine Stadt in der Stadt. Im unteren Teil der Türme gibt es Büros, im oberen Teil Appartements, ein Hyatt-Hotel, ein Restaurant und ein Wellness-Club. Viele Appartements seien schon verkauft, berichtet Projektleiter Matthias Lassen. Der Quadratmeterpreis von 20.000 Dollar an aufwärts scheint niemanden zu schrecken. Der Federation Tower sei natürlich kein Hauptwohnsitz für eine Familie mit Kindern. „Die Wohnungseigentümer werden in erster Linie Firmen sein, die zeitlich begrenzt Wohnungen zum Beispiel an Geschäftspartner vergeben. Oder es werden reiche Russen sein, die in Moskau noch einen repräsentablen Wohnsitz benötigen.“ Eines der Appartements mit eigenem Aufzug, Swimmingpool und Fitness-Raum ist für den Direktor der Wneschtorgbank reserviert. Die Bank belegt außerdem 33 Etagen für ihre Büros.  Zusammen mit dem Projektleiter geht es im Aufzug in die 59. Etage des West-Turms. Die letzten Meter hinauf unter die Glaskuppel des West-Turms führen über eine Feuertreppe. Kalkstaub liegt in der Luft, Schneidbrenner schreien. „Achtung, Kopf einziehen“, ruft Lassen. Ein Baufehler, erklärt der Hamburger und rümpft die Nase. Man habe eine Treppenstufe nicht mitberechnet.Direkt unter der Glaskuppel entsteht ein Wellness-Zentrum, mit Saunas, Banjas, einem Swimming-Pool und einem Schönheitssalon. Wenn es warm und windstill ist, dann werden die Glas-Segmente der Fassade zur Seite gefahren und die Club-Besucher können unter freiem Himmel ein Sonnenbad nehmen. „Das ist aber nur an 20 Tagen im Jahr möglich“, meint Lassen.
Projektleiter Lassen zeigt stolz den Swimming Pool in 230 Meter Höhe.
FOTO: Ulrich HeydenDer große Swimming Pool wurde schon eingeweiht. „Hier feierte der Bauherr Sergej Polonski seinen 35. Geburtstag“, berichtet der Architekt. Während der Party zeigten junge Badenixen ein Wasserballett. „Das war wie in alten amerikanischen Filmen mit einer Bar und gedämpfter Musik.“ „Du musst hingehen und es nehmen.“Neulich hielt Polonski vor Studenten einen Vortrag zum Thema Erfolg. „Wenn Du etwas im Leben erreichen willst, musst du hingehen und es nehmen. Anders geht es nicht.“ Der von Wolkenkratzern begeisterte Russe wurde in St. Petersburg geboren. 1994 gründete der damals 22-Jährige in der Newa-Stadt die Baufirma „Strojmontasch“. Sein erstes Geld verdiente er mit Gastarbeiterinnen aus der Ukraine, die er für den Innenausbau von Wohnungen nach St. Petersburg holte. Er habe Frauen geholt, weil die nicht trinken und härter arbeiten können. Als im Jahre 2000 in Moskau der Bau-Boom begann, wechselte Polonski in die russische Hauptstadt. Dort gründete er 2004 die Mirax-Group. Mit einem Umsatz von 1,3 Milliarden Dollar ist das Unternehmen heute eine der größten russischen Baufirmen. Inzwischen laufen auch Bauprojekte im Ausland, in Paris, Miami, der Schweiz, Montenegro und Antalya. Polonskis Visionen für Moskau haben für Aufsehen gesorgt. Der Moskauer Zeitung „Nowija Iswestija“ sagte der Bau-Unternehmer, in der Hauptstadt dürfe es keinen billigen Wohnraum geben, sonst würden alle Russen in Moskau eine Wohnung kaufen und die Stadt würde zu einer Art „New-Mexico“. Dass die Wohnungspreise in Moskau heute bei 5.000 Dollar pro Quadratmeter liegen und man selbst am Stadtrand der 14-Millionen-Stadt für eine Drei-Zimmer-Wohnung in einem Plattenbau heute 250.000 Dollar bezahlen muss, findet Polonski völlig normal. Tadschiken, Chinesen und Türken bauen Moscow City. Aber wenn der Bau vollendet ist, sollen die Armen Eurasiens die Stadt wieder verlassen.Zu groß für die Internationale RaumstationPolonski liebt den Nervenkitzel. Er machte einen Flugschein für den Mig-Kampfbomber. Dann wollte er Weltraumtourist werden. Mitten während der Ausbildung im Moskauer „Sternenstädtchen“ sagten die Ärzte, er müsse auf der Erde bleiben. Angeblich war der Mirax-Chef mit einer Körpergröße von 194 Zentimetern zu groß für das Raumschiff. Nervenkitzel muss sein, auch im Federation Tower. Einige Lifte im Tower bekommen auf Anweisung des Bauherrn verglaste Fußböden. Man soll tief in den Schacht blicken können. „Moscow City“ ist nur eine von vielen Großbaustellen in der Stadt. Allen Warnungen zum Trotz will der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow in den nächsten Jahren insgesamt 200 Wolkenkratzer bauen lassen. Kritiker meinen, er sei der Erfüllungsgehilfe mächtiger Immobilien-Firmen, die mit den Wolkenkratzern das große Geld machen. Den Stadtvater treiben familiäre Interessen, meint der Architekt Aleksej Klimenko. Luschkows Ehefrau, Jelena Baturina, ist mit ihrem Bau-Unternehmen „Inteko“ steinreich geworden. Auf der Liste der 87 russischen Dollar-Milliardäre steht sie mit einem Vermögen von 4,2 Milliarden auf Platz 31. „Alle Hochhaus-Aufträge laufen über den Tisch des Bürgermeisters,“ meint Klimenko, der im Moskauer Baurat sitzt und sich auskennt. Der Moskauer Baugrund sei verkarstet, so der Architekt. Er ist zu schwach für die neue Wolkenkratzer-Mode. Schon jetzt kommt es vor, dass Straßen plötzlich einbrechen oder Häuser Risse bekommen, weil unterirdische Bäche Höhlen auswaschen. Wird der Federation Tower stabil stehen? Die Architekten Tchoban und Schweger haben bisher nur Hochhäuser mit bis zu 50 Etagen gebaut. „Ein Gebäude funktioniert immer nach den gleichen Prinzipien“, meint Projektleiter Lassen. „Dass man jetzt ein bisschen höher baut, ist in erster Linie eine tragwerksplanerische Aufgabe, die auf mathematischen Kalkulationen beruht, welche wir als Architekten nicht berechnen. “Das ist schon eine verrückte Welt. Vor 17 Jahren standen die Moskauer noch mit Lebensmittelmarken vor leeren Geschäften. Die Hälfte der Russen wollte auswandern. Jetzt wollen alle, die es sich irgendwie leisten können, in Moskau Wohnungen kaufen. Und bald werden die Ersten über den Wolken im Pool plantschen.  ENDENachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 30 83 11 87


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