Die Johannes-Paul-Generation
Drei Jahre nach seinem Tod ist Karol Wojtyla in Polen Pop – seine Lehre eher weniger(n-ost) – Am Mittwoch, den 2. April, rückt ganz Polen wieder eng zusammen. Um genau 21.37 Uhr ist es so weit. Zu diesem Zeitpunkt vor dann genau drei Jahren war der Tod Johannes Pauls II. bekannt gegeben worden. Wie damals werden wieder Millionen Polen in ihren Häusern, auf den Straßen und in Gottesdiensten für ihren Papst beten und die Städte und Dörfer in das Licht von Millionen Kerzen tauchen. Schon zu seinen Lebzeiten wurden an vielen Orten in Polen Denkmäler für den Papst enthüllt und Hauptstraßen nach ihm benannt. Drei Jahre nach seinem Tod gibt es wohl kein Dorf mehr, in dem nicht in irgendeiner Weise an ihn erinnert wird. Jan (Johannes), Pawel (Paul) und Karol (nach dem bürgerlichen Vorname des Papstes) gehören in den letzen Jahren zu den populärsten Kindernamen. Immer noch werden T-Shirts mit der bekannten Abkürzung JP2 verkauft und getragen. „Die JP2-Generation“, die Generation von Johannes Paul II. - so nennen sie sich selbst. Junge Polen, die 1978, als Karol Wojtyla sein Pontifikat begann, noch Kinder waren oder noch gar nicht geboren. Wie sehr der verstorbene Papst in Polen noch das Bewusstsein auch junger Menschen bestimmt, verdeutlicht eine Anekdote aus einer Warschauer Kirche: Einem jungen Priester unterlief dort Monate nach dem Tod des polnischen Papstes noch das Missgeschick, zum Gebet für den polnischen Primas und für Papst Johannes Paul II. aufzurufen, obwohl im Vatikan schon eine ganze Weile ein neuer Papst regierte. Der Priester war damals 29. Für ihn, genauso wie für Millionen von Polen, hatte bis dahin nur ein Papst existiert. Der deutsche Nachfolger Papst Benedikt XVI. ist im Bewusstsein der Polen „ein Papst“ unter vielen, Johannes Paul II. dagegen ist „unser Papst“, so bezeichnen ihn in einer Umfrage immer noch 94 Prozent der Befragten. Und 80 Prozent behaupten, sie würden weiterhin nach der Lehre Johannes Pauls leben. Doch wie religiös ist die „Generation JP2“ tatsächlich? Auch wenn sich Pater Boguslaw aus Warschau immer wieder über die große Beteiligung von Studenten und anderen jungen Leuten an den Gottesdiensten und bei Pilgerfahrten freut, lässt er sich davon nicht täuschen: „Wie viele von ihnen weiß tatsächlich worum es hier geht? Wie viel wissen diejenigen, die sich selbst als JP2 Generation bezeichnen, tatsächlich von der Lehre des Papstes? Und vor allem – leben sie tatsächlich danach?“
Obwohl über zwei Drittel der Polen behaupten, sie hätten die Werke des verstorbenen Papstes zumindest teilweise gelesen, zeigen die Umfragen auch, dass nur ein Teil der Lehren dauerhaft bis in die Köpfe und Herzen der Leser gelangt ist. Nur jeder dritte Pole weiß beispielsweise, dass Papst Johannes Paul II. bedingungslos gegen Abtreibung war, selbst bei Gefahr für das Leben der Mutter. Fast die Hälfte der Befragten zeigt sich davon überzeugt, der Papst habe Homosexualität akzeptiert. Ausgerechnet die Angehörigen der Generation JP2 wissen äußerst wenig über die Lehre des Papstes. Fast die Hälfte der Studenten der Katholischen Wyszynski Universität in Warschau benutzt Verhütungsmittel, ganz im Widerspruch zu den Prinzipien Johannes Pauls II. Magdalena, eine 25-jährige Journalistin, zählt sich zur Generation JP2, „weil ich Vertrauen zu ihm hatte. Er hat gute Augen gehabt. Außerdem gab er uns als Nation viele Gründe zu Stolz und Anerkennung auf internationaler Ebene.“ Und Zygmund, ein Straßenhändler, sagt: „Klug war er, unser Jan Pawel. Sogar Parteileute waren auf ihn stolz und das im kommunistischen Polen!“ Zygmund erinnert sich noch daran, dass sogar das staatstreue Fernsehen 1978 live aus Rom berichtete, nachdem klar war, dass ein Pole zum neuen Oberhaupt des Vatikan gewählt wurde. Damals war Zygmunt in der Armee. Auch seine Vorgesetzten freuten sich, was ihm damals recht seltsam vorkam.Laut einer Umfrage der konservativen Tageszeitung „Rzeczpospolita“ beten 65 Prozent der Polen „oft“ oder „manchmal“ für eine baldige Heiligsprechung des Papstes. Das wünschen sich sogar diejenigen, die sich selbst als „nicht praktizierend“ oder sogar „nicht gläubig“ bezeichnen. Tomasz Zukowski, Soziologe von der Warschauer Universität, wundert dies nicht. Er hat das Bild Johannes Pauls in Polen untersucht und herausgefunden, dass der Papst nicht allein eine religiöse Rolle sondern die Rolle eines Anführers der ganzen Gesellschaft spielte. „Er hatte etwas von einem gutartigen Monarchen“, fasst Zukowski zusammen. Pater Boguslaw aus Warschau sieht es nüchtern. Natürlich möchte er, dass Johannes Paul heilig gesprochen wird. Doch ein seliger oder gar heiliger Johannes Paul II. wäre für die Kirche eine ganz andere Person, als für den Großteil der Bevölkerung. „Aus Johannes Paul wurde beinahe eine Pop-Ikone gemacht“, analysiert Pater Boguslaw. „Jede Person sehnt sich nach einer Autorität und einem Vorbild für das eigene Leben. Nur dass sich dieses Vorbild am liebsten nicht vom eigenen Lebensstil unterscheiden sollte. Und so sucht sich jeder in der Figur von Johannes Paul die Fähigkeiten, die ihm am meisten gefallen. Mit einer echten Identifizierung mit der Papstlehre hat dies nur wenig zu tun, leider“. Zu den diesjährigen Feierlichkeiten zum dritten Todestag kündigten die kirchlichen Behörden in Polen an, dass die Seligsprechung Johannes Pauls voraussichtlich am 16. Oktober stattfinden werde, dem Jahrestag der Papstwahl 1978. „Wenn Johannes Paul erst selig gesprochen wird, werden sich nur wenige noch um seine Worte kümmern“, fürchtet Pater Boguslaw. „Sein Kult wird alles verdecken.“ Schon jetzt seien Anzeichen dafür zu finden, meint der Pater und verweist auf die mediale Kampagne anlässlich des Jahrestages seines Todes. Eine Woche lang gibt es im Fernsehen fast nur den Papst zu sehen, auch Zeitungen, Buchhandlung und sogar das Parlament haben sich auf das Ereignis eingestellt. Überdimensionale Papstporträts schmücken die zentralen Plätze des Landes. Ganz allein steht Pater Boguslaw mit seiner Ansicht in Polen nicht. Doch die Mehrheit feiert ihren Papst, wie sie ihn gerne hätte: „Die Amerikaner haben ihre weltbekannte Micky Maus, wir haben unseren Papst“, sagt ein Mann, der in Warschau vor einer Papst-Büste die Straße fegt. Ganz ernst und stolz meint er das. ENDENachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 30 83 11 87